Sicherheit wird aufgebaut, nicht nur eingekauft

Russlands Krieg gegen die Ukraine hat das europäische Denken über Verteidigung grundlegend verändert. Sicherheit misst sich nicht mehr allein an der Größe einer Armee oder an den Waffen, die sich kaufen lassen. Entscheidend ist, wer kritische Fähigkeiten selbst produzieren, liefern und aufrechterhalten kann.

Artikel aus dem Handelsblatt Journal Defense

Die Verteidigungsindustrie ist damit längst keine rein wirtschaftliche Frage mehr. Sie ist eine Frage der nationalen Sicherheit.

Litauen hat entsprechend reagiert. Im Jahr 2026 investieren wir 5,38 Prozent unseres BIP in die Verteidigung – mehr als jedes andere NATO-Mitglied. Wir verstehen uns nicht als Konsumenten von Sicherheit, sondern als deren Anbieter: an der Ostflanke des Bündnisses und für Europa als Ganzes.

Vier Schwerpunkte, ein Ziel

Um dieses Bekenntnis in Fähigkeiten umzusetzen, haben wir unsere verteidigungsindustriellen Anstrengungen auf vier strategische Bereiche konzentriert.

  • An erster Stelle steht die Produktion von Munition, Sprengstoffen und energetischen Materialien, deren Bedarf in Europa stark gewachsen ist und deren lokale Kapazitäten zu einer strategischen Notwendigkeit geworden sind.
  • Der zweite Bereich betrifft Drohnen und Anti-Drohnen-Technologien – FPV- und Langstreckensysteme, Aufklärungsdrohnen, Drohnenabwehrsysteme (Counter-UAS) und elektronische Kriegsführung –, denn die Ukraine hat gezeigt, dass das Beherrschen dieser Systeme und ihre Abwehr heute über den Ausgang von Gefechten entscheiden.
  • Der dritte Schwerpunkt ist die Produktion, Wartung und Reparatur militärischer Ausrüstung, damit im Krisenfall sowohl unser eigenes als auch das Material unserer Verbündeten auf litauischem Boden schnell wieder einsatzbereit gemacht werden kann.
  • Hinzu kommt viertens die maritime Verteidigung zur Stärkung der Sicherheit in der Ostseeregion und an der gesamten Ostflanke der NATO.

Diese vier Schwerpunkte sind der Weg, auf dem wir Staat, Industrie und Wissenschaft hinter einem gemeinsamen Ziel vereinen: eine widerstandsfähigere und wettbewerbsfähigere litauische Verteidigungsindustrie, die zur Sicherheit des Bündnisses beiträgt.

Wir verstehen uns nicht als Konsumenten von Sicherheit, sondern als deren Anbieter: an der Ostflanke des Bündnisses und für Europa als Ganzes.

Robertas KaunasVerteidigungsminister der Republik Litauen

Deutschland im Mittelpunkt

Nichts davon lässt sich von unserer Partnerschaft mit Deutschland trennen. Die Stationierung der deutschen Brigade in Litauen ist eine historische Entscheidung und der Beginn eines neuen Kapitels unserer sicherheitspolitischen Zusammenarbeit. Die dauerhafte Stationierung der Brigade bedeutet einen dauerhaften Bedarf an Logistik, Infrastruktur, technischem Service und Reparatur – und damit reale Chancen für litauische und deutsche Unternehmen, gemeinsam zu arbeiten und hier vor Ort Wertschöpfung zu betreiben.

Je stärker die Verteidigungsindustrie, die wir in Litauen aufbauen, desto größer unser Nutzen für Deutschland und für das Bündnis. Wir lokalisieren zudem Technologien, die sich unter Kriegsbedingungen bewährt haben. Durch unsere Zusammenarbeit mit ukrainischen Unternehmen und das gemeinsame Programm BRAVE Lithuania sowie durch die regionale Initiative Eastern Flank Watch tragen wir dazu bei, europäische Wertschöpfungsketten in der Verteidigung aufzubauen – in den Bereichen Überwachung, Frühwarnung, Drohnenabwehrsysteme, maritime Sicherheit und elektronische Kriegsführung.

Für deutsche Partner bedeutet das Zugang zu einem Ökosystem, in dem Innovation nach höchsten Standards geprüft wird. Diese Zusammenarbeit wird sich auch auf der bevorstehenden Berlin Security Conference am 3. und 4. November 2026 widerspiegeln, bei der Litauen als Partnerland teilnimmt und sich die Gelegenheit ergibt, litauische Unternehmen kennenzulernen, gemeinsame Interessen auszuloten und praktische Kooperationen aufzubauen.

Abschreckung entsteht gemeinsam. Eine starke, industriell leistungsfähige Ostflanke liegt nicht nur im Interesse Litauens – sie ist gemeinsame Sicherheit, die Deutschland und Litauen zusammen aufbauen.

Das aktuelle Handelsblatt Journal
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