Das H2-Kernnetz kommt

Artikel aus dem Handelsblatt Journal „Energiewirtschaft“ vom 23.01.2024

Die Bundesnetzagentur beschleunigt den Prozess

Die Bundesnetzagentur ist nach meiner Überzeugung einer der Treiber der Energiewende. Wasserstoff (H2), insbesondere grüner Wasserstoff, spielt dabei eine zentrale Rolle. Ohne ihn ist ein klimaneutrales Stromsystem nicht denkbar. Unbestritten ist er vielfältig einsetzbar: in der Industrie, etwa bei der Herstellung von Stahl, in Brennstoffzellen, um Schwerlastfahrzeuge anzutreiben oder als Grundstoff für viele unterschiedliche Folgeprodukte wie etwa Ammoniak, Methanol oder auch Kunststoffe. Wasserstoff ist auch als Speicher für erneuerbaren Strom geeignet. Andererseits steht er nur begrenzt zur Verfügung und es braucht Energie, um ihn überhaupt herzustellen. Und wenn es gelingt, fossiles Erdgas durch klimaneutral erzeugten Wasserstoff zu ersetzen, müssen wir ihn auch transportieren. Dafür braucht es ein Netz. Die vorhandenen Gasnetze müssten umgebaut werden, weil Wasserstoff- und Erdgas bzw. Methanmoleküle unterschiedliche Eigenschaften haben.

Ist Wasserstoff der Heilsbringer?

In der öffentlichen Debatte um Energie und Versorgungssicherheit wirkt H2 bisweilen wie ein Zauberwort. Insbesondere seit der Gaskrise in Folge des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine konnte man den Eindruck gewinnen, dieser Energieträger sei die Lösung aller Probleme. Wie aber ist die Lage tatsächlich? Wo stehen wir?

Ziel ist ein Wasserstoff-Kernnetz für Deutschland ab dem Jahr 2032. Diese neue Infrastruktur soll große Verbrauchs- und Erzeugungsregionen für Wasserstoff in Deutschland miteinander verbinden. Gemeint sind zum Beispiel große Industriezentren, Speicher, Kraftwerke und Importkorridore. Die Vorteile liegen auf der Hand: H2 ist eine klimafreundliche Alternative zu den fossilen Energieträgern, vorausgesetzt, die Herstellung basiert auf erneuerbaren Energien. Außerdem können wir das neue Netz zu großen Teilen auf dem alten aufbauen: Sowohl Gaskraftwerke als auch -leitungen können umgerüstet werden. Jedenfalls in Teilen, darauf komme ich zurück.

Zentral ist jetzt ein klares Bekenntnis zu den Rahmenbedingungen. Potenzielle Produzenten und Nutzer, auch Betreiber wollen wissen, womit sie es zu tun haben. Mit welcher Nachfrage ist zu rechnen? Mit welchen Kosten, welchem Nutzen? Es gibt gegenseitige Abhängigkeiten, die das Kernnetz durchbricht. Es schafft Klarheit.

Der H2-Hochlauf läuft auf Hochtouren

An den Planungen sind vor allem die Fernleitungsnetzbetreiber (FNB), das BMWK, der BDEW und die Bundesnetzagentur beteiligt. Jeder Schritt erfolgt in enger Abstimmung untereinander. Der Antragsentwurf der FNB von November bietet Aufschluss über die relevanten Zahlen: Derzeit planen sie eine Leitungslänge von knapp 9.700 Kilometern und rechnen mit Kosten von etwa 20 Milliarden Euro.

Wir als Bundesnetzagentur wollen den Prozess beschleunigen. Deshalb konsultieren wir diesen Entwurf und bereiten das Genehmigungsverfahren bereits vor Inkrafttreten des Gesetzes vor. Unser Ziel ist der zügige Hochlauf des Wasserstoffmarktes. Ein wichtiges Kriterium ist auch die Einbindung in ein europäisches H2- Netz. Deshalb tauschen wir uns schon von Beginn der Planung an mit unseren Nachbarn aus.

Der nächste Schritt ist eine Verankerung im Gesetz. Die Entwicklung im Wasserstoffbereich wird dynamisch sein, die Bedarfe werden sich verändern. Deshalb muss es möglich sein, auf den Planungen für das Kernnetz aufzusetzen. Es läuft ein eigenes Gesetzgebungsverfahren. Im Frühjahr 2024 soll es zum Abschluss kommen. Im EnWG soll ein integrierter Wasserstoff- und Gas-Netzentwicklungsplan verankert werden.

Eine neue Infrastruktur zu finanzieren ist eine komplexe Aufgabe. Pionier zu sein ist faszinierend, aber es heißt eben auch, Unwägbares zu akzeptieren. Die Lösung muss am Ende zweierlei umfassen: die Sicherheit der Energieversorgung und ein auskömmliches Investitionsumfeld für die beteiligten Unternehmen. Investoren brauchen ein verlässliches und transparentes Regelwerk.

Wichtiger Baustein ist die Regulierung

Und damit bin ich bei unserem Kerngeschäft angelangt: Regulierung. Einig sind wir uns darüber, dass alle Betreiber des Kernnetzes verbindlich reguliert werden. Einigkeit besteht auch darüber, dass es ein bundesweit einheitliches Netzentgelt geben soll. Beim Thema Eigenkapitalzinssatz hat die Netzagentur viel Erfahrung aus anderen regulierten Sektoren. Ab 2028 werden wir diesen unter Berücksichtigung der bis dahin gesammelten Erkenntnisse festlegen. Zudem sind Mechanismen zur langfristigen Absicherung vorgesehen. Als Stichworte seien hier Hochlaufentgelt und Amortisationskonto genannt. Dies schafft Verlässlichkeit und Transparenz für Netznutzende und Netzbetreiber.

Das Wasserstoff-Kernnetz wird kommen. Und ich bin zuversichtlich, dass es alle Ziele vereinen wird: Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit.

Wenn es gelingt, fossiles Erdgas durch klimaneutral erzeugten Wasserstoff zu ersetzen, müssen wir ihn auch transportieren.

Klaus MüllerPräsident, Bundesnetzagentur
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