Vom Assistenten zum Akteur: Warum KI-Agenten in der Vermögensverwaltung mehr leisten als Chatbots

  • Gerade in der Vermögensverwaltung entlastet agentische KI die Berater:innen bei administrativen Aufgaben und schafft mehr Zeit für persönliche Kundeninteraktion.
  • Agentische KI geht über klassische Chatbots hinaus und kann konkrete Aufgaben sowie Prozesse anstoßen und ausführen.
  • Voraussetzung für den sinnvollen Einsatz sind vertrauenswürdige Daten, Compliance, Governance und vor allem der Unternehmenskontext.

Die Vermögensverwaltung ist ein People Business par excellence: Persönliche Beziehungen sind das Fundament für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Nur bleibt für deren Aufbau und Pflege in der Regel viel zu wenig Zeit. Denn rund die Hälfte der Arbeitszeit von Berater:innen fließt verschiedenen Erhebungen zufolge in administrative Aufgaben. Dabei befinden wir uns in einer Ära des historischen Vermögenstransfers, der mit hohem Beratungsbedarf einhergeht. Gleichzeitig wird sich rund 40 Prozent der Advisor-Basis in absehbarer Zeit in den Ruhestand verabschieden. Kurzum: Vermögensverwaltungen stehen mehr denn je unter Kapazitätsdruck.

Herkömmliche KI-Tools sorgen hier zwar bereits für punktuelle Entlastung, erzielen jedoch langfristig keine organisationsweiten Produktivitätsgewinne. Deutlich weiter greifen die Fähigkeiten von ganzheitlichen Plattformen für agentische KI, die autonome und proaktive Funktionalitäten mitbringen.

Was agentische KI von generativer KI unterscheidet

Während generative KI der ersten Welle primär auf Einzelanfragen (Prompts) angewiesen ist, agieren KI-Agenten zielgerichtet und autonom. Sie verstehen das übergeordnete Ziel, zerlegen Aufgaben selbstständig in Teilschritte und führen sie aus. Dabei können sie Workflows auch über bestehende Kernbanksysteme, CRM-Plattformen und Drittanbieter-Anwendungen hinweg orchestrieren. Die Grundlage dafür bilden definierte Regeln, vertrauenswürdige Datenquellen und der Unternehmenskontext. Auf diese Weise entstehen Effizienzgewinne, die direkt auf Servicequalität, Personalisierung und den Aufwand bei regulatorischen Anforderungen einzahlen.

Mehr Effizienz, mehr Zeit für Kund:innen

Vermögensverwalter:innen verbringen viel Zeit mit der Vorbereitung von Gesprächen, der Recherche und Auswertung von Kundendaten sowie repetitiven Aufgaben wie Dokumentation und Datenerfassungen. Diese Aufgaben sind zwar wichtig, bieten jedoch keinerlei Wertschöpfung.

Agentische Systeme können diese administrative Reibung reduzieren, indem sie Informationen strukturiert bereitstellen und Folgeaufgaben innerhalb bestehender Prozesse unterstützen. Unternehmen verschafft dies den Spielraum, personalisierte Beratung in größerem Maßstab zu erbringen. So bestätigen 84 Prozent der Kundenbetreuer:innen, dass sie ihre Finanzberatung dank KI besser an die jeweilige Lebenssituation ihrer Kund:innen anpassen können (Quelle: Salesforce State of Service Report, Ausgabe für die Finanzdienstleistungsbranche, 2025).

Agent und Mensch Hand in Hand

Damit agentische KI sinnvoll eingesetzt werden kann, müssen zentrale Voraussetzungen erfüllt sein. Im regulierten Umfeld sind Compliance, Nachvollziehbarkeit, Datensicherheit und Governance unverzichtbar. KI-Systeme müssen auf verlässlichen Daten basieren, in Fachprozesse eingebunden sein und durch klare Leitplanken gesteuert werden.

Im operativen Einsatz gilt zudem: menschliche Expertise und künstliche Intelligenz entfalten dann ihre größte Wirkung, wenn sie Hand in Hand zusammenarbeiten. Beim „Human-in-the-Loop“-Konzept fungiert ein KI-Agent als (pro-)aktiver digitaler Teamkollege. Die Advisor behalten jederzeit die Entscheidungshoheit und verantworten Prüfung, Validierung und vor allem die Gestaltung der Kundenbeziehung.

Personalisierung braucht Kontrolle

Wenn Routineaufgaben reduziert werden, entsteht mehr Raum für menschliche Interaktion an den entscheidenden Kontaktpunkten. Anstatt auf manuelle Anweisungen zu warten, arbeiten die autonomen Agenten sicher im Hintergrund. Sie behalten den Überblick über Kundenportfolios, aktualisieren Depotdaten und verfolgen operative Aufgaben, wie die Überwachung der Einhaltung von Compliance-Vorgaben.

Genau darin liegt das strategische Potenzial: Agentische KI nicht als Ersatz für Beratung zu verstehen, sondern als operative Entlastung, die individuelle Betreuung überhaupt erst in größerem Maßstab ermöglicht. Auf diese Weise entsteht der Mehrwert nicht allein durch Automatisierung, sondern durch eine kontrollierte und kontextbezogene Nutzung – etwa bei der Vorbereitung von Beratungsgesprächen, der Priorisierung von Kundenanliegen oder in Service- und Onboarding-Prozessen.


Über den Autor

Drew Seelig leitet die globale Produktstrategie für das Vermögensmanagement bei Salesforce. Er gestaltet die Weiterentwicklung der Plattform und unterstützt Vermögensverwaltungsunternehmen und -berater:innen bei der erfolgreichen KI-Transformation der Branche.