Veränderungsbereitschaft & Innovationskraft stärken
Gekommen, um zu bleiben
Vor 2 Jahren habe ich in einem Interview zum Thema „Killt die KI den Hausverstand“ gesagt: „Ich fürchte mich vor der KI, wenn sie meinen Wortwitz versteht.“ Kürzlich habe ich zur Vorbereitung eines Vortrags „Wer fürchtet sich vor der KI? Mehr digital ermöglicht mehr menschlich.“ ChatGPT4.o einem Humortest unterzogen. Mein Prompt: „Was sagt du zu dem Satz: ‚Ich habe mich gewogen. Mit der Wasserwaage. Ich bin wirklich schräg.‘“ Die prompte Antwort: „Das klingt nach einem humorvollen und kreativen Spruch! Es spielt mit der Doppeldeutigkeit des Wortes „schräg“, das sowohl „schief“ als auch „ungewöhnlich“ bedeuten kann. Es ist eine witzige Art zu sagen, dass man anders oder einzigartig ist.“ Eine mich verblüffende Antwort.
Fürchte ich mich jetzt vor der KI? Nein, definitiv nicht. Aber ich habe zur Kenntnis genommen, dass KI nicht mehr Zukunft ist, sondern längst in der Gegenwart angekommen ist. Ich habe die Ausbildung zur KI-Managerin absolviert, um mir einen Überblick über die Möglichkeiten und Risiken von KI zu verschaffen. Dabei habe ich festgestellt, dass ChatGPT & Co nur die Spitze des Eisbergs sind, wo überall KI schon integriert ist und was sie alles bereits vermag.
Synthetische Wirklichkeit
Übrigens: Ich habe weiter gepromptet: „Lachst du darüber?“ Die Antwort: „Ja, ich schmunzle definitiv darüber!“ Sinngemäß gleiches Ergebnis bei Copilot und Perplexity. Als ich bei ChatGPT daraufhin gepromptet habe: „Du lügst, du bist ein technisches System und verfügst über keine Emotionen.“ ist er abgestürzt. Nur Claude 3.5 Sonnet antwortet korrekt: „Ich bin ein technisches System. Ich kann Emotionen beschreiben, aber nicht empfinden.“
Genau darin sehe ich ein großes gesellschaftliches Risiko: Die synthetische Wirklichkeit ist der wirklichen Wirklichkeit zum Verwechseln ähnlich. Das belegt auch eine große Studie an der University of California, San Diego, die im JAMA Internal Medicine veröffentlicht wurde: Verglichen wurde die Reaktionen auf Erstdiagnosen in Chats zwischen Menschen und künstlicher Intelligenz (KI). Drei Gruppen wurden untersucht: In der ersten Gruppe antworteten Menschen, in der zweiten Gruppe antwortete eine KI, ohne dass die Patienten dies wussten, und in der dritten Gruppe wussten die Patienten, dass eine KI antwortete.
Die Studie zeigte, dass die KI teilweise sogar präzisere und scheinbar einfühlsamere Antworten gab als menschliche Ärzte, insbesondere bei schriftlichen Patientenanfragen. Dies deutet darauf hin, dass KI-Systeme wie ChatGPT nicht nur in der Lage sind, qualitativ hochwertige medizinische Informationen zu liefern, sondern auch emotional unterstützend wirken können. Interessanterweise hielten Patient:innen die KI für einfühlsamer als menschliche Ärzt:innen, wenn sie nicht wussten, dass eine KI antwortete. Darum ist die Kennzeichenpflicht im EU-AI-Act so wichtig: Damit Menschen nicht synthetische Emotionen mit echten Emotionen verwechseln, was zu einer Degeneration der menschlichen Empathiefähigkeit führen würden. Mich erinnert das nämlich an die Begebenheit, dass ein deutschlandstämmiger Bäcker in Kanada wunderbar Köstliches gebacken hat. Nur die Erdbeermarmelade hat grauenhaft synthetisch geschmeckt. Auf die Frage, warum er nicht gute Erdbeermarmelade aus Deutschland importiere, hat er geantwortet: „Das habe ich probiert. Aber die Menschen hier kennen nur die synthetische Marmelade. Sie haben protestiert, dass die echte Marmelade nicht nach Erdbeeren schmeckt.“ Es würde den humanistischen Grundprinzipien widersprechen, wenn synthetische Emotionen dazu führen, dass wir menschliche Emotionen nicht mehr erkennen und schätzen.
Digitaler Humanismus
Langfristig sollen solche KI-Systeme jedoch nicht die Ärzte ersetzen, sondern sie unterstützen, insbesondere in Bereichen wie Triage oder der Diagnose von Routinefällen. Dies könnte das Gesundheitssystem entlasten und eine schnellere sowie zugänglichere Versorgung ermöglichen, insbesondere in unterversorgten Gebieten. Trotzdem bleibt es wichtig, die Integration solcher Systeme sorgfältig zu steuern, um sicherzustellen, dass menschliche Ärzte weiterhin eine zentrale Rolle im Gesundheitswesen spielen. Auch das steht im EU-AI-Act: Bei wesentlichen Entscheidungen, immer „Human in the Loop“ gewahrt sein muss, das heißt Menschen die Letztentscheidung treffen.
Als 20-jährige habe ich im Rahmen meines Physik-Studiums an den Verbindungsstellen zu Philosophie und Psychologie an einem Kongress zur Ethik der Physik im Deutschen Museum in München teilgenommen. Jetzt engagiere ich mich für die Ethik der KI und Digitalen Humanismus.
Im April 2019 wurde das Wiener Manifest des Digitalen Humanismus veröffentlicht. Es entstand im Rahmen einer Konferenz an der Technischen Universität Wien, bei der führende Wissenschaftler:innen, Expert:innen aus der Praxis sowie politische Entscheidungsträger zusammenkamen, um die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Gesellschaft zu diskutieren. Das Manifest setzt sich für eine digitale Transformation ein, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt und die Grundwerte der Gesellschaft schützt.
Die Technische Universität Wien hat im Mai 2023 den UNESCO-Lehrstuhl für Digitalen Humanismus an ihrer Fakultät für Informatik eingerichtet. Dieser Lehrstuhl widmet sich den ethischen, sozialen und politischen Implikationen digitaler Technologien. Durch interdisziplinäre Forschung und internationale Kooperationen, insbesondere mit Partneruniversitäten im globalen Süden, soll der Lehrstuhl dazu beitragen, dass technologische Entwicklungen im Sinne der Menschenwürde und Freiheit erfolgen. Wien nimmt damit weltweit eine Vorreiterrolle ein.
Risikobewusst statt angstgetrieben
Im Fürchten sind wir tierisch gut. „Better safe than sorry“ ist tief in unseren archaischen Gehirnstrukturen verankert. Lieber einmal zu viel gefürchtet als tot. Dabei löst Ungewissheit in unserem Gehirn mehr Stress aus als bekannte große Gefahren. Kein Wunder, dass so viel Ängste in unserer Gesellschaft und in unseren Unternehmen im Umlauf sind. Doch Angst ist ein schlechter Ratgeber. Es aktiviert nämlich die Überlebensprogramme unserer Vorfahren in der Steppe. Ein russisches Sprichwort besagt: „Schau der Angst in die Augen und sie wird zwinkern.“ „Face your Fears“ ist ein zielführender Appell. Statt sich von kontraproduktiven Ängsten leiten zu lassen, brauchen wir dringend Risikobewusstsein. Zielführend sind Leitfragen: „Worin besteht die Gefahr?“ „Woran können wir erkennen, dass Risiken eintreten?“ „Wie können wir Risiken reduzieren und Gefahren eindämmen?“
„Angst vor …“ in „Freude auf“ umpolen
Evolutionspsychologen gehen davon aus, dass sich die Fähigkeit, Freude zu empfinden, als Erfolgsmodell durchgesetzt hat, weil wir so Ängste überwinden können. Wenn sich unsere Vorfahren zu viel gefürchtet hätten, wären sie verdurstet, weil sie sich nicht aus der Deckung zum Wasserloch getraut hätten. Sie hätten sich wegen der Verletzungsgefahr nicht zu jagen getraut. Schon gar nicht wäre es zur Paarung gekommen, in der wir unaufmerksam gegenüber äußeren Gefahren sind, weil wir bei der Sache sind. Doch weil es Freudvolles gibt, das größer ist als die Angst, gehen wir auch Wagnisse ein. Wenn Sehnsucht auf Angst trifft, wird Mut geboren. So habe ich z.B. meine Schlangenphobie überwunden, weil ich in wunderschönen tropischen Riffen tauchen wollte, in denen es auch Meerescobras gibt. Das heißt, wenn man Ängste vor der KI überwinden möchte, gilt es die vielen Vorteile und Chancen, welche KI den einzelnen Menschen bietet, in den Fokus zu rücken. Z.B. die Abnahme von mühsamen Routinetätigkeiten oder die zusätzlichen kreativen Gestaltungsmöglichkeiten. Gefragt ist eine gesunde Balance zw. Vor(aus)sicht und Zuversicht.
Gelingen von Veränderungen
Die beiden Organisationswissenschaftler Richard Beckhard und David Harris haben die Formel für das Gelingen von Veränderungen herauskristallisiert:
L * V * KS > BV bzw. D * V * F > R im Original
Menschen verändern sich, wenn sie einen Leidensdruck L (Dissatisfaction D) verspüren oder noch besser eine Handlungsnotwendigkeit sehen. Im englischsprachigen Raum wird auch von der Motivation „Killing the Dragon“ gesprochen: Weil der gefährliche Drache bedroht, verlassen Menschen ihre Komfortzone, gehen sie auch Wagnisse ein und nehmen Unbequemes in Kauf. Im Zusammenhang mit der KI wird häufig mit dem Fachkräftemangel argumentiert.
Wenn man allerdings nur den Leidensdruck immer weiter erhöht, stärkt man die menschliche Stärke des Verdrängens und die Hoffnungssucht: Wird schon nicht so schlimm werden.
Um ins Handeln zu kommen, braucht es auch eine Vision V, eine Vorstellung vom Erfolg. Hier wird auch von „Winning the Princess“ gesprochen: Weil die Prinzessin so attraktiv ist, strengt man sich an und nimmt auch Risiken in Kauf. Das Spannende an der Formel ist, dass die Faktoren multipliziert und nicht addiert werden. Das heißt, wenn V = 0 ist, ist auch das Produkt 0. Mit den Worten von Viktor Frankl: Viele Menschen leiden lieber unter den bekannten Qualen, als dass sie das Wagnis des Neuen eingehen.
Übrigens kommen Babys schon mit der Tendenz „Winning the Princess“ oder „Killing the Dragon“ auf die Welt. Die einen sind draufgängerischer und erkundungsfreudiger. Die anderen sind eher vorsichtig und entspannt. Sie sind genetisch, epigenetisch und durch die Erfahrungen während der Schwangerschaft mit einer neurobiologischen Grundeinstellung geprägt, die sich aber Zeit Lebens in die eine oder andere Richtung verändert. Und das kann man auch bewusst steuern und trainieren.
Ein makaberer, aber treffender Witz besagt: „Der Pessimist sieht das Dunkel im Tunnel. Der Optimist das Licht am Ende des Tunnels. Der Realist erkennt, es ist der entgegenfahrende Zug. Der Lokführer sieht 3 Idioten am Gleis.“ Der Weg von der Erkenntnis zur Umsetzung ist entscheidend.
Das bringt der dritte Faktor ins Spiel: KS steht für konkrete Schritte bzw. F für First Steps. Und auch hier gilt wieder, wenn dieser Faktor 0 ist, dann ist auch das Produkt 0. Neurobiologisch sagt man, dieser 1. Schritt innerhalb von 72 Stunden passieren sollte, denn sonst wird es schon mühsam, sich wieder aufzuraffen bzw. gerät es leicht in Vergessenheit. Dieser erste Schritt sollte elegant und einfach sein. Mit den Worten des Physikers und Begründers der Feldenkrais-Methode Moshé Feldenkrais: Nur das, was man leicht und gerne tut, wird einem zur Gewohnheit werden und jederzeit zur Verfügung stehen.“ Physikalisch gilt auch, dass die Haftreibung, die man überwinden muss, um in Bewegung zu kommen, wesentlich größer als Gleit- und Rollreibung sind, die für die Aufrechterhaltung der Geschwindigkeit und für die Beschleunigung relevant sind.
Innovation beginnt mit Irritation
Irritationen werden oft als störend empfunden, sind jedoch die Initialzündungen für Innovationen. Das gilt für wissenschaftlichen Fortschritt ebenso wie für persönliche und unternehmerische Entwicklung. Was uns aus der Komfortzone liebevoll verstörend wachrüttelt, weitet den Denkrahmen und das Handlungsrepertoire. Sie fördern agiles Denken und erweitern die Nutzungsmöglichkeiten moderner Technologien.
Humor spielt eine entscheidende Rolle bei Veränderungen und der Förderung von Kreativität und Innovationskraft. Er schafft eine entspannte Atmosphäre, die es ermöglicht, angespannte Situationen zu entschärfen. Stress verunmöglicht neurobiologisch Kreativität. Wenn unsere Vorfahren vom Säbelzahntiger davongelaufen sind, war es sinnvoll, dass sie einen Tunnelblick bekommen haben und sich nicht von der Vielfalt des Umfelds haben ablenken lassen. Lachen hat sich als wirkungsvollstes Stressventil schon bei den Menschenaffen bewährt.
Durch Humor werden neue Perspektiven eröffnet und unkonventionelle Lösungsansätze gefördert, was die kreative Entfaltung jedes Einzelnen unterstützt. Zudem stärkt gemeinsames Lachen den Teamgeist und die Zusammenarbeit, was wiederum die Innovationsfähigkeit eines Teams erhöht. Humor hilft dabei, Herausforderungen mit Leichtigkeit zu begegnen und den Mut zu finden, neue Wege zu gehen. Es fördert auch die Nachhaltigkeit von Veränderungen, weil Merkwürdiges einprägsam ist. Wir sollten daher Humor viel ernster nehmen und klug blödeln. Dann sprudeln die Ideen.
Meine Geschichten wie z.B. der Humortest der KI habe ich schon vielfach erfolgreich eingesetzt, um Menschen, die die aktuellen Entwicklungen verdrängen – im Sinne von „Mich betrifft das nicht.“ – einerseits neugierig zu machen und andererseits erkennen zu lassen, dass es ein Fehler wäre, die Wirkmacht der KI, die sich rasant weiterentwickelt zu unterschätzen.
Mehr digital ermöglicht mehr menschlich
Meine Vision für meine zukünftigen betagten Tage: Ich hätte gerne, dass mich menschliche Hände berühren und mir menschliche Augen ins Gesicht schauen. Mein Gewicht darf gerne ein Roboter in Form eines Exoskeletts tragen. Ein Exoskelett ist ein Roboter „zum Anziehen“. Mit künstlicher Intelligenz unterstützt er genau jene Muskeln, die zum Heben von Lasten benötigt werden. So gelingt es, Schweres mühelos zu heben.
Ich wünsche mir Exoskelette im direkten Sinne: Roboter sollen es Menschen einfacher machen, Menschen gut betreuen zu können. Und auch im übertragenen Sinne: Künstliche Intelligenz soll Menschen vieles abnehmen und erleichtern, damit Menschen dann mehr Zeit dafür haben, was wir Menschen besonders gut können: Als Mensch für Menschen da sein.
Als Gründungsvorständin vom Club Max Reinhardt Seminar, dem Förderverein für die Schauspiel- und Regiestudierenden an der Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien, habe ich die die Abschlussarbeit des Regiestudiums, die sogenannte Diplominszenierung, von Bianca Thomas mit großem Interesse gesehen: „K.I. und Abel“. Die junge Regisseurin, die zuvor Psychologie studiert hat, hat das Stück selbst geschrieben, indem sie ChatGPT3 gepromptet hat. Den Titel ihres Theaterstücks hat sie in Anspielung auf Kain und Abel gewählt. Wer setzt sich durch? Behalten wir die Oberhand über die KI oder werden wir von der KI verknechtet? Mit ihrem Ensemble verhandelt sie die Ambivalenz des technologischen Fortschritts. Sie legt den Fokus auf die Rolle von K.I. in unserer Gesellschaft und die Verantwortlichkeit derjenigen, die sie programmieren. Wie geht K.I. mit der Tatsache um, dass sie korrumpierbar ist und abhängig von eingeschriebenen Meinungen? Welche Einflüsse lässt sie zu und welche Position nimmt sie gegenüber komplexen Themen wie Sex, Intimität, Krieg und zwischenmenschlichen Beziehungen ein?
Die Inszenierung, die auch im Thalia-Theater Hamburg gezeigt wurde und zum Wuzhen Theatre Festival in China eingeladen ist, hat ein offenes Ende. Denn es liegt an uns, wie wir als Gesellschaft mit Künstlicher Intelligenz umgehen. Ich bin davon überzeugt, dass es viel menschliche Intelligenz braucht, um das MITEINANDER von Künstlicher Intelligenz mit menschlichen Qualitäten zu gestalten. Damit mehr digital mehr menschlich ermöglicht.
Im Rahmen der Service Desk & Service Management World 2024 gestaltet Monika Herbstrith-Lappe am 3.12.2024 das After-Lunch-Special „Wer fürchtet sich vor der KI? Veränderungsbereitschaft & Innovationskraft stärken“ sowie am 4.12. den Round Table „Digital werden UND menschlich bleiben“ sowie die Abschluss-Keynote „Stay foolish – Humor als Innovationsbooster“