Die Spielregeln im Retail Banking verändern sich fundamental. Was über Jahrzehnte ein stabiles Geschäftsmodell bei Konten, Zahlungsverkehr, Karten und Finanzierungen war, steht vor einer disruptiven Verschiebung. Bis 2030 wird sich die Wertschöpfung im Bankgeschäft nicht mehr primär über Produkte definieren, sondern über die Fähigkeit, sich in digitale Ökosysteme einzubetten oder selbst diese bereitzustellen. Gleichzeitig gewinnen neue Technologien wie Künstliche Intelligenz und insbesondere Stablecoins massiv an Bedeutung – mit potenziell disruptiven Auswirkungen auf die bestehenden Erlösströme. Wie passen in dieses Bild die aktuellen europäischen Initiativen von Wero, EUDI-Wallet sowie dem digitalen Euro und welche Weichen für die Zukunft sind jetzt zu stellen.
Vom Produkt zum Ökosystem: Die stille Revolution im Banking
Klassische Bankprodukte verlieren zunehmend an Differenzierungskraft. Zahlungsverkehr, Girokonten, Karten oder Konsumentenkredite werden durch regulatorische Initiativen, steigende Transparenz und technologische Innovationen immer austauschbarer. Instant Payments, Account-to-Account-Verfahren (A2A) und vor allem die Entwicklung bei den Stablecoins beschleunigen dies.
Parallel dazu verändert sich die Kundeninteraktion grundlegend. Banking wird „unsichtbar“. Finanzdienstleistungen werden nicht mehr aktiv nachgefragt, sondern im Hintergrund von Plattformen und Anwendungen bereitgestellt – integriert in E-Commerce, Mobilität, digitale Identitäten oder Wallets.
Die Folge: Die direkte Kundenbeziehung wandert zunehmend von der Bank hin zu Plattformen.
Das Banking findet künftig nicht mehr in der Filiale oder auf dem Kontoauszug statt – sondern am Point of Sale, in Wallets und im E-Commerce-Checkout. Die Infrastruktur für diese neuen Ökosysteme entsteht gerade.
Europas Antwort: Wero, EUDI-Wallet und der digitale Euro
Wero hat mit der Absichtserklärung von EPI und EuroPA im Februar 2026 einen entscheidenden Schritt nach vorne gemacht: Ab 2027 können rund 130 Millionen Nutzer in 13 europäischen Ländern grenzüberschreitend zahlen – P2P, E-Commerce und POS unter einem Dach. Die EUDI Wallet bereitet den Weg für die digitale Identität, die Finanzdienstleistungen personalisierbar und kontext-sensitiv macht. Die EZB treibt mit dem digitalen Euro trotz politischem Gegenwind und offenen Fragen zum Kundennutzen den Aufbau einer öffentlich-privaten Akzeptanzinfrastruktur voran.
Im Zusammenspiel haben diese drei Initiativen das Potenzial, die Grundlage für ein Wallet- und identitätsbasiertes Ökosystem in Europa zu schaffen, aber nicht, wenn diese Initiativen im Wettbewerb zueinanderstehen.
Stablecoins: Die globale Alternative entsteht
Während Europa mit Wero und dem digitalen Euro eine souveräne Zahlungsinfrastruktur aufbaut, entsteht parallel ein globales, privatwirtschaftlich getriebenes Finanzsystem auf Blockchain-Basis.
Ein prominentes Beispiel ist Circle, Herausgeber des USDC-Stablecoins.
Circle verfolgt die Vision eines „Internet Financial System“ – einer Finanzinfrastruktur, die so funktioniert wie das Internet selbst: global, in Echtzeit und programmierbar.
Stablecoins ermöglichen:
- Echtzeit-Zahlungen weltweit (24/7)
- Niedrige Kosten ohne klassische Intermediäre
- Direkte Abwicklung (Settlement) in Sekunden
- Programmierung von Geld über Smart Contracts
Damit greifen sie zentrale Ertragsquellen von Banken insbesondere im Zahlungsverkehr und im internationalen Transfergeschäft an.
Das Spiel hat begonnen, wer wird gewinnen?
- Regulierte Stabilität in Europa vs. globale technologische Geschwindigkeit
- Öffentliche Infrastruktur vs. privatwirtschaftliche Innovationen
Neue Rollenverteilung: Banken, Broker und Fintechs
In diesem neuen System entstehen klare, aber komplementäre Rollen:
- Banken bleiben Vertrauensanker. Sie stellen Infrastruktur, regulatorische Sicherheit, Zahlungsverkehr sowie Risiko- und Bilanzkapazitäten bereit. Gerade in Europa ist dieses Vertrauen ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.
- Broker demokratisieren den Zugang zu Kapitalmärkten. Sie skalieren Investmentangebote und senken Eintrittsbarrieren für Retailkunden.
- Fintechs treiben Innovation im Kundenerlebnis. Sie setzen auf datengetriebene Beratung, Automatisierung und intuitive Interfaces.
Wertschöpfung entsteht jedoch nicht mehr isoliert in diesen Rollen, sondern durch deren Integration in Plattformen und Ökosysteme:
- Integration von Investmentlösungen in Wallets und Alltags-Apps
- Kontextbasierte Spar- und Anlageprodukte, etwa am Point of Sale
- Identitätsgestützte Onboarding- und Beratungsprozesse via EUDI Wallet
- API-basierte Distribution von Vorsorge- und Anlageprodukten
- Datengetriebene Personalisierung entlang der Customer Journey
Die Wertschöpfung verlagert sich von der Produktmarge hin zur Orchestrierung von Finanzdienstleistungen innerhalb digitaler Ökosysteme. Wer das als Einzellösung angeht, hat die Logik nicht verstanden. Orchestrierung schlägt Einzellösungen – heute mehr denn je.
KI im Banking 2026: Effizienz zuerst, Transformation danach
Künstliche Intelligenz ist auch im Banking angekommen. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wo der größte Hebel liegt. Unsere Einschätzung für 2026 ist klar: Die größte Wirkung liegt auf der Effizienzseite: KYC, AML, Kreditentscheidungen, Betrugsprävention, Backoffice-Abläufe – im transaktionsintensiven Retail Banking sind hier erhebliche Kostenpotenziale.
Parallel verbessert KI bereits heute das Kundenerlebnis durch personalisierte Empfehlungen, proaktive Liquiditätsprognosen und KI-gestützte Assistenzsysteme. Diese Anwendungen stärken zwar die Kundenbindung, bleiben aber meist innerhalb bestehender Geschäftsmodelle.
Der größte strukturelle Hebel liegt langfristig woanders, und zwar in neuen KI-basierten Geschäftsmodellen – etwa im Kontext von Embedded Finance oder Agentic Banking, bei dem autonome Systeme Finanzentscheidungen im Kundenauftrag vorbereiten oder ausführen. Die EUDI Wallet kann solche Modelle durch automatisierte Identitäts- und Autorisierungsprozesse zusätzlich beschleunigen.
Banken, die KI konsequent zur Effizienzsteigerung einsetzen, schaffen damit die notwendige Kosten- und Datenbasis, um in einem nächsten Schritt auch Kundenerlebnis und Geschäftsmodell nachhaltig zu transformieren. Aber: Wer die Effizienz-Hausaufgaben nicht macht, hat keine Datenbasis für diesen nächsten Schritt. KI ist keine Technologie, die man einfach aufsetzt. Sie verändert die gesamte Organisation, ihrer Prozesse, Strukturen und IT-Plattformen. Nur wenn alle Puzzleteile sinnvoll ineinandergreifen und die gesamte Organisation einbezogen wird, kann KI ihre volle Wirkung entfalten.
Fazit
Die eigentliche Disruption der Banken liegt nicht darin, dass neue Player einzelne Produkte angreifen, sondern darin, dass sie:
- die Kundenschnittstelle übernehmen (Wallets)
- die Transaktionsinfrastruktur kontrollieren (Stablecoins, A2A)
- und damit die Wertschöpfung verschieben
Wenn Zahlungsverkehr, Identität und Assets außerhalb des klassischen Bankensystems orchestriert werden, reduziert sich die Rolle der Banken auf Infrastruktur und Bilanz.
Der Wandel wartet nicht. Banken, die strategisch erfolgreich sein wollen, müssen jetzt handeln.
Drei Weichen, die Banken jetzt stellen müssen
1. Klare Positionierung im Wallet-Ökosystem – nicht in allen Rollen gleichzeitig, sondern mit klarer Entscheidung, wo echter Mehrwert entsteht.
2. Aufbau von Identity- und Embedded-Finance-Fähigkeiten – Technologie als Mittel, nicht als Selbstzweck.
3. API-fähige Services – Entkopplung von Produkt und Distribution als Voraussetzung für jedes Plattformmodell.
Der Wettbewerb findet zukünftig nicht mehr nur zwischen Banken statt, sondern zwischen integrierten digitalen Ökosystemen. Banking wird zur Funktion und nicht mehr zum Geschäftsmodell selbst. Wer das als Bedrohung sieht, hat bereits verloren. Wer es als Chance begreift, hat einen echten Vorsprung.
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