Drei kurze Fragen an Birgit Bacher, COO – Allianz Direct

Worüber sollte sich ein Vorstand beim Thema KI heute am meisten Gedanken machen — und was wird dabei häufig unterschätzt?

Das Unterschätzte ist nicht die Technologie, es ist die organisatorische Bereitschaft. Viele unterschätzen, wie tief KI in bestehende Betriebsmodelle eingreift. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht „Welches KI-Modell nutzen wir?“, sondern „Ist unser Fundament bereit, KI wirklich zu tragen?“ Daten, Prozesse, Menschen – das sind die eigentlichen Stellschrauben. Wer dort investiert, kann gestalten. Wer wartet, holt auf.

Wo ist die Lücke zwischen KI-Versprechen und messbarem Mehrwert aktuell am größten?

Die Lücke zwischen Versprechen und Mehrwert ist dort am größten, wo KI als technisches Projekt verstanden wird statt als Transformation der Arbeitsweise. Viele Unternehmen haben vielversprechende Piloten, doch der Weg vom Prototyp in den skalierten Regelbetrieb bleibt die eigentliche Herausforderung. KI ist keine Einführung mit Enddatum – alle Seiten lernen täglich dazu, auch die Kunden. Wer zu lange wartet, muss eine steilere Lernkurve bewältigen, um denselben Mehrwert zu generieren. Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Ohne saubere Datengrundlagen und klare Erfolgskriterien bleibt der Mehrwert unsichtbar, selbst wenn er da ist. Die Lücke schließt sich nicht durch bessere Modelle allein, sondern durch bessere Grundlagen – und durch den Mut, früh zu starten und iterativ zu lernen.

Woran werden wir in zwei Jahren erkennen, dass KI in der Versicherungsbranche wirklich „angekommen“ ist?

Nicht an der Anzahl der KI-Projekte, sondern an der Kundenwahrnehmung. Wenn ein Schaden in Minuten reguliert, eine Police in Echtzeit angepasst und ein Risiko proaktiv erkannt wird, dann ist KI nicht mehr ein Projektthema, sondern Betriebsrealität. Das ist der Moment, an dem die Branche wirklich angekommen ist.