Die Energiewende braucht eine Erdgasstrategie

Deutschland hat sich dem Ziel der Klimaneutralität verschrieben. Der Ausbau erneuerbarer Energien ist in vollem Gange und wird unser Energiesystem grundlegend verändern.

Eine erfolgreiche Transformation braucht nicht nur ein Zielbild und eine Strategie für den Hochlauf neuer Technologien. Sie braucht auch einen strategischen Plan für den Weg dorthin, der das gesamte Energiesystem erfasst. Genau hier wird die energiepolitische Debatte in Deutschland häufig unvollständig geführt. Denn solange die Alternativen noch aufgebaut werden, bleibt Erdgas ein unverzichtbarer Bestandteil unseres Energiesystems.

Deutschland ist weiterhin der größte Erdgasmarkt Europas. Erdgas deckt noch immer mehr als ein Viertel des Primärenergieverbrauchs in Deutschland. Öl, Erdgas und Kohle zusammen stehen sogar für mehr als drei Viertel unseres Energieverbrauchs. Wie schnell sich das ändert, hängt davon von der Geschwindigkeit ab, mit der neue Technologien in den Bereichen Wärme, Verkehr, Industrie und Stromerzeugung wirtschaftlich skaliert und breit eingesetzt werden können.

Wer eine erfolgreiche Energiewende will, muss auch die Energieversorgung während der Übergangsphase strategisch gestalten. Im besten Interesse der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Volkswirtschaft brauchen wir für den Übergang eine resiliente bezahlbare Versorgung.

Deutschland tut sich politisch bemerkenswert schwer, eine in sich stimmige Strategie für die Erdgasnutzung und Erdgasversorgung als Element des Transformationsprozesses zu entwickeln. Sobald das Thema aufkommt, wird von interessierter Seite reflexhaft unterstellt, es sei die „Gaslobby“ am Werk. Dabei ist eine Erdgasstrategie kein Gegenentwurf zur Transformation, sondern eine Voraussetzung für ihr Gelingen.

Bei der Bewältigung der Gaskrise hat die Politik vieles richtig gemacht. LNG-Terminals wurden gebaut, wichtige Marktakteure wie Uniper und SEFE stabilisiert. Das war erfolgreiches Krisenmanagement. Aber Krisenmanagement ersetzt keine langfristige Strategie.

Die Rahmenbedingungen haben sich grundlegend verändert. Deutschland deckt mittlerweile rund die Hälfte seiner Importe über den globalen LNG-Markt. Preise und Verfügbarkeit werden zunehmend durch Entwicklungen in Asien, geopolitische Konflikte und strategische Entscheidungen großer Produzentenländer beeinflusst. Wer unter diesen Bedingungen glaubt, der Markt werde schon alles richten, unterschätzt die neuen Realitäten des globalen Erdgasmarktes. Deutschland und die EU haben nicht den Luxus, als großer Erdgasmarkt den Lieferanten ihren Willen aufzuzwingen – so funktioniert der globale Erdgasmarkt nicht. Die aktuelle Krise in der Straße von Hormus ist ein Beispiel, aber dieses Problem ist größer: Debatten wie die Anwendung der EU-Methanverordnung auf Erdgasimporte belegen die Komplexität dieser internationalen Gemengelage.

Umso wichtiger sind politische Rahmenbedingungen, die langfristige Lieferbeziehungen, Investitionssicherheit und wettbewerbsfähige Energiepreise ermöglichen.

Zu einer resilienten Rohstoffversorgung gehört intensivere Nutzung der heimischen Potenziale. Das ist für mineralische Rohstoffe politisch und gesellschaftlich völlig unbestritten. Bei der heimischen Erdgasförderung wird es dann merkwürdig leise, wenn nicht ablehnend – obwohl sich hier dieselben Probleme ergeben wie bei den mineralischen Rohstoffen. Statt die Potenziale der heimischen Gasförderung intensiver zu nutzen, importieren wir LNG vom globalen Erdgasmarkt: zu hohen Kosten und mit erheblich höherem CO2-Fußabdruck, weil Verflüssigung und lange Transportwege erforderlich sind. Wer heimische Förderung verhindert, reduziert den Gasverbrauch nicht. Er ersetzt vielmehr heimisches Gas, das unter den strengen deutschen Umwelt- und Sicherheitsstandards produziert wird, durch zusätzliche Importe.

Die Forderung nach einem Ende der heimischen Gasförderung weist deshalb in die falsche Richtung. Sie erhöht Importabhängigkeiten, schwächt die Versorgungssicherheit und verschlechtert die CO₂-Bilanz der Erdgasversorgung.

Hinzu kommt ein Aspekt, der in der aktuellen Debatte bislang kaum beachtet wird. Angesichts niedriger Speicherfüllstände und anhaltender Unsicherheiten auf den internationalen Gasmärkten wirkt jedes zusätzlich in Deutschland geförderte Erdgas-Molekül faktisch wie ein kleiner zusätzlicher Gasspeicher. Es steht unmittelbar für Verbraucher und Industrie zur Verfügung und erhöht die Resilienz unseres Energiesystems.

Die Rolle von Erdgas wird durch den konsequenten Ausbau erneuerbarer Energien abnehmen. Aber Unternehmen und Verbraucher, die heute auf Erdgas angewiesen sind, brauchen für die Übergangszeit verlässliche Antworten auf Fragen der Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit.

Deshalb braucht Deutschland nicht weniger, sondern mehr Strategie für Erdgas. Wer die Energiewende will, muss auch die Energieversorgung während der Energiewende organisieren. Eine Erdgasstrategie ist kein Gegenentwurf zur Transformation. Sie ist eine Voraussetzung dafür, dass die Transformation gelingt und Deutschland ein wettbewerbsfähiger Industriestandort bleibt.