Das Prinzip solidarische Krankenversicherung ist gut!
Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) garantiert solidarischen Zugang zu medizinischer Versorgung unabhängig von Einkommen, Herkunft oder Lebensumständen. Damit ist sie ein wichtiger Faktor für das Vertrauen in unseren Staat. Allerdings wurde in den letzten Jahren versäumt, diese wichtige Säule des Sozialstaates auf die Herausforderungen, vor denen wir heute stehen, vorzubereiten: demografischer Wandel, Fachkräftemangel, medizinisch-technischer Fortschritt.
Fest steht: Mit den alten Rezepten kommen wir nicht mehr weiter. Denn immer weiter ausdifferenzierte Regelungen, immer mehr Geld im System führen nicht zu einer besseren Versorgung, sondern zu mehr Unübersichtlichkeit und zunehmenden Mangelerscheinungen im Gesundheitswesen bei zugleich explodierenden Kosten. Es braucht einen Neustart. Einen Reboot, der uns zurückführt zu den ursprünglichen Werten der GKV – eine finanzierbare Solidarität und Zugang zu einer guten Versorgung für alle.
Die gute Nachricht: Die Bausteine für diesen Neustart liegen längst vor. Es gilt, sie mutig zusammenzusetzen – sektorenübergreifend, berufsgruppenübergreifend, digital gestützt und konsequent patientenorientiert.
Sektoren-, Sozialgesetzbuch- und berufsgruppenübergreifende Versorgung
Noch immer ist unser Gesundheitswesen in Sektoren zersplittert: ambulant hier, stationär dort, eigene Gesetzbücher für Gesundheit und Pflege und Rehabilitation, mit jeweils eigenem Regelwerk, eigener Finanzierung, eigenen Zuständigkeiten. Das führt zu Brüchen in der Versorgung, zu Doppeluntersuchungen, zu Reibungsverlusten.
Notwendig ist hingegen eine Versorgung, die sich an den Lebensrealitäten der Menschen orientiert – nicht an Paragrafengrenzen. Die Zusammenarbeit zwischen Ärztinnen und Ärzten, Pflege, Therapie und weiteren Gesundheitsberufen darf nicht durch Sektorengrenzen ausgebremst werden.
Dazu müssen ein paar grundsätzliche Dinge gelten:
- Der Zugang aller Versicherten zu medizinischen Leistungen muss oberstes Prinzip sein. Inakzeptable Wartezeiten sind auszuschließen. Medizinische Innovationen müssen allen Versicherten innerhalb kürzester Zeit zugänglich sein. Die Qualität der medizinischen Versorgung ist oberstes Gebot.
- Die einzelnen Versorgungsbereiche – Arzt- und Therapiepraxen, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen – werden verpflichtet, medizinische Leistungen teambasiert zu erbringen und Einigkeit über den Verlauf der Behandlung entlang des Patientenpfades herzustellen.
- Die Vergütung für die Leistungen von Ärztinnen und Ärzten, Krankenhäusern und anderen Leistungserbringenden erfolgt nach einem Vergütungssystem, das gleiche Leistung gleich honoriert – egal ob am Bett oder in der Praxis. Die Vergütung berücksichtigt auch die erbrachte Qualität und setzt überdies Anreize für die ressourcenschonendste Behandlungsform.
So entsteht ein Netz, das Patientinnen und Patienten auffängt und trägt – egal, an welcher Stelle sie in Kontakt mit dem System treten.
Klare Patientenorientierung und mehr Steuerung in der Versorgung
Das Ziel darf nie aus den Augen verloren werden: Es geht um Menschen. Versicherte, Patientinnen und Patienten, Pflegebedürftige sind Bürgerinnen und Bürger, die Anspruch auf eine Versorgung haben, die ihnen Sicherheit gibt und ihre individuellen Lebenslagen berücksichtigt. Patientenorientierung bedeutet verständliche Kommunikation und Stärkung der Gesundheitskompetenz, damit Menschen Entscheidungen für ihre Gesundheit informiert treffen können. Patientenorientierung bedeutet Angebote, die Prävention, Behandlung und Nachsorge zusammen denken.
Krankenkassen können dabei eine wesentliche Rolle einnehmen, da sie nah an den Menschen sind und großes Vertrauen genießen. Als Lotsen können sie Patientinnen und Patienten durch akute Krankheiten begleiten und sie darüber hinaus auch im Alltag unterstützen – mit digitalen Präventionsprogrammen, Coaching-Angeboten, telemedizinischen Lösungen und persönlicher Beratung.
Dafür sollten Krankenkassen in einen Wettbewerb um die beste Versorgung treten können. Sie sollten unproblematisch Verträge mit Ärztinnen und Ärzten, Krankenhäusern und anderen Leistungserbringenden schließen dürfen, die den Aufbau von Gesundheitsnetzwerken ermöglichen, die wiederum für Patientinnen und Patienten eine kontinuierliche Behandlung ohne überflüssige Wartezeiten und mit bestmöglicher Qualität sicherstellen.
Um die medizinischen Versorgungskapazitäten an die Bedarfe der Patientinnen und Patienten anzupassen, brauchen die Krankenkassen Transparenz über den Status quo, um passgenau neue Versorgungskonzepte entwickeln und umsetzen zu können. Das Bemühen um echte Behandlungserfolge muss sich lohnen. Kriterien dafür sind das Feedback der Versicherten und deren medizinische Daten.
Digitalisierung erschließt Potenziale, Prävention schont Ressourcen
Die Ressourcen im Gesundheitswesen sind knapp: Personal, Zeit, finanzielle Mittel. Umso wichtiger ist ein verantwortungsvoller und effizienter Einsatz. Hier bietet die Digitalisierung enorme Chancen – wenn wir sie konsequent nutzen. Elektronische Patientenakte, eRezept, Telemedizin, KI-gestützte Diagnostik: All das ist längst Realität. Doch in Deutschland bleibt zu viel Potenzial ungenutzt, weil rechtliche Hürden, fehlende Standards und Insellösungen blockieren.
Um den Zugang zur Versorgung zu verbessern und gleichzeitig die Leistungserbringenden in den Notfallambulanzen und Arztpraxen zu entlasten, muss künftig über digitale bzw. hybride Ersteinschätzungstools der Versorgungsbedarf inklusive Dringlichkeit abgefragt werden. Dies muss in Verbindung mit einer reibungslosen Terminvermittlung zum richtigen Versorger bzw. der adäquaten Versorgungsebene erfolgen. So koordiniert, werden Wartezeiten der Patientinnen und Patienten und gleichzeitig die Überlastung der medizinisch Versorgenden reduziert.
Auch mehr Prävention ist ein sinnvoller Einsatz von Ressourcen. Um alle Effizienzpotenziale auszuschöpfen, muss die Vermeidung einer Erkrankung auch im Sozialgesetzbuch wichtiger sein als die solidarische Begleichung von Krankheitskosten. Gesundheit und Gesunderhaltung müssen zur gesamtgesellschaftlichen Aufgabe erhoben und in allen Politikbereichen (z. B. Verkehr, Wirtschaft, Bildung, Umwelt, Wohnen, Ernährung …) mitgedacht werden.
Die bislang ungenutzten Ressourcen von Betriebsärztinnen und -ärzten müssen ebenfalls stärker genutzt werden. Hierfür braucht es erweiterte Kompetenzen und eine bessere Vernetzung mit der gesamten Gesundheitsversorgung.
Krankenkassen sollten außerdem berechtigt werden, individuell auf Versicherte zugehen zu dürfen, um sie anhand von Analysedaten gezielter beraten zu können. Die seit einigen wenigen Jahren in engem Rahmen bestehenden Möglichkeiten, dies zu tun, sind entsprechend auszuweiten. Ferner müssen Routinetätigkeiten automatisiert werden, um Fachkräfte für das Wesentliche zu entlasten: den direkten Kontakt mit Patientinnen und Patienten.
Qualitätsorientierte Vergütung
Das deutsche Gesundheitswesen ist in weiten Teilen mengenorientiert: Je mehr Leistungen erbracht werden, desto mehr wird vergütet. Das setzt falsche Anreize. Die neue Devise muss lauten: Qualität statt Quantität. Vergütung muss sich an messbaren Ergebnissen orientieren – an dem, was Patientinnen und Patienten wirklich hilft.
Dazu gehören klare Qualitätsindikatoren, die transparent und vergleichbar sind, Vergütungssysteme, die nachweislich gute Behandlungsergebnisse belohnen, und ein Wettbewerb, der sich nicht über Preis und Menge definiert, sondern über die bestmögliche Versorgung.
Das bedeutet auch: Patientinnen und Patienten müssen die Möglichkeit haben, Qualität zu erkennen und in ihre Entscheidungen einzubeziehen. Transparenz ist der Schlüssel für einen echten Qualitätswettbewerb.
Nachhaltigkeit als Leitprinzip
Gesundheit ist ohne Nachhaltigkeit nicht denkbar. Das betrifft nicht nur die ökologische Dimension, sondern ebenso die ökonomische und die soziale.
Nachhaltigkeit bedeutet ressourcenschonende Prozesse, klimafreundliche Infrastruktur in Kliniken und Praxen, Green-IT in der Digitalisierung, aber auch Finanzierungsmodelle, die langfristig tragfähig sind und kommende Generationen nicht überlasten, sowie Arbeitsbedingungen, die Fachkräfte halten und junge Menschen für Gesundheitsberufe gewinnen.
Um Nachhaltigkeit umzusetzen, sollten neben dem Wirtschaftlichkeitsgebot auch ein Nachhaltigkeitsgebot im Sozialgesetzbuch verankert werden. Krankenkassen sollten vertragliche Vereinbarungen mit Ärztinnen und Ärzten, Krankenhäusern und anderen Leistungserbringenden schließen können, in denen konkrete Maßnahmen zur Nachhaltigkeit vereinbart werden.
So kann ein nachhaltiges Gesundheitssystem die Gesundheit der Menschen schützen und die Versorgung der kommenden Generationen sicherstellen.
Der Neustart ist möglich
Die GKV muss sich neu aufstellen – aber nicht, indem sie ihre Grundwerte aufgibt. Im Gegenteil: Ein #RebootGKV bedeutet, zu diesen Werten zurückzukehren und sie mit den Möglichkeiten von heute und morgen zu verbinden.
Solidarität und ein gleichberechtigter Zugang zur Versorgung für alle – das sind keine Relikte aus der Vergangenheit, sondern die Leitplanken für die Zukunft.
Mit sektorenübergreifender Versorgung, echter Patientenorientierung, konsequenter Digitalisierung, kluger Steuerung, qualitätsorientierter Vergütung und Nachhaltigkeit schaffen wir ein Gesundheitssystem, in dem Gesundheit auch wirklich groß geschrieben wird.