Neue Dynamik an Europas Nordostflanke

Verteidigungstechnisch ist der Nordosten Europas, von der Ostsee bis hin zum Hohen Norden, in den letzten drei Jahren neu konzipiert worden. Die NATO-Beitritte Finnlands und Schwedens (2023 und 2024) markierten die größte Veränderung.

Artikel aus dem Handelsblatt Journal Sicherheit und Verteidigung

Auch wenn die Zukunft der NATO inzwischen von der US-Administration unter Präsident Trump in Frage gestellt wird, sind die Entwicklungen in Nordeuropa durchaus relevant für die europäische Verteidigungsfähigkeit. Sucht man positive Beispiele für gelungene Verteidigungszusammenarbeit in Europa, findet man einige gerade in der nordisch-baltischen Region.

So arbeiten die fünf nordischen Länder Dänemark, Finnland, Island, Norwegen und Schweden bereits seit Jahrzehnten eng miteinander in verschiedenen regionalen Konstellationen: sowohl in unterschiedlichen bi- und trilateralen Formaten als auch im Rahmen der Nordic Defence Cooperation (NORDEFCO). Das engste bilaterale Kooperationsverhältnis ist zwischen Finnland und Schweden entstanden, als beide bis vor kurzem außerhalb der NATO geblieben sind und dadurch in ihrer Zusammenarbeit mit NATO-Ländern – inklusive mit den Nachbarn Norwegen und Dänemark – aufgrund des Partnerstatus etwas eingeschränkt waren. Der NATO-Beitritt Finnlands und Schwedens war trotz der aktuellen transatlantischen Krise deshalb so wichtig, weil er ein komplett neues Niveau an regionaler und europäischer Zusammenarbeit ermöglichte.

Nordische Solidarität zu Luft und Land

Die nordischen Länder haben die Verbindungen sowohl untereinander als auch mit kontinentaleuropäischen Partnern und Großbritannien intensiviert. Die dänischen, finnischen, norwegischen und schwedischen Luftstreitkräfte haben im NORDEFCO-Rahmen ein gemeinsames Einsatzkonzept (Nordic Air Power Concept) entwickelt und eine eigene nordische Division am neuen Combined Air Operation Centre der NATO in Bodø, Nordnorwegen, etabliert. Das Ziel der nordischen Luftstreitkräfte ist ehrgeizig: als eine Einheit umfassende gemeinsame Lufteinsätze durchführen zu können. Die jüngsten Integrationsschritte der nordischen Luftstreitkräfte haben eine lange Vorgeschichte: Schon seit 2009 fliegen Norwegen, Schweden und Finnland wöchentlich gemeinsame grenzüberschreitende Übungen in der Nordkalotte, dem nördlichsten Teil der drei Länder.

Island nimmt an der nordischen Zusammenarbeit in der Luft nicht teil, weil das sich mitten im Nordatlantik befindliche Land mit nur ca. 400 000 Einwohnern keine eigenen Streitkräfte besitzt. Dennoch trägt Island zur neuen Forward Land Force (FLF) in Finnland, einer multinationalen Landstreitkräfteeinheit der NATO, bei. Die FLF, die momentan in Nordfinnland aufgebaut wird, ist ein Symbol der nordischen Solidarität: Schweden übernimmt als Rahmennation die Führung und die anderen nordischen Länder (Dänemark und Norwegen) tragen mit Truppen bei.

Neue Verbindungen mit europäischen Partnern

Gleichzeitig ist die FLF in Finnland auch ein gutes Beispiel für das gestiegene Interesse seitens europäischer Bündnispartner, in Nordeuropa Präsenz zu zeigen: Über die nordischen Länder hinaus tragen auch Frankreich, Italien und Großbritannien zum multinationalen Verband bei.

Der Hohe Norden ist in vieler Hinsicht ein besonders herausfordernder Ort für militärische Operationen. Die Wetterverhältnisse sind hart und für die meisten Bündnispartner ungewohnt: vom kalten, schneereichen und dunklen Winter bis hin zur Mitternachtssonne im Sommer – die vielen Mücken nicht zu vergessen. Im Ernstfall können nur diejenigen NATO-Länder zur Verteidigung der Nordflanke beitragen, die die richtige Ausrüstung für die besonderen Bedingungen besitzen und ausreichend Einsatzerfahrung in der Region gesammelt haben. Deshalb liegt der Fokus der FLF in Finnland auf gemeinsamen Übungen, um die teilnehmenden Bündnispartner mit den extremen Wetterphänomenen vertraut zu machen.

Zusammen mit Norwegen und Litauen investiert auch Deutschland in seine Einsatzbereitschaft in der nordisch-baltischen Region. Norwegen und Deutschland bauen im Rahmen einer strategischen Rüstungspartnerschaft gemeinsame U-Boote, die für Einsätze im Hohen Norden entwickelt worden sind und gleichermaßen durch deutsche und norwegische Besatzungen bedient werden können. Die beiden Länder haben auch weitere gemeinsame Rüstungsprojekte im Gang, wie beispielsweise im Bereich der maritimen Lenkflugkörper. In Litauen ist die ständig dort stationierte deutsche Brigade inzwischen offiziell im Dienst und volle Einsatzbereitschaft ab 2027 geplant. Auch in Litauen arbeitet Deutschland mit Norwegen, das Teil des multinationalen NATO-Verbandes unter deutscher Führung ist, zusammen.

Die NATO-Beitritte Finnlands und Schwedens haben ein komplett neues Niveau an regionaler und europäischer Zusammenarbeit ermöglicht.

Minna ÅlanderAssociate Fellow, Chatham House Europe Programme, Non-resident Fellow, CEPA Transatlantic Defense and Security Programme

Europäische Kräftesammlung in der Arktis und im Nordatlantik

Verteidigungsminister Boris Pistorius war im Herbst auf einer Nordatlantiktour und hat sich während seines Besuchs in Island im Oktober 2025 bereit erklärt, die deutsche Präsenz im Nordatlantik und in Island zu erhöhen. Die Reise ging weiter nach Ottawa, wo Pistorius das Vorhaben einer maritimen Sicherheitspartnerschaft mit Kanada, Norwegen und Dänemark angekündigt hat.

Eine verstärkte deutsche Präsenz im Nordatlantik ist willkommen, da die europäischen NATO-Länder (und Kanada) für die erwartete Reduzierung des amerikanischen Anteils in der Bündnisverteidigung aufkommen müssen. Die britische Marine spielt ebenfalls eine Schlüsselrolle für die Verteidigung sowohl des Nordatlantiks als auch der Arktis. Großbritannien wird in der nordisch-baltischen Region als ein führendes NATO-Land angesehen, nicht zuletzt aufgrund seiner Führungsrolle in der Joint Expeditionary Force (JEF), an der die nordischen und baltischen Länder sowie die Niederlande beteiligt sind. Ohne den Einsatz von Partnern wie Deutschland und Frankreich in der Region können britische Ressourcen jedoch überdehnt werden.

Mit Hinblick auf die Balanceverschiebung innerhalb des Bündnisses, hin zur wesentlich größeren Verantwortungsübernahme durch europäische NATO-Länder, ist auch Frankreichs neuerwachtes Interesse an der Arktis durchaus willkommen. So hat Frankreich im Sommer eine arktische Verteidigungsstrategie veröffentlicht und ist dabei, durch regelmäßige Übungen in der Region seine arktische Einsatzfähigkeit aufzubauen. Seitdem Präsident Trump Dänemark mit einer Annexion Grönlands gedroht hat, steht Frankreich eng an Dänemarks Seite und hat in mehreren Einsätzen und Übungen in und um Grönland die dänischen Partner unterstützt.

Eine neue Region entsteht

Russlands Angriffskrieg in der Ukraine und der NATO-Beitritt Finnlands und Schwedens haben die nordischen und baltischen Länder enger denn je zusammengeschweißt und einen regelrechten Regionsbildungsprozess ausgelöst. Die NB8-Gruppe, ein Koordinierungsformat der fünf nordischen und drei baltischen Staaten, existiert zwar bereits seit den 90er Jahren, hat sich aber in den letzten drei Jahren dank der durch die geografische Nähe bedingten Bedrohungswahrnehmung Russlands und der unermüdlichen Solidarität mit der Ukraine zu einer kohärenten regionalen Gruppierung entwickelt.

Teilweise spiegelt die neugefundene, starke gemeinsame Stimme der NB8 in Europa die Führungsschwierigkeiten, die Deutschland und Frankreich in den ersten Jahren des russischen Angriffskrieges an den Tag gelegt haben, wider. Die kleineren Länder mussten sich zusammentun und die Initiative ergreifen, um Europas Unterstützung für die Ukraine voranzutreiben. Trotz einer zusammengerechneten Bevölkerung von nur ca. 30 Millionen, haben die acht kleinen Länder im europäischen Vergleich bei weitem am meisten für die Ukraine getan, sowohl gemessen am Anteil des BIPs als auch in absoluten Zahlen.

Auch militärisch gesehen ist die nordisch-baltische Region mit dem NATO-Beitritt Finnlands und Schwedens Wirklichkeit geworden. Die neuen Bündnispartner haben die Lücke zwischen Nordnorwegen im Hohen Norden und Litauen in der südlichen Ostsee geschlossen. Die Arktis und die Ostsee sind nun durch Finnland und Schweden direkt miteinander verbunden und können nicht mehr als getrennte Verteidigungsgebiete betrachtet werden. Die verstärkte regionale Zusammenarbeit sowie das gestiegene Interesse größerer Bündnispartner, wie Deutschland und Frankreich, zeugen von den vielen Veränderungen, die in einer kurzen Zeit in der Region stattgefunden haben – und von einer neuen Dynamik, die für ganz Europa von Relevanz ist.


Foto: © Liisa Valonen (Portrait)

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