Versorgung sicherstellen – ohne Pflege nicht denkbar!

Der Beitrag von Pflege für die Gesellschaft

Die Sicherstellung der pflegerischen Versorgung ist einer der größten Herausforderungen in der Zukunft. Dank des hohen Lebensstandards und einer guten gesundheitlichen Versorgung ist die Lebenserwartung in Deutschland im letzten Jahrhundert enorm gestiegen. Für die im Jahr 2024 geborenen Männer liegt sie bei 78,9 Jahren und für Frauen bei 83,5 Jahren (vgl. Destatis-Abruf Oktober 2025).

Bereits heute sind 23 % der Bevölkerung in Deutschland älter als 65 Jahre, das sind 19 Millionen Menschen. Der Anteil von Menschen, die 100 Jahre und älter sind, ist um 24 % auf 17.900 angestiegen. Auch wenn der Anteil der gesunden Jahre im Alter zunimmt: In höheren Altern steigt die Wahrscheinlichkeit pflegebedürftig zu werden. Zwar werden immer komplexere Therapien möglich, doch nicht immer ist das, was medizinisch und technisch möglich ist, auch sinnvoll. Zum Beispiel, wenn die gewonnene Lebenszeit nur gering oder die Lebensqualität für die verbleibende Zeit nicht verbessert werden kann.

Hier kommen wir an ethische Grenzen und es braucht eine gesellschaftliche Debatte, wie wir am Lebensende (medizinisch) versorgt, kurativ oder palliativ gepflegt werden wollen. Aktuell sind 5,7 Millionen Menschen pflegebedürftig, für 2035 werden 6,3 Millionen Pflegebedürftige prognostiziert (Destatis 2025). Vorrangiges Ziel jedes Einzelnen muss es sein, möglichst lange gesund zu bleiben, um selbstbestimmt und selbständig leben zu können. Dafür braucht es politische Rahmenbedingungen mit Gesetzen zur Prävention und zur Gesundheitsförderung sowie strukturelle Maßnahmen, um Gesundheitskompetenz in der Gesellschaft und von Kindheit an zu verbessern. Pflege kann hier eine tragende Rolle spielen. Es braucht weniger eine arztzentrierte, dafür eine mehr pflegeorientierte Versorgung.

Es braucht weniger eine arztzentrierte, dafür eine mehr pflegeorientierte Versorgung.

Vera LuxPräsidentin, Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK)

Reformen ohne Beteiligung der Pflege

Die gesellschaftlichen Veränderungen, Klimawandel, Fachkräftemangel, digitale und technische Entwicklungen sowie der demografische Wandel erfordern tiefgreifende Transformationen. Nahezu alle Lebensbereiche sind betroffen. Insbesondere die sozialen Sicherungssysteme geraten aufgrund der demografischen Entwicklung in Bezug auf ihre Ressourcen immer mehr unter Druck. Der Generationenvertrag gerät ins Wanken und es bedarf kurzfristiger Reformen, damit dieser auch in Zukunft noch Bestand hat.

Die Bundesregierung hat in der letzten Legislatur verschiedene Reformen auf den Weg gebracht. Mit dem Krankenhausverbesserungsgesetz (KHVVG) sind u.a. umfangreiche Maßnahmen zur Verbesserung der Versorgungsqualität im Krankenhaus und zur Reform der Vergütungsstrukturen geplant, um auch zukünftig eine qualitative, bedarfsgerechte Krankenhausversorgung zu gewährleisten. Mit dem Krankenhausanpassungsgesetz (KHAG) sollen die geplanten Maßnahmen nun praxisgerecht fortentwickelt werden. Der vorliegende Gesetzesentwurf soll um Ausnahmeregelungen und Kooperationsmöglichkeiten erweitert, die Finanzierung des Transformationsfonds umgestaltet sowie Zwischenfristen, Leistungsgruppen und deren Qualitätskriterien angepasst werden. In der Branche wird die Notwendigkeit der Reform nicht (mehr) angezweifelt, aber zur Ausgestaltung gibt es nach wie vor viel Kritik.

Die Pflege spielt bei der Krankenhausreform aber kaum eine Rolle, im Gegenteil. Bei der Ausgestaltung der Leistungsgruppen wurde die Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung (PPUGV), der einzige pflegerelevante Parameter, gestrichen. Qualitätsindikatoren und -ergebnisse für die pflegerische Versorgung sind nicht vorgesehen und eine Untergrenze bei der Pflegepersonalbesetzung ist nun nicht mehr Bestandteil der Leistungsgruppen. Damit sind Tür und Tor offen, um je nach Kassenlage an der Pflege zu schrauben, sei es bei der quantitativen oder qualitativen Personalbesetzung. Dabei ist in Studien längst nachgewiesen, dass höhere Personalschlüssel und ein höherer Anteil an qualifiziertem Pflegepersonal einen signifikanten Einfluss auf die Patientensicherheit und Mortalität haben.

Pflegebudget auf dem Prüfstand

Auch das Pflegebudget steht zur Disposition und wird in der Branche – nicht nur von Ökonomen – heiß diskutiert. Seit der Einführung des Pflegebudgets im Jahr 2019 ist der Personalbestand in der Pflege gestiegen, was grundsätzlich positiv bewertet wird. Dennoch sei die angekündigte Verbesserung bisher nicht messbar. Mit dem Pflegebudget nach dem „Selbstkostendeckungsprinzip“ würden Fehlanreize gesetzt. Pflegende müssen vielerorts wieder hauswirtschaftliche Aufgaben übernehmen, da Pflegekräfte über das Pflegebudget refinanziert sind. Hilfskräfte, die diese Aufgaben bisher erledigt haben, aber nicht.

Pflegeverbände dagegen weisen darauf hin, dass die Herauslösung der Pflegekosten aus den DRGs die Sicherstellung einer bedarfsgerechten Finanzierung der Pflege zum Ziel hatte und notwendig war, weil jahrelang an der Pflege gespart wurde. Mit dem Wegfall des Selbstkostendeckungsprinzips und der Einführung der pauschalierten Vergütung (DRGs) im Jahr 2003 waren viele Krankenhäuser gezwungen, ihre Prozesse und Abläufe zu optimieren. Vor allem aber wurde am Personal gespart, vornehmlich in der Pflege. Im Zeitraum 2003 – 2009 wurden ca. 50.000 Stellen in der Pflege abgebaut, da diese primär als Kostenfaktor und nicht als Investition gesehen wurde!

So mussten in der Folge immer weniger Pflegende immer mehr Patient:innen behandeln. Mit der Arbeitsbelastung wuchs die Unzufriedenheit, die Ausfallzeiten lagen weit über dem Durchschnitt anderer Berufe, Stellen konnten nicht zeitnah besetzt werden, Ausbildungsplätze blieben frei, die Teilzeitquote stieg. Für viele Pflegende war die Flucht aus dem Beruf die einzige Lösung. Das Image des Pflegeberufs hat mächtig gelitten, ebenso die Attraktivität für Nachwuchskräfte. Der Fachkräftemangel in der Pflege führte immer öfter zu Leistungseinschränkungen. Es kam zu Schließung von Betten oder ganzen Stationen, zum Ausfall von Operationen, Intensivbetten konnten nicht betrieben werden. Man erinnere sich an die Zeit der Corona-Pandemie. Um Leistungseinschränkungen zu minimieren, wurde auf teure Leiharbeitskräfte zurückgegriffen. Ein Teufelskreis entstand, der durchbrochen werden musste.

Erst ab 2009 und viel zu spät hat die Politik durch verschiedene Maßnahmen gegengesteuert, durch Pflegestellenförderprogramme, den Pflegekomplexmaßnahmenscore (PKMS), die Konzertierte Aktion Pflege (KAP), die PPUGV als untere Grenze beim Personalschlüssel, die PPR 2.0 als am Bedarf orientierte Personalbemessung und letztlich eben auch über das Pflegebudget.

Es fehlt der Politik an Mut, grundlegend ganzheitliche Veränderungen vorzunehmen und der Pflege mehr Autonomie und Verantwortung zu übertragen.

Vera LuxPräsidentin, Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK)

Ganzheitliche Disziplinbildung in der Pflege notwendig

Aber das allein reicht nicht, ganzheitliche Veränderungen sind notwendig. Der rasante medizinische Fortschritt macht komplexe Therapien auch in höherem Alter oder bei kleinsten Frühgeborenen möglich. Daher braucht es eine wissenschaftliche Disziplinbildung der Profession Pflege und dafür sind Reformen im Ausbildungs- und Wissenschaftssystem, eine Anpassung beim Berufseinstieg und Berufsleben sowie die Anpassung der Vergütung im Gesundheitssystem notwendig.

Vieles, was bisher erreicht wurde, steht nun wieder zur Disposition! Anstatt die Potenziale der Pflege zu heben und für die Sicherstellung der Versorgung zielgerichtet zu nutzen, fehlt es der Politik an Mut, grundlegend ganzheitliche Veränderungen vorzunehmen und der Pflege mehr Autonomie und Verantwortung zu übertragen. Im Gegenteil, Pflege wird nach wie vor nicht am Transformationsprozess beteiligt, sei es bei der Aufarbeitung der Corona-Pandemie, der Krankenhausreform oder der Reform der Pflegeversicherung. Und von einer ganzheitlichen Disziplinbildung der Profession Pflege sind wir weit, weit entfernt.

Dabei müssen wir zukünftig mit noch weniger Beschäftigten mehr Patienten und Klienten betreuen. Die Komplexität der Herausforderungen ist riesig und kann nur interprofessionell und durch Strukturveränderungen bewältigt werden. Dazu müssen Aufgaben zwischen den Gesundheitsberufen umverteilt, neue Rollen geschaffen und Patienten und Klienten sowie An- und Zugehörige einbezogen werden. Es braucht eine gesellschaftliche Debatte, wie wir uns die Versorgung in Zukunft vorstellen und was wir bereit sind, dafür zu zahlen.

Wichtig ist, dass sämtliche Ressourcen zielgerichtet genutzt und zur rechten Zeit, am richtigen Ort und im notwendigen Umfang zum Einsatz kommen. Pflege ist aufgrund ihrer Ausbildung bzw. ihres Studiums bestens qualifiziert und bereit, mehr Verantwortung und eine neue Rolle im Gesundheitssystem zu übernehmen. Dafür braucht es seitens des Gesetzgebers einen berufs-, leistungs- und abrechnungsrechtlichen Rahmen. Dass es geht, machen uns andere Länder vor.

Fazit

Ohne professionell Pflegende ist die Versorgung von pflege- und hilfebedürftigen Menschen nicht denkbar. Pflegende sind ein wesentlicher Leistungserbringer im Gesundheitssystem, stehen an vorderster Front nah am Patienten/Klienten. Immer komplexere Therapien brauchen neben der Medizin auch gut qualifizierte Pflege. Der Internationale Council of Nurses (ICN) hat mehrfach auf die ökonomischen Auswirkungen von Pflege auf die Gesellschaft und Wirtschaft hingewiesen.

Die anstehenden Reformen bieten die einmalige Chance, grundlegende und ganzheitliche Systemveränderungen vorzunehmen und nicht nur Symptompolitik zu betreiben. Es ist allerdings zu befürchten, dass die Kostenexplosion im Gesundheitswesen erneut auf Kosten der Pflege eingedämmt werden soll. Nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre ist das gesellschaftlich wie politisch unverantwortlich und geht am Ende zu Lasten der Gesellschaft, vor allem aber der Frauen!

Bild: © Susanne Schmidt-Dominé

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