2026. Das Jahr der Rüstungsoffensive.

Von analogen Pflugscharen zu digitalen Schwertern

Wie gelingt das systematische Hochfahren der rüstungsindustriell notwendigen Produktionskapazitäten, um mit der vehement von Verteidigungsminister Boris Pistorius geforderten Kriegstüchtigkeit deutscher Streitkräfte einen potenziellen russischen Angriff auf Nato Territorium bis 2029 schlagkräftig und siegreich abwehren zu können? Militärpolitische Kernfragen, wie die nach der Zeitenwende zu realisierende Truppenaufrüstung, Europas verteidigungspolitische Souveränität und Deutschlands neue Weltraumsicherheitsstrategie standen bei der Berliner „Handelsblatt Konferenz Sicherheit und Verteidigung 2026“ ganz oben auf der Agenda.

Bundeshauptstadt Berlin. In der verteidigungspolitischen Landschaft sicherheitspolitischer Kongressformate gehört die Handelsblatt Konferenz Sicherheit & Verteidigung längst zu den Flaggschiffen der Resilienz-affinen Szene. Regelmäßig in der Bundeshauptstadt ausgerichtet, lud das 2026er Dreitageevent rund 400 Spitzenmilitärs und Rüstungsmanager, Diplomaten und Verteidigungsexperten sowie zahlreiche Medienvertreter an die Spree. Zu den Schwergewichten unter den Topoi zählten dabei die Megathemen Stabilität des transatlantischen Verteidigungsbündnisses und europäische Souveränität, rüstungspolitische Tempoinitiativen, neue Wehrtechnik-Start-ups und disruptive Rüstungsmärkte sowie Deutschlands Sicherheitsambition im Weltraum. Wie kein anderes völkerrechtswidriges Ereignis dokumentiert der russische Ukraineangriff aus dem Februar 2022 ungebrochen die zentrale geopolitische Machtverschiebung mitten in Europa.

Trumps Grönland-Debakel, ein transatlantischer Stresstest

Und dennoch, überlagert wurden Moskaus sowjetpolitisch anmutende Macht- und Rekonstruktionsgelüste zunächst durch Debatten um die bizarren Grönland- und Arktis-Ambitionen der US-amerikanischen Trump-Administration, die nach Europas gemeinsamer Militärpräsenz in Nuuk und der konzilianten Intervention des Nato Generalsekretärs Mark Rutte auf der Handelsblatt Sicherheitstagung von tendenziell gedämpften Tönen begleitet wurden. Darunter denen des Politischen Direktors im Auswärtigen Amt, Dominik Mutter, der Trumps strategische Unberechenbarkeit mit einem transatlantischen Stresstest verglich, trotz der erheblichen Belastungsprobe für die Allianz dennoch an der grundsätzlichen Bündnistreue Washingtons festhielt. Dabei wandte sich der Spitzendiplomat gegen eine sicherheitspolitische Perspektivverschiebung, denn die zentrale Bedrohung für Europa und die Allianz gehe von Putin und nicht von Trump aus.

Machthaber Putin ist Hauptbedrohung für Europa

Mit vergleichbarer Tonalität argumentierte auch die Generaldirektorin beim Auswärtigen Dienst der EU, Benedikta von Seherr-Thoss, die den brennpunktartig auf Trump verschobenen Ablenkungsdiskurs als globalpolitisch falsches Priorisierungssignal einordnete. Beide Diplomaten wiesen auf die massiven Aufrüstungsaktivitäten des Kreml hin, die Europas absolute Verwundbarkeit ungeschönt widerspiegelten. Das russische Militärarsenal, das wachse und richte sich nicht nur gegen die Ukraine, „das richtet sich gegen uns“, wie Mutter betonte und ergänzte, dass man den Menschen klar sagen müsse, „was uns bevorsteht, wenn“ wir die Verteidigungsausgaben „für Abschreckung nicht erhöhen“. In diesem Zusammenhang wies von Seherr-Thoß auf die gesamteuropäische Rüstungsbeschaffung, die sie als weiterhin problematisch betrachte, da nationale Egoismen und eine nicht verschwinden wollende Waffensystem-Fragmentierung sowie fehlende Absprachen einen europäischen Beschaffungskurs seit langem behinderten, so die Europa-Diplomatin.

Claudia Major: Europas militärische Pfeiler stärken

Kritikpunkte, die Militärexpertin Claudia Major, Senior Vice President für Transatlantische Sicherheitsinitiativen beim German Mashall Fund, unisono teilte. Wenn es weltweit verrohte Staaten gebe, die glaubten, dass Krieg effizient und legitim sei, müsse Europa – allen voran die großen Drei: Deutschland, Frankreich und Großbritannien – aus Überzeugung in nachhaltige Verteidigung investieren. Im gleichen Atemzug beschwor Major das in Europa vorhandene Verbesserungspotenzial zu nutzen, um für einen deutlichen Anstieg von sicherheitspolitischer Planbarkeit, Verlässlichkeit und Vorhersehbarkeit zu sorgen.

Vor diesem Hintergrund mahnte Major ein selbstbewusster werdendes, eigenständigeres und souveräner werdendes Europa an. Das beuge zudem einer steigenden Abhängigkeit gegenüber den USA vor, die Europa angesichts ihrer geopolitischen Prioritätsverschiebung Richtung China und Indopazifik bei kontinentalen Konflikten längst als selbstverantwortlichen Machtfaktor betrachten würden. Entgegen aller globalen Disruptionen und Volatilitäten sollte Europa militärisch darauf vorbereitet sein, dass „ihr größter Alliierter ihnen den Stinkefinger“ zeigen könnte, wie Major kolportierte.

In Summe stellten die sicherheits- und außenpolitischen Panelisten fest, dass die historische Wucht der von massiven Verlusten und Zerstörungen dominierten Jahrhundert-Zäsur des Ukrainekriegs innerhalb der westlichen Allianz unbestritten zu einer fundamentalen Neuausrichtung der Nato Doktrin geführt habe. Wie zuletzt auf dem Nato Gipfel in Den Haag beschlossen, sieht sich das transatlantische Bündnis geschlossen in der Pflicht, massiv in Aufrüstung und Militär zu investieren. Mit dem Ziel, einem um das Jahr 2029 potenziell drohenden großmaßstäblichen russischen Angriff auf die Nato Ostflanke reaktionsschnell und siegreich entgegentreten zu können. Mit dem von Deutschland 2022 ausgerufenen sicherheitspolitischen Zeitenwende-Narrativ will die weltweit drittgrößte Volkswirtschaft mit der schlagkräftigsten konventionellen Militärstreitmacht Europas zukünftig seine neue verteidigungspolitische Rolle für die staatliche Souveränität und territoriale Integrität des alten Kontinents einnehmen.

30-jähriger rüstungspolitischer Dornröschenschlaf

Für die Zielrichtung beabsichtigt die Berliner Republik gegen Ende der Dekade bis zu einer Billion Euro in den Wehretat fließen zu lassen, so die gewaltigen finanziellen Ambitionen der Bundesregierung, mit denen Verteidigungsminister Boris Pistorius die Bundeswehr kriegstüchtig, siegfähig und damit kriegsabschreckend aufwachsen lassen will. Doch die hochtrabenden Rüstungspläne, Pistorius Abschreckungsabsichten bis 2029 wehrmateriell auszukleiden, treffen trotz massiver Finanzspritzen auf enorme Kapazitätsprobleme. Das Rennen Geld gegen Zeit scheitere derzeit an der Tatsache, dass die europäische wie die deutsche Rüstungspolitik 30 Jahre lang geschlafen“ habe, so Rheinmetall-Chef Armin Papperger auf der Handelsblatt-Tagung in gewohnt ungeschminkter Tonlage.

Sein Blick auf das spannungsgeladene transatlantische Verhältnis bewog Papperger trotz erheblicher Irritationen, für die Trumps Grönland-Eskapaden gesorgt hätten, zu einer rüstungspolitischen Klarstellung: Deutschland und Europa müsse endlich glaubhafte verteidigungspolitische Beiträge liefern, um gegenüber den Vereinigten Staaten als verlässlicher Nato Partner zu gelten. Das Europas Nato Mitglieder jetzt 60 Prozent mehr in Verteidigung investierten, führe nicht automatisch zum sofortigen industriellen Ramp-up. Monate zuvor hatten deutsche Spitzenmilitärs ebenso lautstark wie vehement moniert, dass trotz erheblicher Auftragseingänge und Stückzahlbestellungen durch das Koblenzer Rüstungsamt der Truppe noch immer zu wenig an Wehrmaterial zufließe. Durch die Mangellage an Waffensystemen verkürzten sich die Zeitfenster, um die Truppe kriegstüchtig auszubilden mit jedem weiterem Monat an Wartezeit drastischer.

Laut Papperger sei das Fehl in den Kasernen auf eine über Jahre hinweg nicht erfolgte strategische Rüstungsplanung zurückzuführen. Weshalb die Rüstungsindustrie angesichts der militärpolitischen Zeitenwende vor einer Doppelherausforderung stünde: einerseits die aktuellen Rüstungsaufträge abzuarbeiten, andererseits die Produktionskapazitäten bei gleichzeitiger Softwareintegration hochzufahren. So gelänge es erst sukzessive – nachdem Bestellmengen mit adäquaten Stückzahlen eingegangen wären – von bisheriger Manufakturierung auf Serienfertigungsstraßen mit potenziell ansteigenden Skaleneffekten umzustellen.

Wegen der signifikanten Steigerung der Herstellungsmengen würden die Produktionseintrittsbarrieren zur Massenfertigung zukünftig wegfallen; der komplexe maschinenbautechnik- und IT-intensive Transformationsprozess benötige allerdings Zeit. Deshalb befänden sich die deutschen Waffenschmieden aktuell in einer hochintensiven Umstellungsphase. Wären alle diese Kapazitätserhöhungsprozesse realisiert und alle Bauteile vorrätig, gelänge es auch „Panzer schnell zusammenzubauen“, wie Papperger exemplarisch darstellte und dabei die bedeutsame Rolle einer stabil funktionierenden Wertschöpfungskette aus professionellen Zulieferern unterstrich.

MBDA-Chef Thomas Gottschild mahnt verlässliche Rüstungsentscheidungen an

Um die regierungsseitigen Rüstungspläne mit Nato Zielrichtung 2029 ebenso zeitnah wie nachhaltig umsetzen zu können, forderte Thomas Gottschild, Geschäftsführer des hochinnovativen bayrischen Lenkflugkörperbauers MBDA, eine grundlegende Änderung des staatlichen Beschaffungsprozesses. Das Ziel kommender rüstungspolitischer Entscheidungen müsse einen verbindlichen, weit in die Zukunft reichenden Produktionsplanungskorridor abbilden, wie Thomas Gottschild bei seinem Impulsvortrag zu Beschaffungs- und Finanzierungsfragen unterstrich. Ginge es um hochkomplexe Waffensysteme wie Lenkflugkörper unterschiedlichster Kategorien und militärischer Anwendungen, wären die Investitionen in aufzustockende Produktionskapazitäten einschließlich bedarfsgerechter Fabrikneubauten unternehmerisch nur dann zu rechtfertigen, wenn verlässliche Vertragsabschlüsse mit konkreten Langzeitplanungen vorlägen, so der MBDA Executive Group Director Strategy und Vorsitzende des BDI-Ausschusses für Sicherheit.

In der Rückschau wie auch aus heutiger Sicht mangele es auf der Kundenseite noch immer an strategischem Fernlicht, die rüstungsspezifischen Planungshorizonte so zu gestalten, dass verlässliche Rahmenbedingungen den zeitgerechten Produktionsstart und Herstellungsverlauf der hochkomplexen Waffensysteme bruchfrei ermöglichten. Einerseits würden die Kaufentscheidungen noch immer zu kurzfristig erfolgen, andererseits dauere die verwaltungsjuristische Konkretisierung der Vergabeprozesse in Richtung rechtskräftiger Vertragsabschlüsse weiterhin zu lange, so der federführend für die MBDA-Strategie verantwortlich zeichnende Raketenbaumanager.

Rüstungsbeschaffung ist strategisches Instrument

Aus seiner Sicht sei Rüstungsbeschaffung nicht nur ein administrativer Akt, sondern vielmehr als strategisches Mittel nachhaltiger nationaler wie europäischer Sicherheitsvorsorge zu verstehen. Durch die während des vierjährigen Ukrainekriegs zusehends an Verschärfung zugenommenen Sicherheitsbedrohungen, befände sich Deutschland in einem „Rennen um Munition und Lenkflugkörper“. Um die „Mission 2029“ mit Lenkflugkörpern, wie mit der bodengebundenen Luftverteidigung des Raketenabwehrsystems Patriot, materiell glaubhaft und zugleich dauerhaft zu unterfüttern, benötige die Industrie langfristige Finanzierungszusagen und agile Prozesse.

Prof. Michael Eßig: Disruptive Märkte und innovative Startups neu im Fokus

Unter den Stichworten „Organisationsreform im Vergabewesen und gesetzliche Beschaffungsbeschleunigung“ richtete Professor Michael Eßig seine Betrachtungen auf bestehende behördliche Bremsklötze und gesetzlich eingeleitete Reformprozesse mit dem Fokus auf ihre konkreten Auswirkungen hinsichtlich höherem Vergabetempos und in puncto Innovationsbeschleunigung. Rüstungsbeschaffung sei zweifelsohne eine zentrale Schlüsselfähigkeit für Verteidigungsbereitschaft, Kriegstüchtigkeit und militärischer Siegfähigkeit, so der Inhaber des Lehrstuhls Beschaffung & Supply Management an der Universität der Bundeswehr in München im gemeinsamen Diskussionspanel mit dem MBDA-Chef.

Planungs- und Beschleunigungsgesetzgebung begünstigt Entrepreneure

So befänden sich Rüstungsbeschaffung und einsatzrelevante Vergabe weiterhin in einem dynamischen Veränderungsprozess, wobei die neuen rechtlichen Rahmen durch das novellierte Bundeswehrbeschaffungsbeschleunigungsgesetz (BwBBG) und das neue Bundeswehrplanungs- und Beschaffungsbeschleunigungsgesetz (BwPBBG) zu deutlichen Beschaffungserleichterungen beitragen würden, wie Eßig herausstellte. Konkret führten die neuen gesetzlichen Rahmenvorgaben zu behördlichen Freihandvergaben, ein auf vorausschauend auf Bundeswehr-Bedürfnisse langzeitbefristet übertragenes Kasernen- und Liegenschaftsbaurecht, zur proaktiven Marktbeobachtung von Sprunginnovationen, Einstiegserleichterungen für neue wehrtechnische Akteure und zur rascheren Systemimplementierung zukunftsfähiger Militärtechnologien, so die exemplarische Aufzählung des Münchener Professors.

Mit Blick auf die kritische Argumentation des MBDA-Chefs Gottschild bestätigte Eßig, dass Beschaffung einen entscheidenden strategischen Hebel zur Stärkung der Verteidigungsfähigkeit Deutschlands darstelle. Die aktuelle Sicherheits- und Rüstungspolitik treffe derzeit auf hochdynamische, disruptive Marktprozesse, die zur Öffnung für neue Akteure mit völlig neuen Technologien geführt hätten. Vor dem innovationsgetriebenen Hintergrund bestünde folglich die Notwendigkeit, Beschaffungsprozesse nicht nur strukturell zu beschleunigen, sondern das gleiche sorgfältige Augenmaß auf Transparenz, Wettbewerbsförderung und Governance zu richten. Bisher habe das Bundeswehr-Sondervermögen lediglich kurzfristige Innovationsschübe bewirkt – langfristig ginge es darum, tragfähige und konsequent strategisch ausgerichtete Beschaffungsstrukturen ins Zentrum zu rücken, so die wehrministeriell anzustrebende Handlungsmaxime, wie Lehrstuhlinhaber Eßig sagte.

Unter dem Druck der Formel „viel Geld, wenig Zeit“, betonte Eßig weiter, dass das BwBBG bereits erhebliche Vertragsbeschleunigungen angestoßen habe. Bei klassischen Ausschreibung müssten potenzielle Auftragnehmer ihre Angebote nach nur einem Monat einreichen, wobei grundsätzlich nicht das billigste, sondern vergaberechtskonform das wirtschaftlichste Angebot den Zuschlag bekäme. Auch das neue BwPBBG eröffne durch seine innovationsbegünstigenden Regelungen neuen Rüstungs-Startups den verbesserten Zugang zu Vertragsabschlüssen. In diesem Zusammenhang sorgte auch die in der Diskussion mit Rheinmetall Papperger aufkommende Frage nach der wehrmateriell zukunftsfähigen Priorisierung von klassischen wie neuartigen Rüstungsgütern für debattenreichen Zündstoff.

Wie revolutionär sich die militärtechnologischen Innovationszyklen mit einem sich nahezu wöchentlich wandelnden Kriegsbild entfalteten, zeigten die Operationsgebiete in der Ukraine plastisch auf. Die Veränderungen kämen einer taktisch-operationellen Evolution von analogen Pflugscharen zu digitalen Schwertern gleich, so die Startup-Branche zum weitgehend gläsernen Gefechtsfeld aktueller Drohnen-Kriegsführung. Bei dem Streitgespräch ging es im Kern um die staatlichen Auftragsvergaben an die innovativsten Triebkräfte innerhalb der Rüstungsbranche. So müssten sich die tendenziell eigenkapitalschwachen Startups oftmals auf Kooperationen mit den klassischen Systemhäusern abstützen, um in Abhängigkeit an deren Produktionskapazitäten schneller an skalierbare Produktionsmengen zu gelangen. Skalierbarkeit sei für die Bundeswehr offenbar noch immer bedeutsamer als Innovationskraft, kritisierte Mark Wietfeld, Startup-Roboterproduzent unbemannter Landsysteme von Arx Robotics, der gegenüber Armin Papperger mehr Emanzipation einforderte.

Armin Papperger: Startups müssten beweisen, dass sie liefern können

Hidden Champions müssten sich in den neuen disruptiven Hightech-Märkten AI-gesteuerter Kamikaze-Drohnen rasch zu Generalunternehmern entwickeln und sich dauerhaft eigene lukrative Marktanteile sichern, so der Arx-Chef Wietfeld. Dass die raschen Innovationszyklen überwiegend von unkonventionellen Wehrtechnik-Startups in die Märkte gebracht würden, stellte Rheinmetall-Chef Armin Papperger brüskiert in Abrede, denn seine Düsseldorfer Waffenschmiede gebe für Forschung und Entwicklung rund 600 Millionen aus. Die Behauptung, traditionelle Systemhäuser seien nicht innovativ genug, reiche nicht. Am Ende müssten sie auch beweisen, dass sie liefern können, so Papperger gegenüber Arx-Robotic-Bauer Wietfeld.

35 Milliarden Euro für Weltraumsicherheit

Neben der geopolitischen Bedeutung der Dimensionen Land, Meer, Luft und Cyberraum sorgte ein weltpolitischer Schauplatz außerhalb der Erdatmosphäre für besondere Aufmerksamkeit. Mit dem Spezialthema „Space: Die besondere Mission“, führte die militärische Akzentsetzung der Handelsblatt-Tagung mitten ins All. Und damit in eine Sphäre, die in der breiten Öffentlichkeit noch immer zu wenig an sicherheitspolitischer Beachtung finde, so Antje Nötzold von der Universität der Bundeswehr München. Und dies, obwohl die erdnahen wie die erdferneren Umlaufbahnen seit langem in den globalpolitischen Fokus der größten Machtplayer wie den USA, Russland und China gerückt wären, wie die Wissenschaftlerin, die in München als Senior Researcher „Support and Arms Control in Space“ forscht, energisch unterstrich.

Deshalb müssten Deutschland und Europa lernen, neben geostrategischen Interessenslagen auch in astropolitischen Dimensionen zu denken und der vorherrschenden „Space-Blindheit“ durch Öffentlichkeitsarbeit entgegenwirken, so Nötzold, die sich diesem Kommunikationsziel

auch als Vizepräsidentin der Gesellschaft für Sicherheitspolitik widmet. Weil die fünfte Domäne des menschlichen Daseins kontinuierlich an politischer wie ökonomischer Bedeutung gewinne, steige folglich auch die militärische Relevanz des Weltalls. Die Verfügbarkeit von Weltraumfähigkeiten wie der Informations- und Kommunikationsaustausch aufgrund weltraumbasierter Bild- und Datenströme sowie kommende Produktions-, Dienstleistungs- und Forschungsmöglichkeiten hätten längst zu einem zweiten Wettrennen – etwa um die besten Plätze zur Errichtung permanenter Mondbasen – geführt.

Vergleichbar dem Jahrhundert der Weltentdecker, stelle die menschliche Nutzbarmachung des Kosmos‘ einen zentralen Innovations- und Zukunftsraum dar, wobei sich die Bedeutung von Weltraumsicherheit zu einem elementaren Bedürfnis entwickeln dürfte, wenn es um technologische Handlungsfähigkeit und politische Souveränität Deutschlands und Europas ginge. Mit der Weltraumsicherheitsstrategie (WRSS) aus dem November 2025 setze die Bundesregierung erstmals strategische Prioritäten für eine gesamtstaatliche Weltraumsicherheitsarchitektur, so Nötzold. Die unter Federführung des Wehressorts konzipierte WRSS diene dabei als strategisches Instrument, um Deutschlands Interessen in All zu schützen und die Resilienz des Landes signifikant zu erhöhen. Für den Aufbau militärischer Weltraumfähigkeiten will die Bundesregierung bis 2030 rund 35 Milliarden Euro investieren.

Weltraumsicherheit: Investitionen in defensive und offensive Wirkmittel

Mit der Identifizierung verteidigungs- und sicherheitspolitischer Risiken habe Deutschland nicht nur die astropolitischen Dynamiken und das Bedrohungspotential möglicher Gegner im All erkannt, sondern setze aktiv auf die Schließung von weltraumstrategischen Fähigkeitslücken, wie Nötzold unterstrich. Durch den kontinuierlichen Ausbau der militärischen Nutzung sei auch das technologische Instrumentarium für feindliche Aktivitäten gegen eigene Satelliten gestiegen. So sieht das nationale Weltraumprogramm zukünftig die Implementierung und Stationierung defensiver und offensiver Wirkmittel mit glaubhaftem Abschreckungspotential vor. Die Entwicklung nationaler Counterspace-Fähigkeiten ermögliche es feindliche Systeme durch Cyberattacken zu täuschen, elektromagnetisch zu manipulieren oder mit Antisatellitenwaffen zu zerstören, um den Schutz eigener geostationärer Systeme im All voranzutreiben.

Deutsche Satellitenpläne: Führungsnation bei Aufklärung & Kommunikation

Für aktuelle militärische Vorhaben bieten weltraumbasierte Lagebilder seit geraumer Zeit die Grundlage zur Echtzeit-Kriegsführung auf operationell-taktischen Ebenen. Damit stellt die militärische Satellitenaufklärung und -kommunikation nicht nur ein wesentliches Unterstützungselement zur transparenten Informationsgewinnung, sondern ein eigenständiges militärisches Operationscluster dar – ist in aktuellen wie zukünftigen Multi-Domain Operations als hyperschneller Echtzeit-Lagebildmonitor unverzichtbar. Für Armin Fleischmann, Abteilungsleiter Planung und Digitalisierung im Kommando Cyber- und

Informationsraum (CIR), müsse Deutschland im Weltraum erheblich an Stärke gewinnen, um auch im All abschreckend wirken zu können. So baut der Generalmajor auf die wehrmaterielle Umsetzung der WRSS, die in einem ersten Schritt auf der baldigen erdnahen Geostationierung von drei „Synthetic Aperture Radar“-Satelliten (SARah) basieren werde und die bisherigen fünf SAR-Lupe-Systeme der Bundeswehr, die durch Verglühen aus der Umlaufbahn entfernt werden, ablösen sollen.

Das zukünftige SARah-Trio könne durch Wolkendecken hindurch und nachts aufklären, so Fleischmann, der die hohe Qualität und Auflösung der bildgebenden Systeme lobte. Den Schwerpunkt deutscher Satellitenaufklärung- und Kommunikation sieht Fleischmann durch deren zukünftige Positionierung in der erdnahen geostationären Bahn allerdings nicht weltweit, sondern konzentriert auf die Nato Ostflanke gerichtet. Die Erdnähe der Militär-Satelliten erlaube eine extrem schnelle Signalübertagung zu den Krypto-Geräten der Truppe. Mittels Ende-zu-Ende-Verschlüsselung feindgeschützt, stünden die weltallgestützten Lageinformationen quasi in Echtzeit zur Verfügung und könnten damit nahezu verzugslos in die auf der Erde vernetzten Waffensysteme und Gefechtsstände eingespeist werden.

Aktive Rolle für Europas Weltraumsicherheit

Bis 2029 soll die Anzahl deutscher Aufklärungs- und Kommunikationssatelliten allerdings auf eine dreistellige Anzahl steigen, womit Deutschland nach den USA zum weltweit zweitgrößten militärischen Weltraumnutzer aufsteigen würde. Mit seiner ambitionierten WRSS stünde Deutschland um 2030 auf Nato Ebene neben den USA als potente Weltraumnation in der ersten Reihe und könnte hierbei einen aktiven Beitrag zur kollektiven Stärkung der weltraumgestützten Sicherheit und Souveränität Europas leisten: als verteidigungspolitischer Informationsgeber und bedeutsame Anlehnnation für kleinere alliierte Partnerstaaten.

Autor

Dipl.-Kfm. Volker Schubert - NV Hauptstadtkorrespondent
Dipl.-Kfm. Volker Schubert NV Hauptstadtkorrespondent