Das Thema Cybermobbing trifft jeden irgendwann

Interview mit Dr. Matthias Maslaton, ARAG-Vorstand für Vertrieb, Produkt und Innovation

Vor zehn Jahren hat die ARAG einen neuen Markt erschlossen: Sie versichert Privatkunden rund um das digitale Leben. Das Geschäft wächst beständig.

Sie haben vor rund zehn Jahren als erste Versicherung einen Cyberschutz für Privatkunden eingeführt. Wie hat sich das Geschäft seitdem entwickelt?

Als wir 2012 mit „ARAG [email protected]“ gestartet sind, gab es schon Cyber-Versicherungen für das Gewerbe. Wir wollten damals vor allem einen Schutz gegen das Cybermobbing schaffen und dachten besonders an gefährdete Kinder und Jugendliche. Wenn sie in den sozialen Medien verunglimpft werden, sollte das gelöscht werden können.

Über die Jahre haben wir unseren Schutz für das digitale Leben kontinuierlich ausgebaut, beispielsweise mit einer Deckung für Vermögensschäden, die etwa bei Betrug in Online-Shops entstehen. Inzwischen versichern wir auch Schäden an Elektronikgeräte wie Notebooks und PCs, bieten ein tägliches Monitoring von sensiblen Daten im Netz an und decken mit unserem Angebot die ganze Familie ab. Der Absatz läuft recht konstant, wir verkaufen im Durchschnitt etwa 1000 Versicherungen im Monat und haben damit einen Bestand von rund 80.000 Policen.

Gehen denn die Kunden mit den Risiken im Netz inzwischen sensibler um oder vertrauen sie eher auf ihren Schutz, nach dem Motto, „die Versicherung wird das schon richten“?

Es gibt natürlich weiterhin beides. Als ARAG sehen wir es aber auch klar als unsere Rolle, kontinuierlich auf verschiedensten Kanälen über die Gefahren im Netz aufzuklären – etwa durch unsere Kampagne www.hass-streichen.de. Bei einer unserer Konferenzen zum Thema Cybermobbing hat eine australische Wissenschaftlerin beispielsweise vorgeschlagen, dass jedes Kind – ähnlich wie für einen Schwimmpass – für einen Internet-Führerschein auch eine Schulung und Prüfung absolvieren sollte. Die Schulen bereiten die Kinder zwar auf einige Gefahren vor, auch Eltern sind sensibler geworden, aber leider bleibt Cybermobbing weiterhin ein großes Thema. Die ARAG ist hier sehr aktiv und bietet seit 2013 ebenfalls Konfliktmanagement an Schulen an. Das ist ein umfangreiches Qualifizierungsprogramm, das auch besonders auf digitale Gewalt an Schulen eingeht. Daneben entwickelt sich aber auch Internet-Betrug stark weiter. Die klassischen Betrugsmails, in denen eine Bank das Passwort verlangt, funktionieren heute kaum noch. In den vergangenen zehn Jahren sind die Fake-Mails jedoch immer professioneller geworden. Meist erwischen sie die Menschen gerade in den Momenten, in denen sie unaufmerksam oder abgelenkt sind.

Sollten nach Ihrer Einschätzung der Schutz von Cybermobbing stärker gesetzlich geregelt werden? Sollten beispielsweise gewisse Mindeststandards oder Regeln für Plattformen oder PC-Spiele eingeführt werden?

Wir haben einen gesetzlichen Rahmen, der erst von der letzten Bundesregierung nochmals verschärft worden ist. Entscheidend ist am Ende, inwieweit sich Polizei und Justiz der Lebenswirklichkeit im Netz annehmen. In NRW erweist sich die Schwerpunktstaatsanwaltschaft in Köln zum Beispiel als eine sehr wirksame Einheit. Zudem nehmen die Portalbetreiber für die Mobbingangriffe nicht mehr auf die leichte Schulter. Nach unserer Erfahrung löschen die weit verbreiteten Plattformen wie Facebook und Instagram recht schnell Beleidigungen, wenn sie darauf hingewiesen werden. Dabei arbeiten wir zunächst mit Dienstleistern wie „Dein guter Ruf“ zusammen. Etwa 90 Prozent der Fälle lassen sich in dieser ersten Stufe regeln. In den allermeisten Fällen hilft es dabei zudem, über die Wirkung von Mobbing zu reden. Wir haben aber auch Fälle, in denen das Mobbing beispielsweise gegen Schüler im Netz schnell eingestellt ist und im Klassenraum geht es leider unvermindert weiter. Manchmal hilft dann nur der Brief eines Anwalts, bis es dann wirklich aufhört Das gilt bei Schülern genauso wie im Erwachsenenumfeld – schließlich handelt es sich ja um Straftaten im Netz. Außerdem verfolgt das Gift im Netz die Opfer praktisch überallhin und bleibt ständig haften.

Nicht einfach ist die Handhabe, wenn die Plattformen in Ländern mit weniger strikt regulierten Internetmärkten gehostet werden und darauf angelegt sind, Hassreden zu verbreiten. Das kommt aber bisher relativ selten vor. Auch Personen des öffentlichen Lebens, die wir bewusst nicht versichern, sind schwieriger vor Angriffen zu schützen, da hier der Schutz der Meinungsfreiheit von Gerichten deutlich höher gewichtet wird als bei Privatpersonen.

 Wie hat sich die Pandemie und die damit verstärkte Arbeit im Home Office auf Ihre Versicherung ausgewirkt?

 Der Absatz unseres Internet-Schutzes ist weitergelaufen wie bisher. Gerade Eltern werden auch weiterhin durch den sorglosen Umgang ihrer Kinder mit Informationen im Netz oder mit Computerspielen immer wieder auf die Gefahren im Netz aufmerksam. Die meisten Cyberpolicen verkaufen wir übrigens nicht über Portale im Internet, wie man vielleicht vermuten würde, sondern über unsere ARAG Vertriebspartner, die im persönlichen Kontakt mit den Kunden – und damit potenziell betroffenen Eltern – stehen.

Welche Gefahren im Netz werden sich denn nach Ihrer Beobachtung künftig noch verstärken?

Aktuell weitet sich das Mobbing im Verlauf von Videospielen aus. Anders als beim schriftlichen Austausch in den Sozialen Medien, geht es dabei vor allem in den Chats der Streams sehr direkt zu. Hier setzen wir übrigens mit der „For a Good Game“-Initiative unter anderem mit unserem eSports-Kooperationspartner SK Gaming an. Denn die psychischen Folgen sind hier besonders hart – für Erwachsene, aber erst recht für Kinder und Heranwachsende. Strafanzeigen und Unterlassungsansprüche allein können die seelischen Schäden nicht wieder gut machen. Wir bieten daher über [email protected] auch eine telefonische psychologische Soforthilfe rund um Cybermobbing an. Dadurch kann schon viel aufgefangen werden.

Aber auch der Streit von Paaren nach einer Trennung weitet sich im Netz aus. Da geht es beispielsweise um intime Fotos oder andere Verunglimpfungen. Bei solchen Konfliktsituationen konnten wir beispielsweise auch durch die eingeschlossene Meditation gut weiterhelfen.

Beim Marktstart unserer Internet-Police spielte bei Kindern häufig der Vorwurf des illegalen Downloads von Filmen oder Musik eine Rolle – und damit verbundene Hilfestellungen, sich dagegen zu wehren. Hier hat sich mit neuen Plattformen wie Apple oder Amazon Musik inzwischen vieles legalisiert. Fälle, in denen sich ein Kunde oder dessen Kinder gegen angebliche Urheberrechtsverstöße wehren müssen, gibt es dennoch weiterhin. Entsprechend oft werden hier unsere Leistungen in Anspruch genommen, um sich dagegen zu wehren. Ein häufiges Praxisbeispiel ist die nicht autorisierte Verwendung urheberrechtlich geschützter Fotos bei einem Posting oder in einer Verkaufsanzeige auf eBay.

Das bedeutet also, das Thema Cybermobbing wird Ihre Versicherung noch lange beschäftigen….

Das Thema betrifft langfristig jeden irgendwann, weil es ein gesamtgesellschaftliches Phänomen geworden ist. Daher rechnen wir weiterhin mit einem starken Bedarf an solchen Versicherungslösungen. Eine Studie aus dem Jahr 2017 erwartet nur für die deutschsprachigen Länder bis zum Jahr 2036 einen Markt von rund 26 Milliarden Euro. Wir sind stolz, den Bedarf erkannt und diesen Markt erschlossen zu haben.

                                                                                             Das Interview führte Sabine Haupt