Strategischer Balanceakt zwischen Stabilität und Innovation

Die europäische Finanzbranche steht 2026 vor einer komplexen Gemengelage aus Wettbewerbsdruck, geopolitischen Risiken, technologischer Disruption und dem Spannungsfeld aus Regulierungsumfang und- intensität und Proportionalität. Stabilität zu sichern und gleichzeitig innovativ zu bleiben, wird zum strategischen Balanceakt.

Geopolitische Unsicherheit & mehrdimensionale Risiken

Globale Konflikte, volatile Märkte und fragmentierte Lieferketten führen zu simultanen Schocks über Kredit-, Markt-, Liquiditäts- und operationelle Risiken hinweg. Die kommenden EZB-Stresstests zeigen klar: Klassische Ein-Faktor-Stresstests reichen nicht mehr. Gefordert sind dynamische Szenarien, Reverse-Stresstests und eng verzahnte Risikoanalysen – basierend auf konsistenten Daten und belastbaren Modellen. Zudem nehmen Risk-Regime Playbooks und Intraday-/Echtzeitsteuerung im Zuge der Digitalisierung und Automatisierung sowie der Bedeutung von Social Media und Instant Payments / Transactions an Bedeutung zu.

Regulatorische Dynamik: MaRisk, EBA, ESG, KWG & IFRS

2026 bringt neue MaRisk-Regelungen, erweiterte EBA-Guidelines, ESG-Pflichten gemäß §§ 26c/26d KWG sowie die transformative Einführung von IFRS 18. Das Management von ESG-Risiken steht im Spannungsfeld zwischen US- und europäischer Regulatorik; gleichzeitig steigen Anforderungen an Modellvalidierung, Governance, Datenqualität und Third-Party-Management. Für Banken bedeutet das: ein deutlich strukturiertes Zusammenspiel von Risiko-, Finanz- und Nachhaltigkeitsdaten.

Technologie, KI und neue operationelle Risiken

Digitalisierung und KI sind längst operative Realität – sowohl im Risikomanagement als auch in der Wirtschaftsprüfung. KI unterstützt Dokumentenanalysen, Mustererkennung, Frühwarnindikatoren und Szenarioarbeit, bringt jedoch neue Herausforderungen mit sich: Modellrisiken, Bias, Transparenzanforderungen, Abhängigkeiten von Cloud-Providern und höhere Cyberexponierung. Die Anforderungen aus DORA erhöhen den Druck, Third-Party-Risiken systematisch zu steuern.

Zins-, Spread- und Liquiditätsrisiken im Fokus

Der Zinsregimewechsel lässt IRRBB und CSRBB zu zentralen Steuerungsgrößen werden. Liquidität rückt – durch schnellere digitale Abflüsse und volatile Refinanzierungsmärkte – wieder stärker in den Mittelpunkt. Realistische Abflussannahmen, intradayfähige Liquiditätsüberwachung und engere Verzahnung mit Treasury sind entscheidend.

Zur Einordnung: drei zentrale Fragen

1. Wie lässt sich Regulierung wirksam vereinfachen?
Durch Harmonisierung, klare Prinzipien und weniger Detailvorschriften. Einheitliche europäische Auslegungen, reduzierte Doppelmeldungen und ein stärker risikoorientierter Ansatz würden Komplexität spürbar senken und Ressourcen für Innovation freisetzen.

2. Was sind die größten Herausforderungen der nächsten fünf Jahre – und wo ansetzen?
Fünf Kräfte prägen die Branche: geopolitische Volatilität, regulatorische Dichte, technologischer Wettbewerb, ESG-Integration und Profitabilitätsdruck. Lösungswege:

  • Risikomanagement im Einklang mit Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum,
  • Daten & Analytik professionalisieren,
  • Governance & Risikokultur modernisieren,
  • Technologie und KI verantwortungsvoll nutzen.

Wer heute investiert, baut Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit für nachhaltiges Wachstum aus.

3. Welche Rolle spielt KI – und wo liegt das größte Potenzial?
KI ist bereits Alltag: automatisierte Analysen, Anomalie-Erkennung, Dokumentenprüfung, Szenario-Generierung. Ein großes Potenzial liegt in dynamischer Risikomodellierung und intelligentem Supervisory Reporting. Voraussetzung: robuste Governance, Explainability und klare Verantwortlichkeiten.

Fazit

Risikomanagement wird vom Kontrollinstrument zum strategischen Werttreiber. Wer Agilität, Datenintelligenz und regulatorische Verlässlichkeit verbindet, wird Stabilität sichern und zugleich Innovationskraft entfalten. Die entscheidende Frage lautet: Wie schaffen wir ein Risikomanagement, das in einer vernetzten, unsicheren und datengetriebenen Welt vorausdenkt – statt nur reagiert?

Ich freue mich darauf, diese Themen im Rahmen der Paneldiskussion „Risikomanagement neu denken: agil, datenbasiert, verantwortungsvoll“ auf der Handelsblatt-Jahrestagung Bankenaufsicht 2026 gemeinsam zu vertiefen und mit Ihnen in den Austausch zu gehen.