Stahl Made in EU: Anker in stürmischen Zeiten

Stellen wir uns vor, wir treffen uns im Jahr 2036 wieder bei der Jahrestagung „Handelsblatt Zukunft Stahl“. Jemand lehnt sich im Foyer an den Stehtisch und fragt: „Wisst ihr noch, damals 2026, als Europa entscheiden musste, ob es nur klimaneutral werden oder auch industriell stark bleiben will?“ Diese zugespitzte Frage beschreibt ziemlich genau die Weggabelung, an der wir heute stehen.

Die Ausgangslage ist paradox: In Sonntagsreden ist die Rede von „Renaissance der Industrie“, „Clean Industrial Deal“ und „strategischer Souveränität“. Schaut man jedoch in die Werkshallen und in die Details der Gesetzestexte, ergibt sich ein anderes Bild: Die europäische Stahlindustrie kämpft mit einer anhaltenden Krise.

Die ernüchternde Bestandsaufnahme

Die nackten Zahlen lassen wenig Spielraum für Schönfärberei. 2025 ist die Rohstahlerzeugung in Deutschland erneut deutlich eingebrochen: 34,1 Millionen Tonnen bedeuten rund 9 Prozent weniger als im ohnehin schon schwachen Vorjahr. Die Kapazitätsauslastung ist erstmals unter 70 Prozent gefallen – ein Wert, den viele Manager:innen als kritische Grenze betrachten. Die Branche verharrt im Rezessionsmodus, während gleichzeitig Milliardeninvestitionen in die Transformation gefordert sind.

Die Ursachen sind bekannt – und in ihrer Kombination toxisch:

  • Historisch schwache Nachfrage in wichtigen Abnehmerbranchen
  • Ungebremster Importdruck aus globalen Überkapazitäten, vor allem aus Asien
  • International nicht wettbewerbsfähige Energiepreise
  • Geopolitische Konflikte und eine zunehmend aggressive, unberechenbare US-Handelspolitik

Mitten in dieser Dauerkrise treiben die Unternehmen der Stahlindustrie dennoch die politisch vorgegebene Dekarbonisierung voran. Transformation findet statt – aber auf einem Fundament, das alles andere als stabil ist.

Politik in Bewegung – aber noch nicht am Ziel

Man muss fair bleiben: Bundesregierung und EU-Kommission haben in den vergangenen Monaten begonnen gegenzusteuern. Der Clean Industrial Deal setzt erstmals einen integrierten Rahmen für industrielle Dekarbonisierung, inklusive Finanzierungsinstrumenten und einem Fokus auf bezahlbare Energie und Leitmärkte. Die Kommission hat zudem ein neues handelspolitisches Schutzinstrument vorgeschlagen, das die europäische Stahlindustrie dauerhaft besser gegen die Folgen globaler Überkapazitäten und Wettbewerbsverzerrungen absichern soll.

Auch bei den Energiekosten gibt es Bewegung. National wurden die in den letzten Jahren explodierten Übertragungsnetzentgelte mit einem Haushaltszuschuss von 6,5 Milliarden Euro gedämpft. Parallel ermöglicht die neue Beihilfeleitlinie der EU-Kommission (Clean Industrial State Aid Framework, kurz CISAF) die Fortführung der Strompreiskompensation – für stromintensive Branchen wie Stahl ein zentrales Element der internationalen Wettbewerbsfähigkeit.

Doch all diese Maßnahmen haben eines gemeinsam: Sie sind richtige, aber eben nur erste Schritte. Trotz Entlastungen bleibt das Strompreisniveau in Europa international nicht wettbewerbsfähig. Dabei liegt genau hier der Schlüssel zur klimaneutralen industriellen Zukunft. Denn Transformation heißt Elektrifizierung!

Industriestrompreis: Vom politischen Label zur wirtschaftlichen Realität

Transformation heißt Elektrifizierung – in der Produktion, bei Prozesswärme, beim Wasserstoff. Wer ernsthaft eine klimaneutrale Industrie will, braucht daher einen verlässlichen, international wettbewerbsfähigen Industriestrompreis. Aus Sicht der Stahlindustrie ist klar, was das bedeutet: Ein Niveau von 50 Euro pro Megawattstunde „all in“, also inklusive Netzentgelte, Abgaben und Umlagen.

Der derzeit politisch gefeierte Industriestrompreis bleibt davon weit entfernt. Hier muss der beihilferechtliche Rahmen weiterentwickelt werden, damit der Industriestrompreis für den gesamten Stromverbrauch gilt und mit der Strompreiskompensation kombiniert werden kann. Das ist notwendig, um Standortentscheidungen der Unternehmen nachhaltig in Europa zu halten – und nicht an Regionen mit günstigeren Energiepreisen zu verlieren. Ein Strompreis für die Industrie auf wettbewerbsfähigem Niveau ist keine energiepolitische Detailfrage, sondern der Kern europäischer Industriepolitik im 21. Jahrhundert.

CBAM: Schutzschild oder löchriger Regenschirm?

Mit dem CO2-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) ist der EU ein Projekt gelungen, das in seiner Grundlogik stimmt: Wer CO2-intensive Produkte in die EU importiert, soll künftig ähnliche CO2-Kosten tragen wie Produzenten innerhalb des EU-Emissionshandelssystems. Das soll Carbon Leakage verhindern und faire Wettbewerbsbedingungen schaffen.

In der aktuellen Ausgestaltung allerdings gleicht der CBAM jedoch eher einem löchrigen Regenschirm als einem wirksamen Schutzschild:

  • Exporte europäischer Hersteller werden nicht erfasst – sie tragen volle CO2-Kosten im Wettbewerb mit Anbietern ohne entsprechende Bepreisung.
  • Wirksame Regeln gegen Umgehung fehlen bislang.
  • Nachgelagerte stahlintensive Produkte sind nicht abgedeckt.

Die Kommission hat die Schwachstellen erkannt und Nachsteuerungen angekündigt. Die vorliegenden Vorschläge bleiben jedoch deutlich hinter dem zurück, was notwendig wäre, um die Industrie vor Wettbewerbsnachteilen und die Volkswirtschaft vor Carbon Leakage zu schützen. Solange diese Lücken nicht geschlossen sind, bleibt die entsprechende freie Zuteilung von Emissionszertifikaten ein unverzichtbares Element des Standortschutzes.

Leitmärkte für emissionsarmen Stahl Made in EU: Anspruch und Wirklichkeit

Ohne Leitmärkte für klimafreundliche Grundstoffe wird die Transformation nicht funktionieren. Wer Milliarden in CO2-arme Produktion investiert, braucht eine verlässliche Nachfrage nach emissionsarmem Stahl, statt im Preiskampf mit konventionellen Importen zu unterliegen. Die EU-Kommission hat dazu im März ihren Gesetzentwurf für den Industrial Accelerator Act (IAA) vorgelegt. Und auf den ersten Blick enthält er ein wichtiges Signal: Ab dem 1. Januar 2029 sollen in öffentlichen Bau-, Infrastruktur- und Transportprojekten der EU mindestens 25 Prozent des eingesetzten Stahls emissionsreduziert hergestellt sein. Damit erkennt Brüssel erstmals explizit die Rolle von Leitmärkten für klimafreundliche Grundstoffe an.

Doch die entscheidende Verbindung fehlt: Während für andere Grundstoffe eine klare Made in EU-Komponente vorgesehen ist, gilt dies für Stahl nicht. Im Ergebnis könnten damit emissionsärmere, aber außerhalb Europas produzierte Stähle mit europäischen Steuergeldern gefördert werden – während hiesige Produzenten weiterhin mit hohen Energie- und CO2-Kosten kämpfen.

Hier ist jetzt das Europäische Parlament und die Mitgliedstaaten gefragt: Ohne eine klare Made in EU-Verknüpfung auch bei emissionsarmem Stahl droht der IAA zum Bumerang für die heimische Stahlindustrie zu werden und sich zu einer industriepolitischen Fehlentscheidung von historischem Ausmaß zu entwickeln!

Öffentliche und industrielle Beschaffung mit Hebelwirkung

Die öffentliche Hand ist ein stiller Riese des Marktes. EU-weit vergibt sie jedes Jahr Aufträge im Umfang von rund 18 Milliarden Euro (etwa 14 Prozent des BIP) – damit kann sie Märkte lenken, Standards setzen und technologische Sprünge auslösen. Für die Stahlindustrie ist die öffentliche Beschaffung deshalb ein zentraler industriepolitischer Hebel, insbesondere im Infrastrukturbau und bei Schienenprojekten.

Aber Leitmärkte entstehen nicht allein durch staatliche Nachfrage. Auch Beschaffungsentscheidungen großer Industrien senden starke Signale. Ein Beispiel ist das Automotive Package: Im Rahmen der CO2-Flottenregulierung sollen Automobilhersteller sich den Einsatz von emissionsarmem Stahl Made in EU anrechnen lassen können. Gelingt hier eine kluge Ausgestaltung, kann die Stahlindustrie zu einem zentralen Ermöglicher von Klimaschutz entlang der automobilen Wertschöpfungskette werden.

Entscheidend ist jetzt die Umsetzung im EU-Parlament. Die Anrechnung emissionsarmen Stahls sollte nicht erst 2035 greifen, sondern früher, spätestens ab 2030 – sonst kommen die Signale an die Investoren schlicht zu spät. Belgien und Frankreich zeigen im Schienenbereich bereits, wie es gehen kann: Dort ist der Einsatz von emissionsarmem Stahl Made in EU im Infrastrukturbereich Realität.

Für Deutschland lassen sich daraus zwei konkrete Aufgaben ableiten:

  1. Umsetzung des im Koalitionsvertrag vorgesehenen Pionierfelds für die Deutsche Bahn.
  2. Anpassung des Vergaberechts, das Nachhaltigkeit und regionale Erzeugung endlich systematisch berücksichtigt – statt allein auf den niedrigsten Preis zu fokussieren.

Resilienz und Souveränität: Stahl als strategische Industrie

Die Krisen der vergangenen Jahre haben gezeigt, wie schnell scheinbar stabile globale Lieferketten ins Wanken geraten. Und der Irankrieg führt uns derzeit schmerzhaft vor Augen, wie Abhängigkeiten zu politischen Risiken werden. In dieser Lage rückt die Frage nach Resilienz und Souveränität ins Zentrum – und damit auch die Rolle der Stahlindustrie. Denn Stahl ist eine strategische Grundstoffindustrie. Eine sichere Energieversorgung, belastbare Infrastrukturen, moderne Mobilität und Verteidigungsfähigkeit sind ohne eine starke heimische Stahlbasis kaum denkbar. Wer Batteriefabriken, Windparks, Schienennetze oder Rüstungskapazitäten aufbauen möchte, braucht verlässliche Stahlversorgung – qualitativ, quantitativ und sicher erreichbar.

Wer Europa klimaneutral und zugleich resilient aufstellen will, darf Industriepolitik nicht getrennt von Sicherheits- und Geopolitik denken. Der Umbau zur Klimaneutralität muss daher in Europa stattfinden – mit Investitionen, Wertschöpfung und Arbeitsplätzen Made in EU. Nur so entstehen robuste Wertschöpfungsketten, die auch in Krisenzeiten tragen.

Was wir 2036 über 2026 sagen wollen

Die Entscheidungen, die wir heute treffen, werden bestimmen, wie wir in zehn Jahren auf das Jahr 2026 zurückblicken. Es gibt zwei denkbare Erzählungen.

Die eine lautet: Europa hat die Klimapolitik ernst genommen, aber die Industriepolitik verschlafen. Die Stahlwerke wurden klimaneutral – aber nicht mehr in Europa. Wertschöpfung, Technologien und Arbeitsplätze sind abgewandert, während wir grünen Stahl importieren und hoffen, dass Lieferketten halten.

Die andere Erzählung ist anspruchsvoller – aber erreichbar: Europa hat beides geschafft. Der Kontinent ist auf dem Weg zur Klimaneutralität, verfügt über eine starke industrielle Basis und ist strategisch handlungsfähig. Stahl Made in EU ist dabei das Rückgrat einer resilienten, souveränen und klimaneutralen Wirtschaft.

Ob wir 2036 die zweite Geschichte erzählen können, entscheidet sich heute: über ein wirklich wettbewerbsfähiges Strompreisniveau, einen wirksamen Carbon-Leakage-Schutz und klug gesetzte Leitmärkte.