In den letzten zwei Dekaden, in der die Leitzinsen immer weiter abgesenkt wurden, verringerte sich der Bestand der Lebensversicherungen gegen laufenden Beitrag. Nur die LV-Bestände gegen Einmalbeitrag wuchsen zwischenzeitlich, doch auch diese erfuhren eine Attraktivitätsverfall, als im Zuge der Leitzinserhöhung der EZB Finanzprodukte mit höherer Verzinsung angeboten wurden und das Kapital dorthin floss.
Vor dem Hintergrund der Leitzinserhöhungen der EZB auf über vier Prozent in 2023 empfahl nun die Deutsche Aktuarvereinigung dem Gesetzgeber ebenfalls eine Erhöhung des Höchstrechnungszinses von Lebensversicherungen auf ein Prozent. Dies stellt eine Zäsur dar, denn seit 30 Jahren wurde der Höchstrechnungszins nicht mehr angehoben. Zum 1.1.2025 wird also diese Maßzahl steigen. Seitdem wird in der Branche spekuliert, ob die klassische Lebensversicherung mit ihrem Garantiezins ein Revival erleben wird.
Für die Lebensversicherung einschließlich Pensionskassen und Pensionsfonds geht die aktuelle GDV-Prognose für 2024 von einem Beitragsrückgang um 2,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr aus. Vor allem die schwache Entwicklung der Einmalbeiträge belastet das Geschäft. Im kommenden Jahr könnte es mit einer Beitragsentwicklung zwischen -0,3 Prozent und 2,5 Prozent wieder stärker wachsen.
Auch wir vom Bundesverband Deutscher Versicherungskaufleute (BVK) erwarten im kommenden Jahr ein besseres Umfeld für die Lebensversicherung. Denn die höheren Zinsen werden die Ertragskraft der Unternehmen verbessern und die steigende Überschussbeteiligung die Attraktivität der Produkte erhöhen. Gleichzeitig dürften die realen Einkommen weiter anziehen, während die Inflation abnimmt. Somit dürften Kunden ein Mehr an verfügbaren Einkommen haben.
Doch trotz des günstiger werdenden Umfelds steht die Lebensversicherung vor Herausforderungen: Die Tarife müssen aufgrund von Neukalkulationen das Produktfreigabeverfahren der Bafin durchlaufen. Das kann vor dem Hintergrund des Postulats eines angemessenen Preis-Leistungs-Verhältnisses (Value for Money) durchaus spannend werden. Hierfür werden die Produkte einer umfassenden Kosten-Nutzen-Analyse unterzogen.
Schon versuchen einige Produktgeber ihre Vertriebschancen in diesem Umfeld zu steigern und bieten im Vorgriff auf die Erhöhung des Höchstrechnungszinses eine Anpassung des Garantiezinses an bestehende LV-Produkte an.
Bei der Vermittlung von Lebensversicherungen lohnt es sich schließlich nicht, auf das nächste Jahr zu warten, ganz im Gegenteil. Denn die für die Kalkulation von Tarifen entscheidende Faktoren wie das Alter und der Gesundheitszustand spielen eine nicht unbedeutende Rolle. Hier gilt also wie bei allen Sparprozessen je früher, desto besser.
Mit der Verknüpfung mit ESG-konformen (Environmental, Social, Governance)-Vorsorgeprodukten werden ebenfalls Vertriebschancen generiert. Die Produktgeber können sich durch nachhaltige Angebote von Wettbewerbern abheben und umweltbewusste Kunden ansprechen.
Auch für die Riester-Rente bietet die Erhöhung des Erhöhung des Höchstrechnungszinses eine Chance. Schließlich haben damit Produktgeber den nötigen Spielraum, um den obligatorischen Kapitalerhalt zu erwirtschaften.
Doch bei allen Vertriebschancen gilt: Es gilt nicht nur Abschlüsse zu generieren, sondern auch lebenslang die Kunden zu beraten. Schließlich bestehen Lebensversicherungen jahrzehntelang und die Verantwortung der Versicherungsvermittler besteht darin, Kunden kontinuierlich zu betreuen und zu beraten. Vor dem Hintergrund der hier skizzierten Marktveränderungen gilt dies umso mehr.