Zwischen Arztbesuch und Alltag entscheidet sich die Zukunft

Chronische Erkrankungen gehören längst zu den größten Herausforderungen unseres Gesundheitssystems. Rund acht Millionen Menschen in Deutschland leben zum Beispiel mit einer chronisch kranken Niere, häufig ohne es zu wissen. Für die behandelnden Ärztinnen und Ärzte bedeutet das, komplexe Krankheitsbilder in oft sehr begrenzter Zeit zu betreuen. Für Patient:innen heißt es, die Zeit zwischen den Arztterminen mit einer anspruchsvollen Aufgabe zu bewältigen: den Alltag gesundheitsgerecht zu gestalten.

Denn genau hier entscheidet sich, ob eine Therapie langfristig wirklich erfolgreich ist und sich die Gesundheit verbessert: In der Regelmäßigkeit der Medikamenteneinnahme, der Ernährungsumstellung und Bewegung. Veränderungen, die neben Kontinuität für eine erfolgreiche Umsetzung vor allem eins brauchen: Unterstützung. Doch genau daran scheitert es oft – rund 50 % der Patient:innen nehmen ihre Medikamente nicht wie verordnet ein und bis zu 80 % schaffen die notwendigen Verhaltensänderungen nicht.

Hybride Versorgungskonzepte setzen genau an dieser Stelle an. Sie kombinieren digitale Anwendungen – etwa für die Beobachtung von Vitaldaten, Erinnerungen zur Medikamenteneinnahme oder Hilfe, wenn im Alltag Fragen aufkommen – mit kontinuierlicher persönlicher Begleitung durch medizinische Fachkräfte und Ernährungsberater:innen. So wird aus einzelnen Arztbesuchen ein fortlaufender Versorgungsprozess, der die Behandlung in den Alltag der Patient:innen individuell passend integriert.

Adhärenz entscheidet sich im Alltag

Wie groß der Effekt dieser hybriden Begleitung sein kann, zeigt eine aktuelle Studie der Universität Heidelberg, die mehr als 100 Patient:innen mit chronischer Nierenerkrankung über mehrere Monate im Alltag begleitete. Nach nur vier Monaten gaben 92 Prozent der Teilnehmer:innen an, ihre Gesundheit besser zu verstehen. 85 Prozent berichteten, ihr Verhalten verändert zu haben – sei es bei Ernährung, Bewegung oder Medikamenteneinnahme.

96 Prozent hatten ein hohes oder sehr hohes Vertrauen in ihre Berater:innen. Warum das besonders wichtig ist? Dieses Vertrauensverhältnis, das in der Verhaltenswissenschaft „Working Alliance” genannt wird, ist entscheidend dafür, dass Verhaltensänderungen nicht nur angestoßen, sondern auch tatsächlich durchgehalten werden.

Die Untersuchung macht deutlich, dass es möglich ist, Patient:innen aktiv in die eigene Versorgung einzubinden und dass dies positive Auswirkungen auf Gesundheitskompetenz und Adhärenz hat. Damit entsteht ein Mehrwert, der über die Einzelperson hinausgeht: bessere Therapieergebnisse, weniger Folgekosten, Entlastung für die Praxisteams.

Hybride, value-basierte Modelle sind nah am Menschen und nachhaltig für das System.

Niklas BestGründer, Oska Health

Warum wir Vergütung neu denken sollten

Genau hier setzt die nächste Entwicklungsstufe hybrider Versorgung an: value-basierte Vergütungsmodelle. Sie entlohnen nicht mehr nur erbrachte Leistungen, sondern messbare Behandlungserfolge. Für Krankenversicherungen eröffnet das die Möglichkeit, gezielt für positive Ergebnisse zu zahlen, etwa für weniger Krankenhausaufenthalte und stabilere Laborwerte. So entstehen Anreize, die sich am tatsächlichen Nutzen für Patient:innen orientieren.

Der Vorteil: Durch die kontinuierliche Erhebung von Datenpunkten werden Therapieerfolge überhaupt erst transparent und bewertbar – eine Hürde, an der klassische Strukturen oft scheitern. Erste Krankenversicherungen zeigen sich offen für diesen Ansatz und haben bereits begonnen, entsprechende Verträge umzusetzen.

Wenn wir diesen Ansatz ernst nehmen, entsteht ein neues Selbstverständnis: Ärzt:innen bleiben zentrale Therapie-Entscheider:innen und werden zusätzlich dabei unterstützt, dass ihre Therapie auch erfolgreich im Alltag umgesetzt wird. Krankenkassen werden vom Kostenerstatter zum aktiven Partner. Und Patient:innen erhalten nicht nur Rezepte, sondern konkrete Begleitung, die sie nachhaltig im Alltag unterstützt und so zu einer Verbesserung der Lebensqualität beiträgt.

Zwischen Arztbesuch und Alltag entscheidet sich die Zukunft unseres Gesundheitssystems. Reformieren heißt daher im Umkehrschluss auch: Wir müssen Versorgung dorthin bringen, wo Gesundheit tatsächlich entsteht. Hybride, value-basierte Modelle sind dafür eine Möglichkeit – sektorübergreifend, nah am Menschen und nachhaltig für das System.

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