Wenn sich die Branche am 18./19. Mai in Berlin wieder zum Chemiegipfel trifft, klingt das Motto „Mut, Resilienz und Innovationskraft“ fast wie eine Mischung aus Aufruf und Lagebericht. Für mich klingt Resilienz inzwischen leider weniger nach Strategie – sondern mehr nach Betriebszustand.
Vor einem Jahr stellte sich die Frage, ob „die Chemie“ am Standort Deutschland noch stimmt. Inzwischen ist die Anschlussfrage pragmatischer: Stimmt wenigstens die Sicherung im Schaltschrank? Denn selten war die deutsche Chemie zugleich so systemrelevant – und so dünnhäutig wie heute.
Realitätsschock: Auslastung im „Durchhaltebetrieb“
2025 war für große Teile der Chemie kein Übergang, sondern ein zähes Weiterlaufen im Sparmodus: Produktion und Erzeugerpreise leicht im Minus, Umsatz rückläufig, Anlagenauslastung bei rund 70 Prozent – historisch niedrig und weit weg von dem Niveau, das Investitionen freischaltet. Ein paar helle Pünktchen am Horizont hier und da ändern an der Branchen-Diagnose aus Kreditgeber- und Investorensicht Sicht aktuell wenig: Cash-Stabilität und Bilanzschutz stehen im Vordergrund, mit dem erklärten Ziel, ein Abrutschen unter Investment Grade zu vermeiden.
Politik: Endlich Kilowattstunden statt Konjunktiv
Immerhin hat die wirtschaftspolitische Schmerztherapie 2025/26 an Substanz gewonnen: Stromsteuerentlastung für produzierende Unternehmen, Zuschüsse zu Übertragungsnetzentgelten, Abschaffung der Gasspeicherumlage – das senkt die Grundlast der Energiekosten und nimmt etwas Druck aus dem System…dennoch kein Gamechanger. Und dann ist es da: das lange diskutierte „seltene Element“. Der Industriestrompreis für 2026 bis 2028 ist beihilferechtlich genehmigt, Zielmarke 5 ct/kWh, mit Antragslogik ab 2027 rückwirkend für 2026 – leider aber auch verbunden mit einer Schnitzeljagd durch den Deutschen Bürokratie Urwald.
Global: Kapital ist da – und hat Appetit… nur nicht zwingend auf Europa
Während Europa Regeln schreibt, globalisiert die Branche weiter. Symbolisch dafür steht Covestro, eines der Deutschen Vorzeigunternehmen: XRG (als Teil der ADNOC-Gruppe) meldete den Abschluss der Übernahme Ende 2025. Kapital ist also da, Hunger auf Materialien auch. Nur kommt der Appetit zunehmend aus Regionen, in denen Energie günstiger ist – und vor allem Genehmigungen schneller erteilt werden.
Aber auch der Realität ins Auge sehen: Das Ökosystem lässt sich nicht einfach verschiffen
Bei aller Verlagerungsromantik: Man kann Anlagen verschiffen, oder anderswo aufbauen – aber nicht so einfach das Ökosystem aus Weltklasse-Chemikern, Entwicklungs-Know-how und Verbundlogik. Deutschland ist teuer, klar – aber als Drehscheibe Europas ist es der Ort, an dem man beim nächsten Aufschwung nicht erst anrollen muss, sondern schon auf der Startbahn steht.
Insofern freue ich mich wieder sehr auf die diesjährige Konferenz, den Austausch und den Mut zur Resilienz.
In Jahr drei in Folge mit ähnlichen Themen und ähnlichen Aussichten – erlaube ich mir somit auch ein Chemiegipfel-Bingo aufzusetzen:
Meine Chemiegipfel-Bingo-Card 2026:
- Feld 1: „Bürokratieabbau“ (Freifeld)
- Feld 2: „Planungssicherheit“ (immer knapp daneben)
- Feld 3: „Wasserstoff-Hochlauf“ (kommt gleich nach der Genehmigung)
- Feld 4: „Kreislaufwirtschaft“ (alle nicken)
- Feld 5: „Wettbewerbsfähigkeit“ (alle meinen etwas anderes)
Conclusio
Aus Finanz- und Banksicht bleibt die Perspektive dennoch positiv: Die Chemieindustrie ist ein unverzichtbarer Teil der deutschen industriellen Value-Proposition – technologisch, volkswirtschaftlich und strategisch, auch wenn der Weg zurück zu Wachstum wohl etwas länger wird.