Zwischen Anspruch und Wirklichkeit – wie Industrieunternehmen den Klimakurs finden und halten

Der Industriesektor ist nach der Energieerzeugung der zeitgrößte Verursacher von Treibhausgasemissionen in Deutschland. Die Dekarbonisierung der Industrieprozesse ist somit ein wichtiger Schlüssel zur Erreichung der Klimaschutzziele und zur Sicherung des Fortbestandes der deutschen Industrie in einer klimaneutralen Wirtschaft.

Unsere langjährige und sektorübergreifende Erfahrung in der energieintensiven Industrie zeigt aber bezüglich der Dekarbonisierung ein gemischtes Bild. Dies scheint auch durch die Science Based Targets Initiative (SBTi), eines der weltweit wichtigsten Rahmenwerke für die Dekarbonisierung von Unternehmen, bestätigt zu werden. SBTi hat mehr als 200 Unternehmen von ihrer Liste der Netto-Null-Verpflichtungen für 2024 gestrichen. Zu den Gründen gehörte die technologische Unsicherheit als Hindernis, wobei 53 % der Befragten Bedenken hinsichtlich des Tempos der Fortschritte äußerten, die zur Erreichung ihrer Ziele erforderlich sind. In Europa ist das riskant – denn die politischen Vorgaben auf EU-Ebene sind klar: minus 50 % bis 2030, Netto-Null bis 2050. Wer das verfehlt, läuft Gefahr, regulatorisch ausgebremst und gesellschaftlich geächtet zu werden.

Doch wie finden Unternehmen einen klaren Weg vom Ziel zum Fahrplan – unter dem Gebot die Profitabilität nicht zu gefährden? Und wie halten sie diesen Kurs? Aus unserer Erfahrung mit Industrieunternehmen lassen sich fünf Schritte definieren:

1. Ambitionen klären

Was genau soll dekarbonisiert werden – Strom, Wärme, Prozesse? Welche Zwischenziele gelten bis 2030, welches Endziel bis 2050? Und wie passen die eigenen Ambitionen zu regulatorischen Vorgaben und Rahmenwerken wie SBTi? Klarheit hierüber schafft Orientierung – und verhindert teure Umwege.

2. Technologien realistisch bewerten

Nicht jede erneuerbare Lösung passt zu jedem Produktionsprozess. Entscheidend ist: Welche Technologien sind reif, prozesstauglich und standortgeeignet? Nur wer diese Fragen nüchtern beantwortet, investiert richtig.

3. Wirtschaftlichkeit prüfen

Dekarbonisierung kostet – kann sich aber auszahlen. Investitionskosten, künftige Energiepreise und Speicheroptionen müssen durchgerechnet werden. Flexibilitätsmärkte und Effizienzgewinne können die Bilanz erheblich verbessern. Richtig kalkuliert entsteht aus dem Klimaschutz unter Umständen sogar ein guter Business Case.

4. Einen klaren Pfad definieren

Am Ende braucht es einen konsistenten Fahrplan: Welche Maßnahmen werden wann umgesetzt, was kosten sie, welche Restemissionen bleiben? Nur ein solcher Pfad ist steuerbar – und schafft die Basis, um Abweichungen gezielt zu korrigieren.

5. Den Kurs überwachen

Schließlich braucht es ein geeignetes Steuerungsinstrument. Nicht unbedingt ein neues, hyperkomplexes IT-Werkzeug, aber ein Maßnahmen-, Kosten, Emissions- und Risikotracking, sollte konsequent verfolgt und im Rahmen einer Governance im Gesamtunternehmen verankert sein.

Fazit: Dekarbonisierung ist Chefsache

Eine erfolgreiche Transformation gelingt nur, wenn strategie- und ingenieurseitige Tiefe Hand in Hand gehen. Dekarbonisierung ist keine Aufgabe für die Nachhaltigkeitsabteilung allein – sie ist ein zentrales Thema für das gesamte Unternehmen und muss auf Vorstandsebene verankert sein.

So wird aus einem unübersichtlichen Dschungel ein klarer Weg. Und bis 2050 gilt: Der Weg selbst ist das Ziel – entscheidend ist, ihn jetzt zu gehen und ihn konsequent zu verfolgen.