Artikel aus dem Handelsblatt Journal Sicherheit und Verteidigung
Der Weltraum ist neben Land, Meer, Luft und Cyberraum längst zur fünften Domäne menschlicher Existenz geworden und gewinnt kontinuierlich an politischer, wirtschaftlicher und militärischer Bedeutung. Mit der zunehmenden Raumfahrt steigt zugleich das Risiko strategischer Abhängigkeiten: Wer über Weltraumfähigkeiten verfügt und diese kontrolliert, besitzt erheblichen Einfluss auf Sicherheit, Wirtschaft und technologische Entwicklung.
Weltraumsicherheit ist daher ein zentraler Bestandteil nationaler und internationaler Sicherheit und eine Voraussetzung moderner Daseinsvorsorge. Für Europa und insbesondere Deutschland ist es entscheidend, die eigene technologische und sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit zu wahren. Dies gilt sowohl angesichts der militärischen Dimension des Weltraums als auch aufgrund seiner wachsenden wirtschaftlichen Bedeutung. Die Space Economy wächst jährlich um etwa neun Prozent und könnte bis 2035 ein Volumen von rund 1,8 Billionen US-Dollar erreichen, wodurch der Weltraum zu einem zentralen Innovations- und Zukunftsraum wird – an einer Schwelle vergleichbar mit dem Internet in den 1990er-Jahren – und zugleich eine wachsende Relevanz für militärische Zielsetzungen erhält.
Komplexes Lagebild
Der Weltraum hat sich in den letzten Jahrzehnten zudem zu einem kritischen Enabler moderner Militäreinsätze entwickelt. Weltraumbasierte Daten, Produkte und Dienste sind für die Planung und Durchführung moderner Operationen unverzichtbar. Der massive Aufbau neuer, vor allem kommerzieller Systeme hat diese Entwicklung beschleunigt, sodass der Weltraum inzwischen auch auf taktischer Ebene eine entscheidende Rolle spielt.
Besonders die bislang kommerziell genutzten LEO-Systeme ermöglichen nahezu Echtzeit-Kriegsführung auf hypertransparenten Gefechtsfeldern, auf denen Informationen innerhalb von Minuten benötigt und ausgewertet werden müssen. Als verbindendes Element aller militärischen Domänen ist der Weltraum für Multi-Domain Operations unverzichtbar. Gleichzeitig macht diese Abhängigkeit Weltraumsysteme zu attraktiven Zielen und erhöht deren Verwundbarkeit. Der Weltraum ist somit längst nicht mehr nur Unterstützungsdomäne, sondern eine eigenständige Domäne der Kriegsführung. Die Bedrohungen ergeben sich aus der steigenden militärischen Abhängigkeit vom Weltraum und den schnell wachsenden Fähigkeiten potenzieller Gegner.
Zahlreiche Staaten entwickeln Counterspace-Fähigkeiten, um gegnerische Objekte zu täuschen, zu stören, zu beeinträchtigen oder zu zerstören und eigene Systeme zu schützen. Das Spektrum reicht von Cyberangriffen, elektromagnetischen Störungen und der Manipulation von Datensignalen über Laser, Rendezvous- und Proximity-Operations bis hin zu Antisatellitenwaffen und nuklearen Explosionen im Weltraum. Cyber- und elektromagnetische Operationen haben sich bereits als Standardmethoden etabliert. Zudem verdeutlichen die zunehmenden Demonstrationen militärischer Fähigkeiten und Manöver, dass künftige Konflikte nicht nur mit und durch den Weltraum, sondern im Weltraum selbst geführt werden. Wie die US Space Force feststellt: „Space warfare is a certainty in the future because the use of space in war has become vital.“
Auch der geopolitische Wettbewerb zwischen den USA und China spielt sich zunehmend im Weltraum ab. Beide Staaten streben nach Space Superiority und wetteifern um Startraten, neue Technologien und Mega-Konstellationen (Starlink & Starshield vs. Guowang & Qianfan). Ferner sehen sich beide Staaten im „Second Space Race“, die nächsten Menschen auf den Mond zu bringen – was diesmal aber nur der erste Schritt sein wird. Vielmehr wird der Sieger dieses noch offenen Rennens einen signifikanten First-Mover-Vorteil erlangen, insbesondere in Bezug auf die Errichtung einer permanenten Mondbasis, die strategisch bedeutsamen cislunaren Umlaufbahnen, die Lagrange-Punkte und die zukünftige Weltraumordnung.
Europa muss nicht nur Geopolitik, sondern auch Astropolitik lernen
Europa versteht sich selbst als „great space power“, war jedoch lange Zeit am Rand der Entwicklungen und überwiegend blind gegenüber geopolitischen Dynamiken im Weltraum. Zwar wurden Weltraumfähigkeiten in den vergangenen Jahren als essenziell für strategische Autonomie, Sicherheits- und Verteidigungsfähigkeit erkannt, doch besteht weiterhin erheblicher Nachholbedarf.
Die EU verfügt mit Galileo (PNT) und Copernicus (EO) über leistungsfähige eigene Systeme, in kritischen Bereichen wie Satellitenkommunikation, Raketenfrühwarnung, SIGINT, Startkapazitäten und Space Situational Awareness ist sie jedoch stark vom transatlantischen Partner abhängig. Der Aufbau souveräner Verteidigungs- und Abschreckungsfähigkeiten ist daher zentral, um eigene Interessen zu schützen und feindliche Aktivitäten im und aus dem Weltraum abzuwehren.
Die im Oktober 2025 veröffentlichte Defence Readiness Roadmap 2030 hebt den Aufbau eines „European Space Shield“ als Flagship-Projekt hervor. Es soll Dual-Use-Kapazitäten ergänzen, nationale Systeme interoperabel machen und Abhängigkeiten reduzieren. Von der ESA-Ministerratskonferenz 2025 in Bremen ging das Signal aus, dass sich die Denkweise und Mentalität in Europa endlich gewandelt hat. Sicherheit und Verteidigung sind kein Schmuddelkind mehr, sondern werden zentral mitgedacht, dual-use und kommerzielle Innovationen sollen gefunden, gefördert und genutzt werden.
Die Bündelung und Verzahnung nationaler Kapazitäten ist ein richtiger Schritt. Langfristig erfordert echte europäische Souveränität jedoch mehr: größere Flexibilität, eine unabhängige Space-Industrie, ausreichende Redundanz („one is none“), schnelle Reaktionsfähigkeit und robuste Resilienz, um eine glaubwürdige Abschreckung dauerhaft sicherzustellen.
Weltraumsicherheitsstrategie Deutschlands – ein wichtiges Signal
Mit der Weltraumsicherheitsstrategie (WRSS) hat Deutschland ein lange bestehendes strategisches Defizit geschlossen. Erstmals schafft die Bundesregierung damit eine politisch-strategische Grundlage für eine gesamtstaatliche Weltraumsicherheitsarchitektur. Die WRSS formuliert anspruchsvolle, jedoch unabdingbare Ziele für die europäische Souveränität und Handlungsfähigkeit, definiert langfristige Visionen und spezifiziert konkrete Maßnahmen zu deren Implementierung. Die Strategie adressiert eine Vielzahl bestehender Fähigkeitslücken, schafft aktive Wirkmöglichkeiten im Weltraum sowohl defensiv als auch offensiv, steigert die Resilienz und zielt auf glaubhafte Abschreckung und eine adaptive, „lebende“ Weltraumsicherheitsinfrastruktur ab.
Parallel dazu hat die Bundesrepublik Deutschland angekündigt, bis zum Jahr 2030 insgesamt 45 Milliarden Euro in die Raumfahrt zu investieren, wovon 35 Milliarden Euro speziell in den Aufbau einer Weltraumsicherheitsarchitektur der Bundeswehr fließen sollen. In dieser Hinsicht nimmt Deutschland eine führende Position innerhalb Europas ein und setzt einen signifikanten Impuls für die Gewährleistung eigener Fähigkeiten im All. Die Bundesregierung hat damit ein unmissverständliches Signal gesendet: Deutschland hat die sicherheitspolitischen Herausforderungen aus und im Weltraum identifiziert und dieses Bewusstsein nun in den Aufbau umfassender Kapazitäten und Fähigkeiten mit einem präzise definierten militärischen Auftrag transformiert. Gleichzeitig strebt Deutschland die Übernahme einer führenden Rolle in der europäischen Weltraumsicherheits- und Verteidigungspolitik an.
Die Bundesrepublik Deutschland verfolgt in dieser Angelegenheit nicht das Ziel, isoliert zu agieren, sondern innerhalb des europäischen Raumes die Rolle eines Impulsgebers und einer sogenannten Anlehnungsnation einzunehmen. Ein wesentlicher Aspekt in diesem Zusammenhang ist die geplante Einrichtung eines European Space Component Command (ESCC), dessen Funktion in der Koordination und Durchführung gemeinsamer Weltraumoperationen mit Partnern besteht. Deutschland verbindet demnach nationale Kapazitätsentwicklung mit europäischer Kooperation und leistet einen aktiven Beitrag zur Stärkung der kollektiven Weltraumsicherheit Europas.
Denn Weltraum ist und bleibt ein Teamsport, den kein Staat allein meistern kann. Um die Handlungs- und Verteidigungsfähigkeiten in Europa bestmöglich aufzustellen, ist es von eminenter Wichtigkeit, nationale Programme, Investitionen und Fähigkeitsaufbau in Europa zu koordinieren und Interoperabilität gleich mitzudenken. Innovationen und die europäische Raumfahrtindustrie müssen gefördert werden, um eine langfristige Wettbewerbsfähigkeit zu gewährleisten und bestehende Abhängigkeiten zu überwinden.
Deutschland erhebt den Anspruch, im Weltraum nicht mehr nur Mitnutzer zu sein, sondern Mitgestalter zu werden. Entscheidend für die europäische Zukunft im Weltraum wird sein, eine Koordinierungs- und Führungsrolle zu etablieren, die akzeptiert wird.