Transformation in Richtung Zukunft?

Wenn ein Unternehmen heute eine Bestellung von 12,5 Tonnen Faxrollen in Auftrag geben würde, um für die Zukunft gewappnet zu sein, dann ginge das höchstens als Satire durch. Wenn die „neue Technik“ obendrein als „internet-ready“ bezeichnet würde, wäre das ein garantierter Lacher. Und die Begründung, es werde auf diese Weise Kommunikationssicherheit geschaffen und in Wachstum investiert, wären weitere Schenkelklopfer. Doch die Bundesregierung meint es leider ernst: Im Zuge ihres „Wachstumspakets“ ist vorgesehen, 12,5 GW neue Gaskraftwerke auszubauen. Die seien „Wasserstoffready“ und sollen „Energiesicherheit“ schaffen. Es wäre lustig, wenn es nicht so bitter wäre. Denn das alles ist das Gegenteil von „zukunftsfähig“ und „wachstumsorientiert“. Auch der hastige und völlig überdimensionierte Ausbau der LNG-Terminals ist ebenso unsinnig wie die CO2-Speicherung mittels CCS in der Nordsee. Beides wäre höchstens als eine Art Notnagel für Krisensituationen und unvermeidbare Emissionsrestmengen sinnvoll. Aber die aktuell massiven Investitionen in fossile Infrastruktur sind nichts als eine überteuerte Verlängerung der Energiepolitik des letzten Jahrhunderts.

Das fossile Energiesystem ist definitiv ein Auslaufmodell
Dass die damit verbundenen Konzerne alles tun, um ihr Geschäftsmodell noch möglichst lange aufrecht zu erhalten, ist betriebswirtschaftlich nachvollziehbar. Doch die Marktentwicklung ist eine andere: Wind und Sonne sind bereits deutlich billiger als Kohle und Öl. Auch unsere Regierung dürfte also wissen, dass eine Vollversorgung aus erneuerbaren Energien deutlich preiswerter ist als ein konventionelles Energiesystem. Wenn wir außerdem die immensen Folgekosten der fossilen Wirtschaft vermeiden wollen, dann mag eine entschlossen vollzogene Energiewende zwar für die fossilen Unternehmen den Todesstoß bedeuten; es ist aber volkswirtschaftlich vernünftig – und ein Turbo für die Zukunftsbetriebe der Clean-Tech-Industrie. Obendrein haben wir uns in den Paris-Verträgen längst dazu verpflichtet, entsprechende Maßnahmen einzuleiten. In der politischen Kommunikation mag diese Wahrheit eine Herausforderung sein. Die Angst vor Dunkelflauten wird von interessierter Seite raffiniert und plakativ geschürt. Aber das reale Risiko ist gering. Die Versorgungssicherheit der europäischen Energiewirtschaft ist weniger durch Wind und Wetter, als durch die politische Großwetterlage und Marktabhängigkeiten gefährdet. Die launischen Herrscher in Moskau oder Peking sind gefährlicher als Wolken am Himmel und Flauten auf See. Wenn wir Wind- und Solaranlagen endlich in ausreichender Menge ausbauen, mit nachhaltiger Biomasse oder in geringen Mengen auch deutsche Wasserkraft sowie im Europäischen Verbund ergänzen und alles mittels Digitalisierung smart miteinander kombinieren und mit lokalen Speichern ergänzen, entwickeln wir ein dezentrales und flexibles System, das deutlich sicherer ist als noch so viele NordStream-Pipelines. Hinzu kommen noch die erheblichen Einsparpotenziale beim Heizen. Durch die energetische Gebäudesanierung und Einsatz von Wärmepumpen lässt sich der Erdgas-Bedarf massiv senken. Der Anteil von Erdgas zur Stromerzeugung liegt derzeit bei gerade mal rund zehn Prozent. Unterm Strich wird der Primärenergiebedarf somit deutlich geringer sein als simple Hochrechnungen heute prophezeien. Die gezielte Panikmache, soll Laien erschrecken, aber doch bitte nicht gestandene Profis in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft! Wenn Banken heute zunehmend ihre Filialen schließen und nur noch Online-Banking anbieten, dann ist das nicht der Untergang des Abendlandes, sondern pragmatisches Gegenwartshandeln – und in besonnener Weise zukunftsgewandt. Ebenso ist es an der Zeit, auf kommunaler Ebene nach und nach die Gas-Infrastruktur stillzulegen. Denn sonst müsste eine immer kleiner werdende Zahl an Endkund:innen die Kosten für das Gasnetz zahlen. Wenn wir die internationalen Verabredungen zur Einhaltung des 1,5 Grad Ziels einhalten wollen – und das wollen wir doch, oder? –, dann ist klar, dass nicht erst am Dezember 2038 ein zentraler Hauptschalter umgelegt, sondern ab sofort jeden Tag irgendwo ein kleiner Schalter. Heißt: Bis 2038 wird es einen steilen Abfall in der Erdgasnutzung geben! Und genau wie seit 15 Jahren jedes neue Smartphone ein Faxgerät beseitigte, bedeutet nunmehr jede neue Wärmepumpe eine Gasheizung weniger. Schon bis zum Jahr 2035 wird eine Reduktion des Erdgasverbrauchs zwischen 28 Prozent und 63 Prozent im Vergleich zum Jahr 2022 erreicht. Im Jahr 2045 werden nur noch geringe Restmengen an Erdgas verbraucht. Wer zukunftsgestaltende Politik machen will, setzt für diesen Wandel eine Anreizstruktur. Aber unbedingt und zuvorderst brauchen wir einen deutlich schnelleren Ausbau der erneuerbaren Energien.

Stillstand statt Tempo bei der Transformation
Deswegen bleibt einem wirklich jedes Lachen im Halse stecken, wenn ausgerechnet diese Zukunftstechnologie durch die Haushaltsbeschlüsse Anfang Juli 2024 abgewürgt wird wie ein Motor an der Ampel. Statt Tempo für die dringend notwendige Transformation der Wirtschaft und Industrie aufzunehmen, steht alles still. Deutschland spart sich buchstäblich kaputt und verspielt so seine Zukunft. Es fehlen Milliardenbeträge für wichtige Bereiche wie die Stärkung der Schiene, die Förderung der energetischen Gebäudesanierung und die Entwicklung von Energiespeichern. Ausgerechnet im Verkehrssektor, einst die deutsche Bestdisziplin, wäre durch eine entschlossene Elektrifizierung mit wenig Einsatz viel möglich. Aber statt sich fit für eine zukunftstaugliche Transformation zu machen, bleiben die deutschen Automobilkonzerne lieber auf dem teuer bezahlten Ledersitz altbackener Limousinen sitzen und lassen sich von jungen Kreativen aus aufstrebenden Schwellenländern überholen. 57 Prozent aller weltweit verkauften E-Autos stammten 2023 aus chinesischer Produktion.

Wasserstoff: zwischen Vision und Realität
Da nützen auch vermeintlich visionäre Wasserstoff-Phantasien nichts. Denn wer mit dem einen Fuß beharrlich auf der Schuldenbremse steht, sollte mit dem anderen Fuß nicht das Pedal der Verschwendung treten. Zur Herstellung von grünem Wasserstoff (nur der ist wirklich emissionsfrei!) braucht man drei- bis fünfmal soviel Ökostrom, als wenn man diesen direkt nutzt. Niemand würde freiwillig drei oder fünf Liter Sprit bezahlen, wenn davon nur ein Liter im Motor landet. Wasserstoff ist der Champagner unter den Energieträgern. Jedes Kind versteht, dass man so wenig mit Champagner duscht, wie man damit sein Auto tankt oder seine Wohnung heizt. Wasserstoff kommt besser nur da zum Einsatz, wo er wirklich gebraucht wird – nämlich da, wo einer Elektrifizierung kompliziert bis unmöglich ist. Wasserstoff lohnt sich höchstens in der Schwerindustrie, im Bereich Schwerlast, im Schiffs- oder Flugverkehr oder als zeitweiliger Energiespeicher. Natürlich können wir davon träumen, dass eines Tages Ökostrom im Übermaß produziert wird, so dass wir mit Wasserstoff-Raketen Wettrennen zum Mond veranstalten können. Doch solange wir um jede Windanlage kämpfen, ist Ökostrom viel zu kostbar, um es für Hightech-Seifenblasen zu verschwenden. Zudem gehen solche Gas- und Wasserstoff-Träume zwangsläufig Hand in Hand mit einer weiteren Technologie, die ihren Zenit überschritten hat: Um in ausreichender Menge „klimafreundlichen“ roten oder violetten Wasserstoff herzustellen, bräuchte es eine Renaissance der Atomkraft, die vor allem Fans von „billigem“ (russischen) Gas und „billigem“ (russischen) Uran gern beschwören. Doch entgegen allen Legenden finden sämtliche neueren Atomkraftprojekte lediglich entweder nur auf dem Papier statt oder kommen im Bau nicht voran. Sie entpuppen sich als viel zu teuer – und funktionieren ohnehin nur, wenn Staaten die Langzeit-Altlasten und Risiken übernehmen. Die wenigen neu errichteten Atomkraftwerke ersetzen höchstens ältere, die aus dem Betrieb genommen werden müssen. Wie sehr die Atomfixierung in die Sackgasse führt, lässt sich in Frankreich nachvollziehen, wo die Dürre in der Sommerzeit dazu führte, dass die Kraftwerke aus Mangel an Kühlwasser runtergefahren werden musste. Zum Glück konnte Deutschland mit Überschüssen an Ökostrom aushelfen. Und welche politisch-militärischen Risiken mit der Nuklear-Technologie verbunden sind, erfahren wir täglich beim ängstlichen Blick auf die Nachrichten aus Saporischschja, wo mit sechs Reaktoren das größte Kernkraftwerk Europas inmitten des russischen Kriegstreibens steht. Eine Bundesregierung, die all diese Realitäten ignoriert, sondern sich von populistischen Soffleuren einer fossilen Vergangenheit treiben lässt, handelt nicht besonnen, sondern verantwortungslos. Sie vergeudet Geld und vor allem wertvolle Zeit. Wann endlich beginnt die aktive und zukunftsorientierte Zeitenwende – nämlich die einer beschleunigten Erneuerbare-Energien-Politik?! ■

Die aktuell massiven Investitionen in fossile Infrastruktur sind nichts als eine überteuerte Verlängerung der Energiepolitik des letzten Jahrhunderts.

Die Versorgungssicherheit der europäischen Energiewirtschaft ist weniger durch Wind und Wetter, als durch die politische Großwetterlage und Marktabhängigkeiten gefährdet.

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