Zukunftsinvestitionen: Raus aus dem Modernisierungsstau

Artikel aus dem Handelsblatt Journal „Energiewirtschaft“

Marode Brücken und Schienen, ein stockender Netzausbau oder alte Industrieanlagen – in Deutschland stauen sich die Investitionen. Dabei sind mit dem Sondervermögen mehr Mittel denn je vorhanden. Jetzt kommt es darauf an, dass die Bundesregierung Zukunftsinvestitionen anstößt und so den Weg für Wirtschaftswachstum, Resilienz und das Erreichen der Klimaziele ebnet.

11 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung – so hoch ist laut unserer Berechnungen der jährliche Investitionsbedarf, um Deutschland wettbewerbsfähig und klimaneutral aufzustellen. Das ist viel Geld, schafft aber einen bleibenden Wert: Ein Stromnetz, das die wachsende Stromnachfrage von E-Autos, Wärmepumpen & Co decken kann, gut gedämmte Häuser mit moderner Heiztechnik, eine zukunftsfähige Industrieproduktion und CO2-freie Mobilität. Eine Modernisierungsoffensive, die auf die neue Energiewelt ohne fossile Brennstoffe zielt, schafft die Basis für eine resiliente Wirtschaft und zukunftsfähige Geschäftsmodelle. Der Großteil der Investitionen kann bis 2035 bewältigt werden – dann sinkt der Bedarf wieder. Dafür braucht es aber den entsprechenden Rahmen.

Denn rund 80 Prozent der Investitionen tätigen private Akteure, etwa Energieversorger, Wohnungswirtschaft, Verkehrs- und Industrieunternehmen sowie Privathaushalte. 42 Prozent der Investitionen fallen im Verkehrssektor an, und 38 Prozent im Gebäudebereich. Bereiche, die, wie etwa die Bauwirtschaft und Automobilindustrie, gerade mit einer schwächelnden Nachfrage kämpfen. Damit bieten Investitionen eine Chance, die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, mit Klimaneutralität zu verbinden und die Nachfrage im deutschen wie auch im europäischen Binnenmarkt anzukurbeln.

 

11 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung – so hoch ist der jährliche Investitionsbedarf, um Deutschland wettbewerbsfähig und klimaneutral aufzustellen.

Julia BläsiusDirektorin, Agora Energiewende Deutschland

 

Drei Viertel der Investitionen fallen ohnehin an

Drei Viertel der Investitionen fallen sowieso an, das letzte Viertel hilft, die Klimaziele zu erreichen. Hier muss die Bundesregierung also einen Rahmen setzen, damit die Mittel statt in fossile in klimaneutrale Technologien und Infrastrukturen fließen können. Denn auch ohne Klimaschutz muss der Großteil der Kapitalgüter – vom Auto über die Heizung bis zur Industrieanlage – bis 2045 mindestens einmal ausgetauscht werden.

Die Investitionsbedarfe teilen sich folglich in acht Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung für ohnehin anfallende Ausgaben und nur drei Prozent für den zusätzlichen Bedarf auf – für Investitionen in klimaneutrale Technologien mit höheren Anschaffungskosten. Dabei gilt: Trotz höherer Anfangsinvestitionen liegen die Kosten über den gesamten Lebenszyklus hinweg teilweise niedriger als bei fossilen Technologien. So sind die meisten Elektroautos auch bei aktuell höheren Anschaffungskosten aufgrund geringerer Betriebskosten bereits heute über die gesamte Lebenszeit günstiger als Benzin- oder Dieselfahrzeuge. Und perspektivisch sinken die Kaufpreise, etwa von kleinen E-Pkw oder von Wärmepumpen. Durch eine zielgerichtete staatliche Förderung lassen sich die Kosten über den Lebenszyklus zudem zusätzlich und schneller senken.

Damit dies gelingt, muss die Investitionstätigkeit in Deutschland wieder an Fahrt gewinnen: 2025 lag das Investitionsniveau weiterhin unter den Ausgaben von 2019 – vor dem Einbruch infolge der Pandemie- und Krisenjahre. Um Investitionen von privaten Akteuren gezielt anzureizen, sind öffentliche Ausgaben in drei Bereichen notwendig: Erstens für öffentliche Infrastrukturen im Besitz von Bund, Ländern, Kommunen und öffentlichen Unternehmen. Zweitens, um im Übergang zur Klimaneutralität Wirtschaftlichkeitslücken privater Investitionen zu schließen. Und drittens, um übermäßige Kostenbelastungen bei Bürgerinnen und Bürgern sowie Unternehmen zu vermeiden.

 

Die Investitionstätigkeit muss in Deutschland wieder an Fahrt gewinnen.

Julia BläsiusDirektorin, Agora Energiewende Deutschland

 

Ein vorübergehender Kraftakt, der sich auszahlt

Leistungsstarke Stromverteilnetze sowie Wärmenetze bilden das Rückgrat der Investitionen in den klimaneutralen Kapitalstock von Haushalten und Unternehmen. Denn investiert wird, wo Netzanschlüsse und -Kapazitäten vorhanden sind. Auf lokaler Ebene tragen knapp 900 Energieversorger den Ausbau der Infrastruktur. Ins gesamt benötigen diese Unternehmen bis zu 68 Milliarden Euro zusätzliches Eigenkapital bis 2035, um hinreichend Fremdkapital mobilisieren und so die Investitionen in ihre Netze stemmen zu können. Ein vorübergehender Kraftakt, denn nach zehn Jahren ist der Löwenanteil geschafft; dann können die Unternehmen sogar Eigenkapital zurückführen.

Die Investitionen in klimaneutrale Infrastruktur und Technologien fördern außerdem Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit. Schon heute sind grüne Technologien Wachstumsmärkte, die nicht nur weltweit, sondern auch hierzulande einen immer wichtigeren Beitrag zur Wertschöpfung leisten. Bereits acht Prozent der deutschen Exporte entfallen auf Clean-Tech-Produkte, wie E-Fahrzeuge oder Gebäudetechnik zur Effizienzsteigerung. Hier kann und sollte die deutsche Industrie ihre Technologiekompetenz ausspielen – um sich auf globalen Wachstumsmärkten stärker zu positionieren. Selbst in traditionell fossil geprägten Sektoren, wie der Chemie- oder der Stahlbranche, zeigen erste Investitionsentscheidungen und Pilotprojekte, dass die Umstellung auf strombasierte Technologien tragfähig ist.

Nicht zuletzt machen solche Investitionen das Land resilienter: Durch den Umstieg auf erneuerbaren Strom wird die deutsche Volkswirtschaft unabhängiger von Energieimporten. Derzeit importiert Deutschland noch über 50 Prozent des Primärenergiebedarfs in Form fossiler Energieträger und ist damit besonders anfällig für Spannungen auf den Weltmärkten. Je mehr heimische Wind- und Solarenergie vorhanden ist und je mehr Wärmepumpen und E-Autos davon nutzen können, desto krisenfester ist auch die Volkswirtschaft.

Die Bundesregierung sollte den Strukturwandel wachstumsfördernd begleiten, statt ausbremsen

Eine konsequente Investitionsagenda für die klimaneutrale Modernisierung der Wirtschaft sichert den Anschluss an die Weltmärkte und das Einhalten der Klimaziele. Das Sondervermögen für Infrastruktur und Klima bietet dafür eine Chance. Ein klarer Regierungskurs setzt den Rahmen für Investitionen in den Strukturwandel und fördert Wachstum. Unternehmen, die ihre Prozesse und Geschäftsmodelle dekarbonisieren wollen, müssen sich auf stabile Rahmenbedingungen verlassen können. Dazu gehören ein verlässlicher CO2-Pfad, ein konsistenter Regulierungsrahmen und die nötige Infrastruktur. Attraktive Strompreise und die Perspektive auf ein hinreichendes Stromangebot durch den Ausbau Erneuerbarer Energien machen klimaneutrale Alternativen für Haushalte und industrielle Anwendungen attraktiv und leisten zugleich einen Beitrag zur preislichen Wettbewerbsfähigkeit, insbesondere in der energieintensiven Industrie. Gezielte Förderprogramme stellen außerdem sicher, dass alle Einkommensgruppen auf klimaneutrale Technologien umsteigen können. Der Gewinn ist eine moderne, resiliente und klimaneutrale Volkswirtschaft.

Foto: © Agora Energiewende

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