Smart Meter Rollout: Digitalisierungspflicht ohne Umsetzungsmacht?

Artikel aus dem Handelsblatt Journal Energiewirtschaft vom September 2026

150.000 Zähler, vier Jahre, eine Region im Allgäu: Was die AllgäuNetz GmbH bis Ende 2028 umsetzt, stellt Stadtwerke und Netzbetreiber bundesweit vor dieselben Fragen. Wer übernimmt die operative Last eines Rollouts, der nicht mehr aufzuschieben ist? Wie bleibt die regulatorische Verantwortung dabei an der richtigen Stelle?

Regulierungen bieten keinen Spielraum mehr. Deutschland ist spät dran. Hohe Sicherheitsanforderungen, zertifizierte Gateways und komplexe Marktprozesse haben den Smart-Meter-Rollout gebremst. Die Fristen sind gesetzt, und für grundzuständige Messstellenbetreiber (gMSB) gibt es keinen zeitlichen Spielraum mehr. Das Messstellenbetriebsgesetz ist eindeutig: Wer höhere Jahresverbräuche im Netz hat oder steuerbare Verbrauchseinrichtungen betreibt, bekommt ein intelligentes Messsystem. Die Bundesnetzagentur überwacht den Fortschritt öffentlich, nachprüfbar und verbindlich. § 14a EnWG verlangt zudem, dass steuerbare Verbrauchseinrichtungen wie Wärmepumpen und Ladeeinrichtungen netzdienlich steuerbar sind. Das geht nur mit sicherer Kommunikationsinfrastruktur. Intelligente Messsysteme liefern sie. Sie ersetzen keine Netzplanung, doch sie geben ihr erstmals Echtzeitdaten.

Smart Meter für die Fläche

Wir als AllgäuNetz sind Betreiber des Stromnetzes in weiten Teilen des südlichen Allgäus, nutzen die regulatorischen Vorgaben als Ausgangspunkt für unsere Strategie eines Smart-Meter-Vollrollouts. Wir haben uns für einen flächendeckenden Rollout entschieden: Gemeinde für Gemeinde, Straßenzug für Straßenzug werden intelligente Messsysteme auf einer eigens aufgebauten, sicheren Funkinfrastruktur eingeführt. Das reduziert Wegezeiten, erleichtert die Einsatzplanung und verteilt die Installationen gleichmäßig über die Laufzeit. Der Ausbau läuft in zwei Schritten. Zunächst wird der neue Zähler installiert. Dann folgt die Aktivierung als vollwertiges intelligentes Messsystem mit allen Grid-Funktionen: Redispatch, E-Mobilität, Lastmanagement für dynamische Tarife und transparente Verbrauchsdaten. Auf unserer Internetseite erklären wir unserem Umfeld, wann welche Gemeinde an der Reihe ist, wie das Übertragungsnetz entsteht, was Smart Meter für die Menschen vor Ort bedeutet und welche Vorteile das mitbringt. Der Rollout wird so zum planbaren Projekt für die Organisation und zum nachvollziehbaren Schritt in der Energiewende für die Kunden.

Skalierung ist die Herausforderung, Metering-as-a-Service ist die Antwort

Das eigentliche Problem ist die Menge. Ein intelligentes Messsystem besteht aus Zähler, Gateway, Kommunikationsanbindung und einer Vielzahl von Hintergrundprozessen. Bei einigen hundert Geräten pro Jahr lässt sich das individuell organisieren. Bei fünfstelligen Stückzahlen nicht mehr, denn Einbau, Inbetriebnahme und Marktkommunikation müssen dann reibungslos ineinandergreifen.

Hier setzen wir auf das Meter-as-a-Service-Modell des Technologiekonzerns Hausheld AG. Der Partner übernimmt als Generalunternehmer die Gerätetechnik, die Montage und die technische Anbindung der Systeme. Damit liegt die operative Last des Rollouts klar beim Dienstleister, der als Erfüllungsgehilfe des gMSB agiert und die massenhafte Umsetzung effizient organisiert.

Der technische Kern ist eine Funk-Mesh-Lösung: PTB-zertifizierte Zähler in den Häusern und Kellern verbinden sich BSI-konform verschlüsselt mit wenigen zentralen Gateways, die z.B. im Umfeld der Ortsnetzstationen montiert sind. Dies reduziert die Anzahl der Gateways um bis zu 96 Prozent sowie die Kosten für Montage, Fahrten und Material. Wir als gMSB zahlen nicht für Hardware oder Installationen, sondern für geKommunikalieferte Messdaten. Das Modell bewegt sich innerhalb der gesetzlich vorgeschriebenen Preisobergrenzen und bietet Finanzierungsoptionen, sodass eigene Investitionen entfallen. Die Betriebskosten sinken dauerhaft. Ein Voll-Rollout im gesamten Netzgebiet wird damit wirtschaftlich realisierbar. Wir kommen damit unserer Digitalisierungspflicht nach und versuchen, Gestalter statt Getriebener zu sein. Mit eigenen operativen Ressourcen und der Rolle Asset-Manager-Metering behalten wir Know-how und strategische Umsetzungskraft. Unser Partner hat durch diese Entkopplung die Aufgabe, die aktuellen und zukünftigen Anforderungen des Regelwerkes abzubilden und bereitzustellen, entlang der Wertschöpfungskette, um den Smart-Meter-Rollout weiterhin sicherzustellen. Wer den Ausbau entschlossen angeht, baut mehr auf als eine Zählerinfrastruktur, nämlich die Basis für netzdienliche Steuerung, Echtzeitdaten und eine stärkere Rolle im Energiesystem. Wer diesen Weg wählt, der geprägt ist von dieser Rollenteilung, gewinnt Planungssicherheit und gestaltet die künftige Energieversorgung aktiv mit, statt unter Zeitdruck reagieren zu müssen.

Wir versuchen, Gestalter statt Getriebener zu sein.

Volker WiegandGeschäftsführer, AllgäuNetz GmbH
Das aktuelle Handelsblatt Journal
Dieser Artikel ist im aktuellen Handelsblatt Journal „ENERGIEWIRTSCHAFT“ erschienen. Das vollständige Journal können Sie sich hier kostenlos herunterladen:
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