Die digitale Dauerbaustelle der Energiewende

Artikel aus dem Handelsblatt Journal Energiewirtschaft vom September 2026

Vor zehn Jahren schrieb ich an dieser Stelle über die Notwendigkeit einer modernen öffentlichen Energiedateninfrastruktur für den Datenaustausch zwischen Millionen PV-Anlagen, Batteriespeichern, Wärmepumpen und Elektrofahrzeugen. Schon damals war klar: Marktkommunikation, digitale Messsysteme und Marktstammdatenregister müssen nahtlos zusammenspielen.

Die Energiedateninfrastruktur 2026: Teuer und nicht zukunftsfähig

Anders als die circa 70 Millionen Smartphones in Deutschland, deren Registrierung beim Mobilfunkanbieter mittels SIM-Karten digital erfolgt, werden Energieanlagen wie eine PV-Dachanlage weiterhin mittels manueller Dateneingaben im Marktstammdatenregister angemeldet. Der zuständige Verteilnetzbetreiber überprüft die eingegebenen Daten anschließend in Handarbeit, und die Kosten inklusive Nachbearbeitungen werden auf die Netzentgelte für die Stromverbrauchenden umgelegt.

Neben manuellen Prozessen erhöhen auch die grobe Auflösung von Energiedaten die Stromsystemkosten. So haben orts- und zeitvariable Stromtarife sowie dynamische Netzentgelte prinzipiell eine kostensenkende Wirkung, indem sie die Markteffizienz bzw. die Netzauslastung erhöhen können. Beide Formen erfordern allerdings eine höhere Auflösung der Messwerte als die aggregierten Jahreswerte, die analog ausgelesen und dem Stromlieferanten gemeldet werden. Entsprechend wurde schon 2016 entschieden, eine digitale, intelligente Messinfrastruktur aufzubauen. Anders als in den meisten Ländern der EU gilt eine verpflichtende Ausstattung in Deutschland jedoch nur für eine Teilmenge aller Haushalte und Unternehmen. Dennoch waren laut Bundesnetzagentur zum Jahresende 2025 erst 23 Prozent der definierten Pflichteinbaufälle erreicht.

Doch selbst ein hundertprozentiger Rollout intelligenter Messsysteme würde nicht genügen. Neben der Messinfrastruktur bleibt die Marktkommunikation die zweite große digitale Baustelle der Energiewende. Denn die heutige Energiedateninfrastruktur ist für den steigenden Datenaustausch zwischen den Marktakteuren nicht ausgelegt. Insbesondere fehlt der Marktkommunikation die Skalierbarkeit, um Millionen zusätzlicher Akteure sowie neue Geschäftsmodelle wie bidirektionales Laden oder den durch KI-Agenten gesteuerten Handel von Kleinstflexibilitäten zu unterstützen. Deutlich später als viele andere EU-Länder wird jetzt auch in Deutschland konkret an der Modernisierung des Datenaustausches unter dem Stichwort MaBiS-Hub gearbeitet. Die Bundesnetzagentur verfolgt unter diesem Akronym den Aufbau einer zentralen Plattform zur Verarbeitung von Energiedaten. Allerdings ist ein möglicher Start jüngst Jahre nach hinten verschoben, und moderne, europäische Ansätze wie Datenraum-Architekturen und die europäische digitale Vertrauensinfrastruktur eIDAS werden nicht berücksichtigt. Darüber hinaus bleiben intelligente Messsysteme, das Marktstammdatenregister und die Marktkommunikation auf absehbare Zeit digitale Insellösungen. Insgesamt ist die deutsche Energiedateninfrastruktur 2026 zu analog, zu fragmentiert, zu komplex und zu stark von Pfadabhängigkeiten geprägt. Von Ende-zu-Ende-Digitalisierung und einer Echtzeitenergiewirtschaft sind wir weit entfernt in Deutschland.

Vorbild Europa

Die gute Nachricht: Deutschland muss nicht bei null beginnen. Mit dem Common European Energy Data Space (CEEDS) entwickelt die EU bereits eine Architektur für einen interoperablen und datensouveränen Energiedatenraum. Aufbauend auf dem Data Act und dem Interoperable Europe Act verspricht sie Prozesse zu vereinfachen sowie Transaktions- und Koordinationskosten zu senken. Gleichzeitig kann Deutschland auf eigene Spitzenforschung zu Energiedatenräumen und digitalen Identitäten unmittelbar aufbauen.

Was zu tun ist

Der Aufbau einer leistungsfähigen digitalen Infrastruktur gehört zur staatlichen Daseinsvorsorge. Dennoch fehlt bis heute eine klare politische Festlegung, wer die Verantwortung für Entwicklung, Umsetzung und Kontrolle eines digitalen Zielbildes für eine integrierte, europa- konforme Energiedateninfrastruktur trägt. Zuständigkeiten liegen verteilt beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, der Bundesnetzagentur und dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnologie. Das Ergebnis ist ein Verantwortungsvakuum, in dem niemand ein konsistentes Zielbild einfordert. Zugleich entstehen mit Deutschland-Stack, EUDI-Wallet und Datenraum-Initiativen bereits zentrale digitale Bausteine, die stärker mit der Energiewirtschaft verzahnt werden sollten. Entsprechend sollte das Bundesministerium für Digitalisierung und Staatsmodernisierung in die Gestaltung der strategischen Gesamtarchitektur eng eingebunden werden.

Evidenzbasierte Politik

Eine erfolgreiche Digitalisierungsoffensive muss ökonomische Pfadabhängigkeiten berücksichtigen. Für Teile der Zählerindustrie und ihrer Verbände wird jede Kritik am deutschen Sonderweg als Infragestellung bislang getätigter Investitionen und erarbeiteter Marktpositionen wahrgenommen. Die Folge: Statt einer offenen Debatte dominiert häufig die reflexartige Verteidigung des Status quo. Ähnliches gilt für die Weiterentwicklung der Marktkommunikation zum MaBiS-Hub. Während auf europäischer Ebene bereits Datenraumarchitekturen als nächste Entwicklungsstufe diskutiert werden, setzt Deutschland weiterhin auf zentrale Plattformansätze und teilweise technisch überholte Kommunikationsstandards. Befürworter verweisen auf geringere Umstellungskosten. Allerdings fehlt bislang eine belastbare Analyse, die die Kosten einer Modernisierung den potenziellen Effizienzgewinnen und den Kosten des Nichtstuns, wie steigende Netzentgelte, eine verzögerte Elektrifizierung und die daraus resultierenden Nachteile für die Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland gegenüberstellt. Genau diese Gesamtsicht ist jedoch Voraussetzung für eine evidenzbasierte Infrastrukturpolitik.

Ein wenig ambitionierter Modernisierungspfad für die Marktkommunikation sichert den Bedarf nach regelmäßigen IT-Anpassungen und Releasewechsel. Dieses Marktsegment umfasst Schätzungen zufolge hunderte Millionen Euro jährlich und generiert bei einer Vielzahl von Marktakteuren stabile Erlöse. Interessenvertretung und Gewinnerzielung sind legitime Bestandteile der sozialen Marktwirtschaft. Gerade deshalb kommt dem Staat bei digitaler öffentlicher Infrastruktur wie der Marktkommunikation und intelligentem Messwesen jedoch eine besondere Verantwortung zu. Denn hier ist der Wettbewerb um die IT-Architekturlösung bewusst eingeschränkt, sodass Anreize für technologische Innovation und Modernisierung nur schwach ausgeprägt sind. Umso stärker sind Regulierung und Politik gefordert, die Fortentwicklung der IT-Infrastrukturentwicklung strategisch zu planen und zu steuern. Voraussetzung dafür ist eine belastbare, evidenzbasierte Entscheidungsgrundlage. Wer über die Zukunft der Energiedaten- Infrastruktur entscheidet, muss nicht nur die Kosten einer Reform abschätzen, sondern ebenso den volkswirtschaftlichen Nutzen und die Kosten des Nichtstuns berücksichtigen.

Digitalisierungsoffensive statt Dauerbaustelle

Die Energiewende hängt zunehmend von einer leistungsfähigen Dateninfrastruktur ab. Sie entscheidet maßgeblich darüber, wie effizient, resilient und bezahlbar ein zunehmend dezentrales Energiesystem betrieben werden kann. Die Konzepte liegen auf dem Tisch. Was fehlt, ist entschlossene politische Führung mit einem klaren Zielbild und eindeutigen Verantwortlichkeiten. Gelingt dieser Schritt, könnte Deutschland in zehn Jahren nicht mehr über die digitale Dauerbaustelle der Energiewende sprechen, sondern über einen ihrer größten Modernisierungserfolge.

Marktkommunikation, digitale Messsysteme und Marktstammdatenregister müssen nahtlos zusammenspielen.

Prof. Dr. Jens StrükerProfessor für Wirtschaftsinformatik und Digitales Energiemanagement, Universität Bayreuth und stellvertretender Leiter des Institutsteils Wirtschaftsinformatik, Fraunhofer FIT
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