Die Reform der privaten Altersvorsorge wird oft als „Riester 2.0“ beschrieben. Das klingt nach Fortschreibung eines bekannten Systems. Tatsächlich geht es um mehr: Mit dem Altersvorsorgedepot entsteht ab 2027 ein neues Wettbewerbsfeld für Vorsorgekapital. Nicht nur Produkte verändern sich, sondern auch die Frage, wer künftig den Kundenzugang, die Kapitalströme und die Wertschöpfung in der geförderten Altersvorsorge kontrolliert.
Kapitalmarktnähe wird geförderter Mainstream
Der deutsche Lebensversicherungsmarkt stagniert seit Jahren auf hohem Niveau. Die Vertragszahlen gehen zurück, das Wachstum bleibt begrenzt und die Kostenposition vieler Anbieter ist stark unter Druck. Parallel hat sich das Sparverhalten privater Haushalte deutlich verändert: Fonds, Wertpapiere und ETF-Sparpläne haben sich für breite Kundengruppen etabliert. Kapitalmarktnähe ist kein Spezialthema mehr, sondern Teil des normalen Vermögensaufbaus.
Genau hier setzt die Reform an. Das AV-Depot öffnet die geförderte Altersvorsorge für stärker kapitalmarktorientierte Lösungen. Neben Garantieprodukten werden künftig auch depotbasierte Modelle ohne Beitragsgarantie möglich. Damit rücken Fonds, ETFs und Lifecycle-Konzepte in eine staatlich geförderte Vorsorgelogik hinein.
Aus Produktwettbewerb wird Zugangswettbewerb
Für Anbieter verändert sich damit die Wettbewerbslogik. Es reicht nicht, ein neues Produkt an den Start zu bringen. Entscheidend wird, wer Kundinnen und Kunden erreicht, berät und dauerhaft bindet. Versicherer, Banken, Sparkassen, Asset Manager, Neobroker und sogar der Staat konkurrieren künftig unmittelbarer um dieselben Gelder.
Nach unserer aktuellen Modellrechnung dürfte diese Marktbewegung erheblich werden. Im Basis-Szenario könnten bis Ende 2028 rund 37 Prozent des heutigen Riester-Bestands in die neue Förderwelt wechseln. Gleichzeitig entstehen rund 9 bis 10 Millionen neue geförderte AV-Verträge. Das Prämienvolumen im neuen System könnte auf rund 17 Milliarden Euro pro Jahr steigen, das verwaltete Vermögen auf rund 83 Milliarden Euro.
Wichtig ist: Die Reform ist kein reines Nullsummenspiel. Ein Teil der Bewegung entsteht durch Umschichtung bestehender Riester-Verträge sowie bereits vorhandener Fonds-, ETF- oder fondsgebundener Sparlösungen. Gleichzeitig werden zusätzliche Mittelzuflüsse aktiviert, etwa durch Neukunden, reaktivierte Verträge und eine höhere staatliche Förderung.
Was Lebensversicherer jetzt entscheiden müssen
Für Lebensversicherer ist die Reform Chance und Risiko zugleich. Sie verfügen über große Bestände, Beratungskompetenz und Erfahrung in langfristiger Vorsorge. Gleichzeitig treten Wettbewerber mit niedrigeren Kostenstrukturen, digitalen Zugängen und kapitalmarktnahen Produktmodellen stärker in den Vorsorgemarkt ein.
Drei Entscheidungen werden deshalb zentral:
Erstens: Welche Rolle will der Versicherer in der neuen Förderwelt spielen? Wer kein wettbewerbsfähiges neues AV-Produkt schafft, riskiert Bestandsabflüsse, ohne diese ausreichend durch eigenes Neugeschäft kompensieren zu können.
Zweitens: Wie wird der Kundenzugang gesichert? Beratung, Makler, Banken, Plattformen und digitale Zugänge entscheiden darüber, wohin Wechselgelder und zusätzliches Vorsorgekapital fließen.
Drittens: Wie tragfähig ist die Kosten- und Vergütungslogik? Klassische Abschlussmodelle, hohe Verwaltungskosten und Legacy-IT passen nur begrenzt zu einer depotbasierten, transparenten und kostenbewussten Vorsorgewelt.
Abwarten ist die riskanteste Option
Das AV-Depot wird den Riester-Altbestand nicht über Nacht ersetzen. Viele Kundinnen und Kunden werden zunächst abwarten. Dennoch verändert die Reform die Marktlogik dauerhaft: Geförderte Altersvorsorge wird kapitalmarktnäher, transparenter und stärker vergleichbar.
Für Anbieter bedeutet das: Geschwindigkeit und strategische Klarheit werden zum Wettbewerbsvorteil. Wer Produkt, Vertrieb, Kostenbasis und Partnerschaften frühzeitig ausrichtet, kann von der Reform profitieren. Wer das AV-Depot dagegen nur als zusätzliche Produktvariante behandelt, muss damit rechnen, dass die neue Förderwelt nicht nur Wachstum schafft, sondern Marktanteile neu sortiert.