Wer die Spielregeln kennt: Potenziale und Absicherung im Sozialpartnermodell nutzen

In der Deutschen betrieblichen Altersversorgung dominierte lange das Prinzip Sicherheit vor Rendite. Das Ergebnis sind Portfolien voller Staatsanleihen, Wertsicherungskonzepte mit kurzem Horizont und Startrenten, die weit hinter dem zurückbleiben, was am Kapitalmarkt über Jahrzehnte möglich wäre. Gerade hier zeigt das Sozialpartnermodell (SPM), dass mehr drin ist als oft angenommen: nicht nur wegen des Wegfalls klassischer Garantien, sondern vor allem durch den gezielten Einsatz unterschiedlicher Assetklassen und eine breitere kollektive Absicherung. Mit dem BRSG II, das im Januar 2026 in Kraft getreten ist, hat der Gesetzgeber das Verbreitungspotenzial des Modells noch einmal gestärkt. Die Frage ist deshalb nicht mehr, ob das SPM kommt, sondern wie konsequent sein Potenzial mit Blick auf die Kapitalanlage und Risikopufferung genutzt wird.

Mehr Spielraum als gedacht: Warum das SPM den Anlagekorridor erweitert

Das Sozialpartnermodell ist der erste echte Defined Contribution (DC)-Ansatz im deutschen Betriebsrentenrecht: Der Arbeitgeber schuldet den Beitrag, nicht die Leistung. Damit entfallen zentrale Garantie- und Haftungsmechanismen, also etwa die subsidiäre Haftung nach § 1 BetrAVG, Pensionsrückstellungen nach HGB, Defined-Benefit-Obligations nach IFRS/IAS 19 und PSV-Beiträge. Was Unternehmen seit Jahrzehnten als „echtes DC“ eingefordert haben, wird mit dem SPM erstmals real – wenn auch nur im tarifvertraglichen Rahmen.

Entscheidend ist aber nicht nur der Wegfall der Garantie. Das SPM verlängert auch den wirtschaftlichen Anlagehorizont, weil die Kapitalanlage nicht am Rentenbeginn abrupt in eine reine Sicherungslogik kippen muss. Wenn in Anspar- und Rentenphase im Grundsatz dieselbe Kapitalanlagelogik gelten kann, erweitert sich der Zeitraum, in dem Kapitalmarktchancen genutzt werden, erheblich. Das Kapitalmarktrisiko verschwindet dabei nicht, sondern wird gleichmäßig verteilt. Aber auch weg vom Arbeitgeber, hin zum Kollektiv der Versicherten. Daher ist besondere Sorgfalt bei der Kapitalanlage und den eingesetzten Schutzmechanismen geboten.

Die Rolle der Assetklassen: Diversifikation statt Garantielogik

Gerade hier entfalten unterschiedliche Assetklassen ihren Mehrwert. Ein breit diversifiziertes liquides Portfolio aus Aktien und Anleihen kann langfristig höhere Renditeerwartungen tragen als klassische garantienahe Lösungen. Ein mögliches renditeorientiertes, jedoch simples Portfolio läge beispielsweise bei rund 60 Prozent Aktien – aufgeteilt auf entwickelte Märkte, Small Caps und Schwellenländer – sowie 40 Prozent diversifizierten Anleihen aus Euro-Staatsanleihen, Unternehmensanleihen, Schwellenländeranleihen und Hochzinsanleihen. Daraus ergäbe sich (aktuell) eine erwartete Nettorendite von etwa 5,0 Prozent pro Jahr. Zum Vergleich: Klassische Pensionskassen lagen zuletzt eher bei rund 3 bis 4 Prozent, weil hier die strikte Regulatorik ihren Anlagespielraum seit Jahren stark begrenzt und renditeorientierte Allokationen entsprechend erschwert.

Bei ausreichendem institutionellem Volumen kommen zusätzliche Bausteine wie Private Equity, Private Debt oder Infrastruktur hinzu. Ein Aufbau von bis zu 30 Prozent Private Markets könnte die erwartete Nettorendite im oben genannten Beispiel auf rund 5,8 Prozent pro Jahr erhöhen und die Portfoliovolatilität zugleich um 20 Prozent senken. Der Grund liegt in der niedrigen Korrelation illiquider Anlagen zu liquiden Märkten. Genau darin zeigt sich die Stärke kollektiver Kapitalanlage: Sie erschließt Illiquiditätsprämien, Diversifikation und institutionellen Managerzugang, die individuelle Sparpläne in der Regel nicht erreichen.

 

 

Für die Versicherten zählt am Ende das Ergebnis. Modellrechnungen illustrieren den Hebel: Ein 25-jähriger Mitarbeiter, der 40 Jahre lang in ein SPM einzahlt, käme im Median auf eine Startrente, die mehr als viermal so hoch läge wie bei einer klassischen stark garantiegeprägten Versorgungslösung mit einer Gesamtverzinsung von 0%. Selbst gegenüber einem Tarif, der regelmäßig eine Gesamtverzinsung von 3 Prozent generiert, läge die Startrente noch bei mehr als dem 2,5-Fachen. In besonders günstigen Kapitalmarktszenarien könnte der Faktor sogar fast 4 erreichen.

Breitere Absicherung: Investiert bleiben und Risiken kollektiv tragen

Breitere Absicherung im SPM bedeutet keine klassische Garantie, sondern kollektive Risikotragung. Ein wesentlicher Vorteil des Modells liegt darin, dass Vermögen auch in der Rentenphase grundsätzlich am Kapitalmarkt investiert bleiben kann. Während klassische Versicherungslösungen zum Rentenbeginn häufig stark auf die Reduzierung von Risiken abzielen und damit genau den aufgebauten Renditevorsprung abschneiden, kann das SPM investiert bleiben. Das Modell entspart nicht einfach, es verrentet: Das kollektive Rentenvermögen bleibt am Kapitalmarkt und erhält damit Spielraum für reale Rentensteigerungen auch nach Rentenbeginn.

Modellrechnungen auf Basis historischer Renditezeitreihen legen nahe, dass dieser Ansatz auch in extremen Marktphasen tragfähig sein kann. Ein simulierter Rentnerbestand, der im Sommer 2007 unmittelbar vor der Finanzkrise startete, hätte auch in einer der schwersten Finanzkrisen der vergangenen Jahrzehnte zu keinem Zeitpunkt eine Rentenkürzung von mehr als 5 Prozent verzeichnet. Dies ist ausdrücklich nicht als maximaler Rückgang des zugrunde liegenden SPM-Portfolios zu verstehen, das bei gegebener Portfolioallokation zwischenzeitlich auch stärker hätte nachgeben können. Bereits vier Jahre später lag die Rente wieder über dem Startniveau, nach 18 Jahren insgesamt 84 Prozent darüber.

In keiner der großen Krisen der vergangenen zwei Jahrzehnte – Finanzkrise 2008, Covid-Pandemie 2020, Inflationsschock 2022 oder Zollschock 2025 – war die langfristige Rentenentwicklung in den historischen Simulationen negativ. Das ist kein Versprechen, sondern ein Backtesting-Ergebnis auf Basis historischer Renditezeitreihen.

Ermöglicht wird das durch kollektive Mechanismen wie den Renten- und Sicherungsbeitragspuffer. Er soll Rendite nicht deckeln, sondern Schwankungen abfedern und damit eine renditeorientierte Strategie überhaupt erst tragfähig machen. Die hier dargestellten Modellrechnungen wurden dabei mit einem Sicherungsbeitragspuffer von 5 Prozent durchgeführt. Gerade in Krisen zeigt sich seine Funktion: Ohne Puffer wären in diesem Beispiel kumulierte Rentenkürzungen von bis zu 24 Prozent entstanden; mit einem Sicherungsbeitragspuffer von 5 Prozent lägen die Kürzungen bei maximal 9 Prozent.

Lieber eine Rente von 200 Euro, die sinken und steigen kann, als eine Rente von 100 Euro, die stabil bleibt.

Die breitere Absicherung des SPM liegt damit nicht in der Rückkehr zur Garantie, sondern in der Verbindung aus langfristiger Kapitalanlage, Diversifikation über mehrere Assetklassen und kollektiver Stabilisierung.