Störfall Stromnetz: Als 860-Teile Puzzle zu langsam und teuer

Artikel aus dem Handelsblatt Journal „Energiewirtschaft“

Plädoyer für eine radikale „Agenda 2030“ zur Reform des Stromnetzbetriebes

Ein Elefant steht auf der Baustelle Energiewende, und keiner spricht über ihn: Unsere Stromverteilnetze genügen nicht mehr den Anforderungen eines modernen Industrielandes – weder technisch noch in ihrer Organisation. Und während wir fasziniert immer höhere Prognosen zu zukünftigen Investitionsbedarfen in die Netze entgegennehmen, trauen wir uns nicht, die entscheidenden Fragen zu stellen: Kann ein dermaßen fragmentiertes System mit hunderten regional verschiedenen Standards, Systemen, Prozessen und Eigentümern überhaupt schrittweise modernisiert werden? Ist nicht jede Ausbaustrategie „Kupfer First“ zu teuer und zu langsam? Und warum sind in der ganzen Diskussion eigentlich Kundennutzen und Kundenperspektive so egal? Die Antworten auf diese Fragen erfordern radikaleres Denken – in Form einer „Agenda 2030“ für die Verteilnetze.

In 20 Jahren sollen in Deutschland Mobilität, Wärme und Industrie weitgehend elektrifiziert sein, sollen Abermillionen neue, großenteils flexible Verbraucher, große Mengen Batteriespeicher und ein Mehrfaches an heutiger Erzeugungskapazität für erneuerbare Energien im System eingebunden sein. Optimierung und Engpassmanagement im Netz müssen über lokale Preissignale erfolgen – selbst bei einheitlicher Preiszone im Großhandel über kleinräumige, flexible Netzentgelte. Das Ganze erfolgt aufgrund der hohen Systemdynamiken vermutlich eher in Fünf-Minuten-Intervallen als den heutigen 15-Minuten-Intervallen.

Harter Schnitt: das Jahr 2025. Heute sind Planung und Betrieb der Verteilnetze hochgradig fragmentiert, sind Mittel- und Niederspannung wenig digitalisiert und im Betrieb eher eine „Black Box“, Netzauslegungen und Lastflussrechnungen selten automatisiert, Smart Meter Quoten klein … aber die Vielfalt technischer Anschlussbedingungen (TAB) ist groß, ebenso die Anzahl von Softwaresystemen, Geschäftsprozessen, Formularen, Webportalen und Telefonnummern: Die Organisation durch 860 Verteilnetzbetreiber hinterlässt ihre Spuren. Jede Vereinheitlichung ist ein zähes Ringen mit oft nur mäßigem Erfolg. Die Umsetzung von Neuerungen in Software und Abrechnung dauert jeweils viele Jahre.

Die Stromverteilnetze werden zum entscheidenden Engpass der Energiewende

Bereits jetzt wird das Verteilnetz vielerorts zum Engpass und Bremsklotz der Elektrifizierung und Modernisierung unserer Volkswirtschaft. Zeitachsen neuer Netzanschlüsse werden immer länger und geschätzte Investitionsbedarfe immer größer – auch weil wir es nicht schaffen, die bisherigen Logiken von Netzplanung und Betrieb in neue, zeit- und kostensparende Anreize zu überführen.

Intelligenz schlägt Kupfer – und senkt die Kosten

Trotz zaghafter Schritte zur Verbesserung werden unzählige Betriebsmittel und ganze Netzabschnitte heute mit Auslastungen von nur 20 Prozent und weniger betrieben. Dennoch übersetzt sich „mehr Anschlussleistung“ in der Praxis noch immer vornehmlich in „mehr Kupfer“. Dabei zeigen Studien, dass allein durch Digitalisierung, Flexibilisierung und besseren regionalen Abgleich von Last und Erzeugung erforderliche Investitionen in den Netzausbau zwischen 30 Prozent und bis zu 90 Prozent gesenkt werden können. Und das bei immer noch chronischer Unterschätzung weiter fallender Preise und steigender Speichertiefen von Batterien. Vereinfacht gesprochen: ein Netz mit 40 statt 20 Prozent Auslastung kostet für Netzkunden spezifisch nur die Hälfte. Doch das braucht Digitalisierung. Und die braucht Standardisierung und Masse. Die Katze beißt sich in den Schwanz.

Und die Netzkunden? Ihnen bleibt nichts übrig, als auch eine ineffiziente, weil hochgradig fragmentierte Organisation und schlechte Auslastung von Betriebsmitteln zu bezahlen: Netzbetrieb ist ein natürliches Monopol. Das Handwerk und Energiewende-Dienstleister haben zudem erheblichen Aufwand, all die unterschiedlichen Anschlussklemmen und -kästen, Trafos und Formulare überregional zu bewirtschaften. Hinzu kommen oft niedrige Service-Level bei Netzbetreibern, Papier-Prozesse und fehlende Ticket-Systeme. Selbst gesetzlich geregelte Fristen für Antworten auf Netzanfragen können ohne Konsequenz ignoriert werden. Doch trotz all dieser bekannten Systemschwächen kommen Perspektive und Nutzen von Netzkunden in der Diskussion um den Netzbetrieb kaum vor.

 

Zwischen dem Zielsystem 2045 und der heutigen Realität klafft eine (zu) große Lücke.

Dr. Tim MeyerGründer, 3EPunkt

 

Weder Netzbetreiber noch Glücksritter sind schuld: Wir haben ein systemisches Problem

Wichtig: Die meisten dieser Schieflagen gehen auf das Konto historisch gewachsener Strukturen und fehlender Anreize. Natürlich macht es einen Unterschied, ob ein Netzbetreiber sich proaktiv weiterentwickelt oder nicht. Aber selbst engagierte Verteilnetzbetreiber und deren Mitarbeiter reiben sich an Regulierungsstrukturen und Fehlanreizen auf. Umgekehrt haben Netzbetreiber oft wenig Handhabe bei unqualifiziertem, opportunistischem oder erratischem Vorgehen von Netzkunden. Kurzum: Wir haben ein systemisches Problem.

Wir brauchen eine radikale Reform der Strukturen statt schrittweiser Weiterentwicklung

NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst hat kürzlich eine Umkehrung des Prinzips für Bürokratieabbau gefordert: Nicht diejenigen, die eine Norm vereinfachen wollen, sollten gegen Widerstände anrennen und sich rechtfertigen. Sondern diejenigen, die an einer Norm festhalten wollen. Oder zugespitzt: Wer ein einfaches Zielsystem komplizierter machen möchte, muss dies erst einmal durchsetzen.

Für die Organisation des Netzbetriebes bedeutet dieses Prinzip mehr Kettensäge als Evolution. Hier meine streitbaren Top Fünf, welche Formen sich nach einem derart groben Holzschnitt für neue Strukturen abzeichnen könnten – wenn wir sie nicht dem Hier und Jetzt Einzelnorm für Einzelnorm abringen müssten:

Zielbild 2030: ein Verteilnetz wie eine Industrieplattform – nicht wie ein 860-Teile-Flickenteppich

  1. Einfache, großflächige Plattformen für Netzbetrieb: 10-20 regionale Netzbetreiber schaffen Skaleneffekte und erlauben weiter Leistungs- und Kostenbenchmarks. Natürlich werden bundesweit einheitliche Standard-TAB vorgegeben, mit sinnvollen Spielräumen für das lokale Elektrohandwerk. Dazu ein zentrales, digitales Prozess-Backbone und Schnittstellenvorgaben für alle relevanten Geschäftsprozesse.
  2. Zentraler „Netzanschluss-Stack“: Ein bundesweites Anschlussportal und verpflichtende APIs erleichtern Netzkunden das Leben, lokale Netzbetreiber übernehmen das Fulfillment. Wer seine Prozesse nicht integriert oder systematisch Fristen verletzt, erhält Abzüge bei der Kostenanerkennung. Umgekehrt erhält Boni, wer besonders gute Leistung bringt. Für Netzkunden gilt: Nur wer transparent geregelte Qualitätskriterien für Anschlussanfragen erfüllt und gewisse Projektreife nachweisen kann, erhält eine verbindliche Zusage, eventuell auch gegen Reservierungsgebühr.
  3. Leistung muss sich lohnen: Erlöse und Renditen des Netzbetriebes werden weitmöglichst an messbaren Outputs, Kundennutzen und langfristigen Qualitätsparametern orientiert und weniger an Ist-Kosten alle fünf oder drei „Fotojahre“: Netzauslastungen, Digitalisierungsgrade, Anschlussdauern, Antwortzeiten, Engpassmanagement, Kundenzufriedenheit. Auch hier gilt: nicht zaghaft und sehr schrittweise wie im aktuellen Prozess der BNetzA, sondern mit Startschuss der Agenda 2030.
  4. „Digitalisierung first“ für Transparenz und höhere Auslastung: Netzkunden und deren Dienstleister müssen wissen, was das Verteilnetz wann und wo leisten kann – heute herrscht auch hier „Black Box“. Optimierung gelingt nur als Gemeinschaftsaufgabe, die Transparenz für alle Akteure erfordert, über einheitliche Datenplattformen. Nur so wird ein effizienter regionaler Abgleich von Last, Speichern und Erzeugern möglich.
  5. So viel Wettbewerb wie möglich, so wenig Monopol wie nötig: Auch grundzuständige Infrastrukturanbieter müssen sich dem Wettbewerb stellen. Mindestens bei Marktrollen wie dem Messstellenbetrieb ist das relativ einfach zu organisieren. Warum nicht aber auch Wettbewerb bei Planung, Bau und/oder Betrieb lokaler Netzsegmente, Umspannwerke etc. nach klaren technischen Vorgaben? Und natürlich muss die Vergabe des Netzbetriebes durch die Kommunen nach einheitlichen und rechtlich klar geregelten Standards und Service-Level-Agreements wettbewerblich erfolgen – und nicht mit eingebauter Klageautomatik nach Vergabe.

Die Finanzierung des großen Umbaus? Eine Aufgabe für den Infrastrukturfonds

Organisation und Umsetzung eines derart großen Wurfs erfordern eine einmalige Investition. Ebenso wird der Interessenausgleich aller Stakeholder attraktive finanzielle Anreize erfordern. Doch mit dem heutigen System und in der heutigen Reformlogik weiterzuarbeiten, dürfte auf lange Sicht teurer werden. Einerseits, weil viel Geld in den hundertfachen Strukturen und an ihren Schnittstellen zu Marktakteuren verloren geht. Und andererseits, weil Engpässe im Netz die Modernisierung Deutschlands bremsen und damit seiner Wettbewerbsfähigkeit schaden. Und wofür haben wir denn den Infrastrukturfonds? So oder so: Es ist Zeit, groß zu denken.

Das aktuelle Handelsblatt Journal
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