Worüber sollte sich ein Vorstand beim Thema KI heute am meisten Gedanken machen — und was wird dabei häufig unterschätzt?
Nicht über die Frage, ob KI kommt. Die ist längst beantwortet. Die bessere Frage lautet vielmehr: Wo verändert KI wirklich unser Geschäft — und wo machen wir nur bestehende Abläufe ein bisschen schneller?
Unterschätzt wird, dass KI kein Tool ist, das man einfach oben draufsetzt. Wenn Daten schlecht sind, Prozesse kompliziert bleiben und Verantwortlichkeiten unklar sind, wird KI nicht magisch helfen. Der große Hebel entsteht erst, wenn wir Abläufe neu denken. Was kann automatisiert werden? Wo braucht es den Menschen? Und wie sorgen wir dafür, dass Mitarbeitende KI sicher und sinnvoll nutzen?
Wo ist die Lücke zwischen KI-Versprechen und messbarem Mehrwert aktuell am größten?
Die größte Lücke ist zwischen den Produktivitätserwartungen und dem, was wirklich im Operativen passiert. Viele erwarten von KI sofort enorme Produktivitätssprünge. In der Praxis sieht man aber oft: Einzelne Aufgaben werden schneller, der Gesamtprozess noch lange nicht.
Ein Text ist schneller geschrieben, eine Recherche schneller erledigt, ein Schadenfall vielleicht schneller vorsortiert. Aber wenn danach wieder manuell geprüft, nachgearbeitet oder zwischen Systemen hin- und herkopiert wird, ist der Effekt weg. Der Mehrwert entsteht nicht im Prompt, sondern im Prozess. KI lohnt sich dort, wo am Ende wirklich weniger Rückfragen, kürzere Durchlaufzeiten, bessere Entscheidungen und zufriedenere Kunden stehen.
Woran werden wir in zwei Jahren erkennen, dass KI in der Versicherungsbranche wirklich „angekommen“ ist?
Daran, dass niemand mehr groß darüber spricht, ob KI eingesetzt wird. Sie ist dann einfach Teil der Arbeit. In zwei Jahren sollte KI nicht mehr nur im Chatfenster sitzen, sondern mitten im echten Arbeitsprozess stecken: beim Antrag, in der Schadenbearbeitung, im Kundenservice, im Risikomanagement. Für Versicherer bedeutet das, den gesamten Prozess vom Kundenantrag über die Prüfung bis zur Entscheidung abzudecken. KI begleitet durchgängig. Menschen bleiben verantwortlich, wo es komplex, sensibel oder rechtlich heikel ist. Der Erfolg zeigt sich nicht an Demos oder Pilotprojekten, sondern an Ergebnissen: schneller, effizienter und verständlicher für Kunden – und mit mehr Zeit für echte Beratung und die Fälle, in denen menschliches Urteil wirklich zählt. KI ist angekommen, wenn Kunden den Unterschied merken, Mitarbeitende sie selbstverständlich nutzen und Management sowie Aufsicht wissen, was die Systeme tun.