Artikel aus dem Handelsblatt Journal Defense
Im Sommer 2023 montierten ukrainische Soldaten 15-Kilogramm-Sprengsätze unter Drohnen, die für das Versprühen von Pflanzenschutzmitteln gebaut waren. Binnen Tagen wurde aus Agrargerät improvisierte Präzisionsartillerie. Keine Ausschreibung, kein Pflichtenheft, kein mehrjähriger Erprobungszyklus. Der Krieg wartete nicht auf das Verfahren. Man kann das als Anekdote abtun. Man kann darin auch das Muster moderner bedrohungsausgerichteter und risikoaffiner Rüstung und Technologieentwicklung erkennen: „Innovate and develop while and as you fight.“ Ich halte das Zweite für richtig, und die Zahlen geben dieser Lesart recht.
Im internationalen Vergleich
Die ukrainische Förderplattform Brave1 bewilligt Zuschüsse für Verteidigungstechnologie in zwei Wochen. Die amerikanische Defense Innovation Unit (DIU) schließt Verträge in 60 bis 120 Tagen. Über 500 seit 2016, 88 Prozent davon mit Firmen außerhalb der klassischen Rüstungsindustrie. Israels Entwicklungsdirektorat MAFAT bringt Prototypen in Monaten in den Einsatz und vergab 2025 umgerechnet gut eine Viertelmilliarde Euro an 152 Unternehmen. Ein klassisches europäisches Vergabeverfahren rechnet dagegen in Jahren.
Das ist keine Verwaltungsfolklore. Entwicklungsgeschwindigkeit ist heute eine militärische Schlüsselfähigkeit. Wer schneller vom Bedarf zum Vertrag und vom Vertrag zum einsatzreifen System kommt, gewinnt den operativen und den ökonomischen Vorteil zugleich. Wir beschaffen zunehmend Ideen statt fertiger Produkte, und Ideen altern schneller als Panzer.
Wie schnell zeigt die Luftverteidigung über Kiew. Noch 2024 stand der Westen vor einer bösen Rechnung: Russland produziert nach offenen Schätzungen rund 3.000 Shahed-Drohnen pro Monat zu Stückkosten von einigen zehntausend Dollar, während die Abfangraketen der Verteidiger Millionen kosten und in Stückzahlen von wenigen hundert pro Jahr vom Band laufen. Diese Rechnung hätte jeden Haushalt ruiniert. Die Ukraine hat sie nicht bezahlt, sondern neu aufgemacht.
Ihre Antwort sind Abfangdrohnen zu 1.000 bis 2.500 Dollar das Stück: schnell, teilautonom, mit Wärmebild und KI-gestützter Zielführung, gebaut von einheimischen Firmen. Über Kiew zerstören sie nach ukrainischen Angaben mehr als 70 Prozent der anfliegenden Shaheds; eine Auswertung der New York Times kommt landesweit auf Abfangquoten von 87 Prozent über alle Systeme. Rund 100.000 Abfangdrohnen liefen 2025 vom Band. Die teuren Patriot-Raketen bleiben frei für das, wofür sie konstruiert wurden: ballistische Raketen.
Entscheidend ist die Zeitachse dieser Entwicklung. Von improvisierten Behelfen zur industriellen Abfangflotte vergingen keine zwei Jahre. Und das Modell exportiert sich in Echtzeit: Als iranische Shaheds im Frühjahr amerikanische Stützpunkte im Nahen Osten bedrohten, beschaffte die US Army binnen acht Tagen 13.000 Abfangdrohnen eines in der Ukraine erprobten Typs. Acht Tage! Das ist der Rhythmus, an dem sich Beschaffung heute messen lassen muss.

Das Betriebsmodell als Motor
Der Motor dieser Entwicklung ist kein Technologiewunder. Die Technik ist weitgehend kommerziell verfügbar. Der Motor ist das Betriebsmodell: Der Bedarf entsteht an der Front, die Lösung entsteht im Markt, die Rückkopplung läuft schneller als jeder klassische Beschaffungszyklus.
2022 hatte die Ukraine sieben inländische Drohnenhersteller, 2025 rund 500 bei etwa fünf Millionen produzierten Drohnen. Brave1 ist dabei kein Förderprogramm im herkömmlichen Sinn, sondern ein Marktplatz mit militärischer Priorisierung, 70 Technologieprioritäten, abgestimmt mit dem Generalstab. Die Vergabe ist aus der Pflichtenheft-Logik herausgelöst. Genau das ist der Punkt.
Aber auch der Gegner schläft nicht. Russland fliegt inzwischen strahlgetriebene Shaheds mit bis zu 500 Stundenkilometern und rüstet sie mit elektronischer Kampfführung gegen die Abfangjäger aus. Die ukrainischen Hersteller antworten mit schnelleren Modellen, KI-Unterstützung und Fernsteuerung über Satelliten. Wer in diesem Duell einen Entwicklungszyklus von achtzehn Monaten hat, verliert gegen einen Gegner mit achtzehn Wochen. Genehmigungs-, Entwicklungs- und Erprobungsschritte müssen parallel laufen, nicht nacheinander.
Zwischen billigen Schwärmen und teurer Präzision
Wer daraus schließt, die Zukunft gehöre allein den billigen Schwärmen, zieht dennoch die falsche Lehre. Kampfflugzeuge der sechsten Generation, Fregatten und weitreichende Luftverteidigung bleiben rationale Investitionen, weil sie Sensorik, elektronische Kampfführung und Führungsfähigkeit bündeln, die kein Schwarm allein liefert. Die Kiewer Luftverteidigung ist gerade deshalb erfolgreich, weil sie beide Pole verkoppelt: billige Masse gegen billige Masse, teure Präzision gegen ballistische Bedrohung. Die entscheidende Frage lautet, wer beide Pole schneller, vernetzt und komplementär in die Truppe bringt.
Und Deutschland? Der Befund ist noch ernüchternd. Deutschland hat mit rund 85 Milliarden Euro das größte Beschaffungsvolumen Europas. Aber der Anteil innovativer Systeme an den Bestellungen, Drohnen, künstliche Intelligenz, autonome Systeme, elektronische Kampfführung, ist nach Berechnungen des Kiel Instituts von 21 Prozent vor dem Ukraine-Krieg auf heute 9 Prozent gefallen. Polen hat seinen Anteil im selben Zeitraum von 3 auf 16 Prozent gesteigert. Wir kaufen viel, aber wir kaufen überwiegend noch an einem Pol, groß und relativ statisch.
Dabei liegt das Werkzeug seit dem 14. Februar 2026 auf dem Tisch. Das Bundeswehrplanungs- und Beschaffungsbeschleunigungsgesetz erlaubt funktionale Leistungsbeschreibungen statt hundertseitiger Pflichtenhefte, Innovationspartnerschaften, Vorauszahlungen an junge Firmen, die keine zwölf Monate Vorfinanzierung stemmen können. Funktional ist das ein deutsches Gegenstück zu den amerikanischen Schnellverfahren.

Quellen: RUSI (2026); Brave1; ukrainsches Verteidigungsministerium; VC Angabe in USD.
Das InnoZBw: Für die Struktur zwischen Rechtsrahmen und Wirkung
Nur: Ein Gesetz beschafft nichts. Zwischen Rechtsrahmen und Wirkung muss eine funktionsfähige Architektur stehen. Musterverträge, damit nicht jede Vergabestelle das Rad neu erfindet. Eine klare Zuordnung, wer im System welche Rolle spielt. Ein Sourcing, das systematisch scannt, was der Markt kann, statt zu warten, was angeboten wird. Ein Lagebild, welches Bedarf und Angebot zusammenführt.
Den Bau eben dieser Struktur verantwortet das Innovationszentrum der Bundeswehr, das seit Februar in Erding arbeitet und zum zentralen Akteur des nationalen und internationalen Innovationsökosystems wird. Das InnoZBw schlägt eine innovative und F&T-getriebene Brücke über das „Tal des Todes“, also von der Planung zur Beschaffung bzw. vom Bedarfsträger zum Bedarfsdecker (Beschaffungsbehörde).
Für die Industrie, gerade für die zivile, ist das eine Einladung mit Ansage. Die ukrainischen Abfangdrohnen kommen von Firmen, die es vor drei Jahren noch nicht gab. Der deutsche Mittelstand hat technologisch mehr zu bieten als die ukrainische Industrie 2022. Was bisher fehlte, war ein Weg in die Bundeswehr, der kürzer ist als ein Produktlebenszyklus.
Am Anfang dieses Textes stand eine Agrardrohne mit Sprengsatz. Drei Jahre später kauft die stärkste Militärmacht der Welt in Kiew Luftverteidigung ein. Dazwischen liegt kein Geheimnis, sondern ein Pole überbrückendes, innovatives und komplementäres Beschaffungssystem, das in Wochen denkt. Das Gesetz haben wir. Die größten Bremsen liegen nicht im Gesetzblatt, sondern in gewachsenen Verfahren und Denkweisen. Dort muss ein entscheidender Kultur- und Mindset-Wandel stattfinden.