Die Technik für KI-Agenten ist verfügbar. Was den ersten Agenten im Unternehmen aufhält, sind meist ungeklärte Führungsfragen. Fünf Entscheidungen, die vor dem Start fallen sollten.
„Agents & Agency“ lautet das Motto des diesjährigen Handelsblatt KI-Summits. „Agency“ beschreibt die eigentliche Managementaufgabe: Wer entscheidet, was ein Agent darf, und wer trägt die Verantwortung, wenn er arbeitet? Unsere Erfahrung aus vergangenen Projekten: Das Modell ist selten der Engpass. Der Agent bleibt an der Freigabe hängen, weil niemand sagen kann, welche Daten er sehen darf und wer ihn im Alltag betreibt.

Fünf Entscheidungen, bevor ein KI-Agent in den Betrieb geht. Grafik: Rinascai
1. Daten: Was darf der Agent sehen?
Eine Datenampel auf einer Seite schafft Klarheit. Grün darf in jedes freigegebene Werkzeug, etwa Produkttexte und öffentlich zugängliche Preise. Gelb nur mit Vertrag und Freigabe, etwa Kalkulationen. Rot nur pseudonymisiert oder in abgesicherten Umgebungen. Bei einem Automobilzulieferer, dessen Rechnungsagent seit Mai läuft, war genau das die Bedingung für die Freigabe: Personenbezogene Daten werden vor jedem Modellaufruf ersetzt, die Zuordnung bleibt im Unternehmen.
2. Rechte: Was darf er auslösen?
Ein Agent, der liest, prüft und vorbereitet, lässt sich schneller freigeben als einer, der eigenständig zahlt oder bucht. Der Rechnungsagent des Zulieferers holt jeden Morgen die Rechnungen aus dem Postfach, erkennt den Lieferanten, liest Rechnungsnummer und Rechnungsdatum aus dem PDF und leitet alles an die Zuständigen weiter. Gebucht wird weiterhin in der Buchhaltung. Abweichungen gehören werden hier noch von einem Menschen untersucht, nicht von einem zweiten Agenten.
3. Betrieb: Wer ist zuständig, wenn er läuft?
Ein Agent braucht einen Verantwortlichen in der operativen Linie. Beim Zulieferer ist das der IT-Leiter. Sein Team überwacht die morgendlichen Routinen und nimmt neue Lieferanten selbst auf. Der Agent läuft auf der Automatisierungsplattform, die die IT ohnehin betreibt. So wird er Teil des Betriebs und verwaist nicht nach dem Go-live in einem Projekt.
4. Freigabe: Wer entscheidet über den nächsten Agenten?
Nach dem ersten Agenten kommen schnell die nächsten Ideen. Ohne festen Entscheidungsweg entscheidet niemand, oder jeder für sich selbst. Daher baut man diesen Weg parallel zum Aufbau der KI-Plattform auf, und zwar auf drei Ebenen: Ein Gremium der Geschäftsführung legt Prioritäten und Mittel fest, ein Lenkungskreis unter einem benannten KI-Verantwortlichen gibt Anwendungsfälle frei oder stellt sie zurück, und KI-Verantwortliche in den einzelnen Fachbereichen tragen die Fälle in ihre Teams.
5. Wirkung: Woran messen wir dem KI-Agenten?
Jeder Agent bekommt vor dem Start zwei Zahlen: was er im Monat kosten darf und was er bringen soll, etwa eingesparte Stunden oder kürzere Durchlaufzeiten. Dazu kommt ein Ausstiegskriterium. Wird das Ziel nach drei Monaten nicht erreicht, wird der Agent umgebaut oder abgeschaltet. Das verhindert Pilotfriedhöfe und schafft Vertrauen für den nächsten Agenten.
Praxisbeispiel FRITZ!
Der Berliner Hersteller von Netzwerktechnik (u.a. FRITZ!Box) betreibt ein eigenes KI-Portal mit mehreren Sprachmodellen. Ein Gateway entscheidet nach Datenklasse, welche Anfrage in welches Modell darf. Den Rahmen dafür hat FRITZ! in zehn Wochen parallel zur Plattform aufgebaut: Bestandsaufnahme nach 14 Kernanforderungen, Datenschutz-Folgenabschätzung, und Betriebsmodell. Insgesamt wurden 144 Use Cases für den Einsatz von KI identifiziert und anschließend priorisiert. Wir haben das Unternehmen beim Aufbau begleitet. „Eine Plattform zu implementieren ist einfach. Wichtig ist die Frage, wer über einen neuen Anwendungsfall entscheidet und wie mit vertraulichen Daten umgegangen wird“, sagt CFO Jan-Christian Werner.
Am 17. November um 09:50 Uhr spricht FRITZ!-CEO Jan Oetjen auf dem Handelsblatt KI Summit 2026 auf der TODAY-Stage über KI-Implementierung in Europa und berichtet aus der Praxis davon, wie Frontier KI-Modelle bei FRITZ! bereits in diversen Use Cases eingesetzt werden.
Praxistipp und Fazit: Klein anfangen
Ein neues Betriebsmodell entsteht nicht erst mit dem x-ten Agenten, sondern mit dem allerersten: ein Prozess, ein Owner, Daten aus dem grünen Bereich. Wer die fünf Entscheidungen dort sauber trifft, muss sie beim zweiten Agenten nicht neu diskutieren und schafft eine skalierungsfähige Basis.