Deutschland braucht mehr Produktionskapazitäten für Verteidigungsgüter. Gleichzeitig werden in der Automobilindustrie Werke um- und Stellen abgebaut. Die naheliegende Rechnung lautet deshalb: Wer heute Autos produziert, könnte morgen in der Rüstungsbranche arbeiten.
Ganz falsch ist diese These nicht. Sie ist aber womöglich zu einfach gedacht.
Das war einer der Gesprächspunkte des Events „Defense aus der Mitte: Europas Stärke und die Rolle der Wirtschaft“, zu dem SThree, Rheinmetall und das BVBBusinessNetzwerk am 21. Mai 2026 in den SIGNAL IDUNA PARK einluden. Mehr zum Event.
An industrieller Erfahrung mangelt es nicht
Für den Transfer spricht einiges. Kaum eine Branche beherrscht Serienfertigung so gut wie die deutsche Automobilindustrie. Die Beschäftigten kennen automatisierte Anlagen, anspruchsvolle Qualitätsprozesse, eng getaktete Produktion und komplexe Lieferketten. Wer bisher in einem Automobilwerk gearbeitet hat, beginnt beim Wechsel also nicht bei null. Bestehende Werke, Zuliefernetzwerke und industrielle Kooperationen können den Hochlauf beschleunigen. Dieses Potenzial sollte gezielt genutzt werden.
Doch die entscheidende Frage ist nicht, ob ein Wechsel grundsätzlich möglich ist. Sie lautet: Welche Kompetenzen können übernommen werden und wo braucht es neue Qualifikationen?
Kapazität ist nicht gleich Kompetenz
Beschäftige in der Rüstungsindustrie arbeiten, im Gegensatz zu denen im Automobilsektor, mit Gefahr- und Explosivstoffen, sensiblen Technologien und sicherheitskritischen Bauteilen. Fehler haben eine andere Tragweite.
Hinzu kommt ein Faktor, der sich kaum beschleunigen lässt: Erfahrung. Die Diskussion beim Event im Mai machte deutlich, dass manche Spezialfähigkeiten erst über Jahre oder Jahrzehnte entstehen. Produktionshallen lassen sich bauen und Maschinen kaufen. Das Wissen darüber, wie komplexe Systeme zuverlässig gefertigt, geprüft und weiterentwickelt werden, entsteht jedoch nicht per Knopfdruck.
Potenzial zeigt sich im Skillset
Ob ein ehemaliger VW-Mitarbeiter in der Verteidigungsindustrie arbeiten kann, lässt sich nicht pauschal beantworten. Einige Vorerfahrungen, wie Skill 1, Prozessablauf 2 oder ähnliches, sind jedenfalls transferierbar. Für andere sind Zusatzqualifikationen, Sicherheitsfreigaben oder längere Einarbeitungszeiten nötig.
Entscheidend ist, nicht in Berufsbezeichnungen, sondern in Kompetenzen zu denken: Wer beherrscht präzise Fertigungsprozesse? Wer kennt automatisierte Anlagen? Wer bringt Erfahrung mit Elektronik, Software, Systemintegration oder technischer Dokumentation mit? Diese Sichtweise öffnet die Branche für Quereinsteiger, ohne sicherheitskritische Anforderungen zu senken.
Beschäftigte müssen sich nach einem Wechsel also auf eine andere Verantwortungskultur einstellen.
Und auch Unternehmen müssen umdenken. Wer ausschließlich nach langjähriger Branchenerfahrung sucht, wird den Personalbedarf kaum decken können. Starre Stellenprofile verengen den Markt ausgerechnet dann, wenn neue Zugänge notwendig sind. Gefragt sind klare Qualifizierungspfade, strukturierte Kompetenzanalysen und ein systematischer Wissenstransfer zwischen erfahrenen Spezialisten und neuen Beschäftigten.
Zwischen Aufbau, Zukauf und externer Expertise
Die Verteidigungsindustrie kann also von der Skalierungskompetenz anderer Branchen profitieren, ohne deren Produktionsmodelle eins zu eins zu übernehmen. Entscheidend ist, vorhandene Kompetenzen gezielt zu nutzen und gleichzeitig dort neue Expertise aufzubauen, wo besondere Anforderungen gelten. Dafür bietet das bereits im Mai diskutierte Prinzip „Build, Borrow, Buy“ einen realistischen Rahmen. Eigene Beschäftigte und Nachwuchskräfte werden entwickelt, externe Spezialist:innen für Projekte und Leistungsspitzen eingebunden und zusätzliche Fachkräfte gezielt gewonnen.
Skalieren wie die Autoindustrie? Ja. Überall dort, wo industrielle Prozesse und Kompetenzen übertragbar sind. Nein. Dort, wo Sicherheitsanforderungen, Erfahrungswissen und spezialisierte Qualifikationen den Unterschied machen.