Stahl zu dekarbonisieren heißt, sich an künftige Marktentwicklungen anzupassen

Auch wenn die aktuelle Lage für die europäische Industrie nicht herausfordernder sein könnte, sind sich alle Stahlproduzenten einig: Der Übergang hin zu grünem Stahl ist entscheidend, um Europas Stahlindustrie langfristig nachhaltig und wettbewerbsfähig zu gestalten. Um dies zu erreichen, hat sich Tata Steel Nederland dafür entschieden, sich vielmehr an künftige Marktentwicklungen anzupassen, als alles auf einen einzigen technologischen Weg zu setzen.

Wir werden Direktreduktionsanlagen und Elektrolichtbogenöfen kombinieren, und das Reaktordesign an unserem Standort in IJmuiden nahe der niederländischen Nordsee ist von Grund auf flexibel ausgelegt: Es kann mit Erdgas, Wasserstoff und Biomethan betrieben werden – und verfügt bereits über eine CCS-Anlage. Doch entscheidend ist am Ende, dass sie hinsichtlich der Aufteilung dieser Einsatzstoffe flexibel ist, sodass wir auf sich verändernde Marktbedingungen reagieren können.

Sobald in ausreichenden Mengen und zu wettbewerbsfähigen Preisen verfügbar, werden wir Biomethan oder Wasserstoff nutzen. Doch bis dahin wird allein die Verwendung von Erdgas in der Direktreduktion mehr als 50 Prozent an CO2-Emissionen einsparen. Schon das ist ein bedeutender Schritt.

Was unseren Ansatz aber wirklich auszeichnet, ist die Integration von CCS. Bei Direktreduktion entsteht im Gaszyklus reines CO2. Und da unser Standort in der Nähe von CCS-Feldern in der Nordsee liegt, ist es nur logisch, CCS in unseren Übergang einzubeziehen. Jedes Jahr, in dem wir CCS nutzen – und bevor wir so viel Wasserstoff wie möglich einsetzen werden – sparen wir zusätzlich 0,6 Megatonnen CO2 ein.

Das ist kein inkrementeller Gewinn – sondern erhebliche Emissionsminderungen, während die Infrastruktur für erneuerbaren Wasserstoff und Biomethan aufgebaut wird und deren Erschwinglichkeit gesichert wird. Dennoch ist und bleibt Erdgas ein fossiler Brennstoff, und angesichts der aktuellen geopolitischen Spannungen muss Europa auf hier produzierte erneuerbare Energien umsteigen.

Letztlich gibt es auf dem Stahlmarkt zwei Kandidaten: Wasserstoff und Biomethan. Hier hat Biomethan einen Vorteil: Es besteht aus denselben Molekülen wie Erdgas, das macht es zu einem Drop-in-Brennstoff für unsere Reaktoren. Und kombinieren wir Biomethan mit CCS, ergibt sich ein doppelter Vorteil in Bezug auf CO2 –der erneuerbare Rohstoff und die Kohlenstoffabscheidung wirken zusammen.

Zudem verläuft der Wasserstoffhochlauf leider langsamer als erwartet, doch die Stahlindustrie ist nach wie vor der größte potenzielle industrielle Verbraucher. Hier kommt der adaptive Ansatz ins Spiel: Indem wir Investitionen in neue Reaktoren nicht ausschließlich vom Wasserstoffpfad abhängig machen, schaffen wir die potenzielle Nachfrage, die wiederum Investitionen in der gesamten Lieferkette ankurbeln wird. Diese Anpassungsfähigkeit ist kein Kompromiss – sie ist ein strategischer Wegbereiter für die Wasserstoffwirtschaft.

Und die Niederlande bieten einzigartige Vorteile für diesen integrierten Ansatz. Sie liegen nicht nur nahe der Nordseeküste und damit in der Nähe von Offshore-CCS-Feldern. Sie verfügen auch über ein sehr starkes Erdgasnetz, von dem ein Teil für die Wasserstoffverteilung wiederverwendet wird.

Und wenn wir unseren Standort in IJmuiden und dessen Stromversorgung betrachten, zeigt sich: Offshore-Windenergie gelangt direkt zu unserem Standort. Deshalb befindet sich auf unserem Gelände ein 380-Kilovolt-Transformator, der fast zwei Gigawatt Offshore-Windenergie verarbeitet. Hierdurch vermeiden wir weitere Investitionen und Netzüberlastungen, die erforderlich wären, um Strom aus dem Landesinneren zu beziehen.

Stahl wird nicht durch eine einzige Technologie klimaneutral werden. Es wird durch einen anpassungsfähigen Mix aus Erdgas, Biomethan, Schrott, Wasserstoff und CCS geschehen – wobei wir uns stets an künftige Marktentwicklungen anpassen werden, sobald sich diese abzeichnen.