Carbon Management: ohne geht es nicht

Eine klimaneutrale Industrie braucht Lösungen für schwer vermeidbares CO2

Am 12. Juli haben die deutschen Fernleitungsnetzbetreiber den Planungsstand für das künftige deutsche Wasserstoff-Kernnetz vorgelegt. Ein bedeutender Schritt auf dem Weg in eine klimaneutrale Zukunft. Doch wer es ernst meint mit den deutschen und europäischen Klimazielen, muss sich noch um ein weiteres Molekül kümmern: Kohlendioxid. In Deutschland sorgt die Industrie noch immer für Wohlstand und Wertschöpfung. Doch dass Chemie-, Kalk- und Zementwerke CO2 ausstoßen, lässt sich auch in Zukunft nicht vollständig vermeiden. Um diesen Unternehmen eine wettbewerbsfähige Perspektive aufzuzeigen, brauchen wir CCU und CCS: schnelle und pragmatische Lösungen für das Abscheiden, und Speichern von CO2. Ohne geht es nicht.

Carbon Management – nicht ohne verlässliche Transportinfrastruktur
Ohne geht es nicht – das ist noch ein weiteres Mal wahr. Denn ein funktionierendes Carbon Management erfordert eine geeignete Transportinfrastruktur. Das abgeschiedene CO2 muss ausgehend von der Quelle dorthin befördert werden, wo es industriell verwertet oder dauerhaft gespeichert werden kann. Der Transport kann mit dem Schiff erfolgen oder mit dem Zug – doch gerade für große CO2-Mengen und lange Strecken braucht es ein weit verzweigtes Pipelinenetz.

Wichtig dabei ist: Industrielle Cluster enden nicht an nationalen Grenzen. Deshalb sollte auch die Vision eines künftigen CO2-Netzes Grenzen überschreiten und die Anbindung an unsere europäischen Nachbarn mitdenken. Für uns als Fluxys steht dabei die Verbindung zwischen Deutschland und Belgien im Zentrum. Gerade aus deutscher Sicht lohnt sich der Blick über die Grenze, denn in Belgien plant Fluxys, zusammen mit Partnern, ein CO2-Netz mit drei möglichen Ausspeisepunkten: Von Gent und Antwerpen soll verflüssigtes CO2 verschifft werden, in Zeebrugge eine rund 1.000 Kilometer lange Pipeline zu norwegischen Speicherstätten entstehen. So bekommt, sobald die Netze beider Länder verbunden sind, auch die deutsche Industrie einen direkten Zugang zu erprobten und sicheren Lösungen für die Speicherung von schwer vermeidbarem CO2.

Planungssicherheit schaffen, europäisch denken
Doch all das geht nicht ohne die passenden Rahmenbedingungen. Der geänderte Artikel 6 des London-Protokolls, der den grenzüberschreitenden CO2-Transport erst ermöglichen würde, muss ratifiziert werden. Und Investoren und Netzbetreiber, die zum Aufbau der Transport-Infrastruktur bereit sind, benötigen Planungssicherheit. Konkret heißt das: Die Politik musss Investitionen während des Markthochlaufs unterstützen, um Anreize zu setzen und Risiken zu mindern. Langfristig bedarf es zudem eines geeigneten Regulierungsmodells, das den effizienten Betrieb der Netze sichert. 

Und auch hier lohnt es, europäisch zu denken. Wir sollten die Planung unserer Netze über Ländergrenzen hinweg verzahnen und technische Spezifikationen der CO2-Wertschöpfungskette so harmonisieren, dass die Interoperabilität gesichert ist – nicht nur zwischen Ländern, sondern auch zwischen Verkehrsträgern. Und wir sollten deutschen Unternehmen den Zugang zu breit diversifizierten Exportrouten ermöglichen, um neue Abhängigkeiten zu vermeiden. Gerade für die Industrie im Westen und Süden der Republik ist der Weg zu den in Belgien geplanten CO2-Exporthubs ein kurzer – und damit eine wertvolle Dekarbonisierungsoption.

Bewegung in Deutschland und Europa
Die Zeichen stehen günstig: In Europa zählt die Kommission CCS in ihrem Vorschlag für den Net-Zero Industry Act (NZIA) zu den „strategischen Netto-Null-Technologien“ und regt bis zum Jahr 2030 ein jährliches Einspeicherziel von 50 Millionen Tonnen CO2 an. In Deutschland entwickelt die Bundesregierung gerade in einem offenen Dialogprozess ihre erste Carbon Management Strategie und setzt dabei bereits die richtigen Schwerpunkte. Die Überzeugung wächst: Für das Erreichen unserer Klimaziele und zur Sicherung unseres Industriestandorts brauchen wir nicht nur Lösungen für Wasser-, sondern auch für Kohlenstoff. Ohne geht es nicht – auf geht’s!