Das war spitze!“, hätte in den 1980er-Jahren Hans Rosenthal in der TV-Sendung „Dalli Dalli“ gerufen und wäre in die Luft gesprungen. Deutschland spitze? Ja, bei den Pro-Kopf-Ausgaben im Gesundheitswesen war unser Land 2022 mit 5.317 Euro Europameister. Vor Österreich (4.745 Euro) und den Niederlanden (4.530 Euro) – und deutlich über dem EU-Durchschnitt (3.533 Euro). Das Problem: Beim Blick auf die Lebenserwartung landen wir trotz der höchsten Pro-Kopf-Ausgaben nur im europäischen Mittelfeld. Unsere Lebenserwartung liegt bei 81,2 Jahren und ist unterdurchschnittlich in Europa (im Mittel 81,5 Jahre). Vor uns landen, u. a. Spanien (84,0), die Niederlande (82,0) und Österreich (81,6).
Deutschland kann Spitzenmedizin
Wir investieren nicht zu wenig, aber die Allokation passt nicht. Die Milliarden müssten passender und damit besser investiert werden. Deutschland kann Spitzenmedizin. Das haben wir beim Corona-Impfstoff von BioNTech bewiesen. Die Uniklinika in Heidelberg und Freiburg sowie die Charité in Berlin, enger Kooperationspartner unserer Evang. Kliniken Essen-Mitte, zählen laut EU-Patentamt bei den Patentanmeldungen zu den sieben aktivsten Forschungskrankenhäusern Europas. Die deutsche Krebsmedizin generell steht für hohe Überlebensraten und eine beeindruckende Forschungsinfrastruktur. Über 5.000 internationale Patentfamilien in der Onkologie allein zwischen 2010 und 2021. Das ist europaweit spitze.
Eine große Reform oder besser mehrere Reformen im Gesundheitswesen müssen her. Angelehnt an Rainer Werner Fassbinder gilt aber: „Angst essen Reform auf.“ Deutschland leidet unter Neophobie und Methatesiophobie: Der Angst vor Neuem, der Angst vor Veränderung. Menschen in anderen Ländern begreifen Veränderung – und damit Transformation – als Chance. Bei uns wird Veränderung mit Gefahr assoziiert, weil die Komfortzone verlassen und Routinen aufgegeben werden müssen. Das gilt auch, wenn diese Veränderungen potenziell das Leben verbessern und verlängern könnten. Während Autos oder die Verteidigung in Deutschland Sondervermögen erhalten oder zumindest politische Gipfel in Berlin, wartet man bislang vergeblich auf einen Gesundheitsgipfel. In der Vergangenheit wurden aus den meisten angekündigten Reformvorhaben nur „Reförmchen“.
Das liegt zum einen am reflexhaften Widerstand aus Verbänden, Lobbygruppen und Trägern, zum anderen an lokalen Partikularinteressen, die den Auswüchsen des föderalen Systems zuzuordnen sind, in dem jeder Landrat quasi wie ein Land-Vogt „sein“ Krankenhausstatus-quo verteidigt, oft unabhängig von Bedarf oder Qualitätskriterien. Und während Neues konsequent zerrredet wird, steigen die Kassenbeiträge weiter.
Die Klinikreform NRW als Vorbild nehmen
Dabei könnte es einfach sein. Wenn man, wie beim Thema Krankenhausreform, auf das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen mit Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann schauen würde. Seit 2018 hat sein Haus die Kliniklandschaft intensiv analysiert. Jetzt setzt NRW als erstes Bundesland eine neue Krankenhausplanung um. Das Credo: „Nicht jedes Krankenhaus muss alles machen. Nicht jedes Krankenhaus kann alles gleich gut machen.“, so Laumann. Geplant wird nicht mehr nach Betten, sondern nach Bedarf (Fallzahlen) und Leistungsgruppen mit Qualitätsanforderungen, Erfahrung und Expertise.
Kliniken sollen sich stärker spezialisieren, um so die Qualität der Behandlung zu verbessern. Spezialisierung und Zentralisierung verbessern vor allem bei komplexen Erkrankungen nachweislich Heilungs- und Überlebenschancen. Gleichzeitig werden Kosten gesenkt. Klingt schlüssig. Ist schlüssig.
Ein Beispiel: Die Zahl der Kliniken, die Eierstockkrebs in NRW behandeln dürfen. 111 Standorte hatten die Behandlung beantragt. 35 Standorten wurde sie durch das Ministerium zugewiesen. Darunter den Evang. Kliniken Essen-Mitte (KEM) mit dem größten Behandlungszentrum für Eierstockkrebs in Deutschland, das an den KEM Teil des größten deutschen Frauenkrebszentrums ist.
Will man Exzellenz, dann muss man sich fokussieren und auch bereit sein, sich von anderen medizinischen Bereichen zu trennen. An den Evang. Kliniken Essen-Mitte wurde so die Reform vorweggenommen: Einerseits wurden interdisziplinäre Spitzenzentren mit onkologischen Schwerpunkten gegründet, andererseits Bereiche wie z. B. die Unfallchirurgie oder eine Geburtsklinik geschlossen, da sie in anderen Kliniken in Essen in höherer Leistungsdichte und auf besserem Niveau angeboten werden. Weitere klinikübergreifende Kooperationen werden sukzessive aufgebaut, um nicht nur Redundanz abzubauen, sondern durch Synergien und Vernetzungen Exzellenz und Effizienz zu steigern.
Mit der Spezialisierung werden Vielfachstrukturen abgebaut und dem Fachkräftemangel entgegengewirkt. Medizinische Qualität wird zum Leitkriterium der Planung, ganz im Sinne einer verbesserten Versorgung für Patientinnen und Patienten. Und im Sinne der Budgets: Ressourcen lassen sich durch die Bildung medizinischer Zentren besser nutzen. Dieser Ansatz sollte auch bei der Bundes-Krankenhausreform Primat des Handelns sein. Perspektivisch werden nicht nur die Ausgaben gedeckelt oder sogar reduziert. Mit besserer Medizin steigt mit der Lebenserwartung auch die Lebensqualität.
Bild: © Evang. Kliniken Essen-Mitte