Quo vadis Kunststoff? Wohin steuert die Kunststoffindustrie?

Die Kunststoffbranche steht vor einem Umbruch. Zahlreiche neue Regulierungen auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene schicken sich an, die grundlegenden Spielregeln der Kunststoffproduktion neu zu sortieren. Zu den wichtigsten gehören die Deutsche Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS), die europäische Verpackungs- und Verpackungsabfallverordnung (PPWR) sowie das INC-5 Treffen der Vereinten Nationen in Busan, Südkorea, das ein globales Abkommen abschließend verhandeln soll, um die globale Plastikflut einzudämmen.

Ein zentrales Element dieser Regulierungen sind Quoten für den Einsatz von recycelten Kunststoffen. Obwohl die Details noch unklar sind, ist sicher, dass die Nachfrage nach Rezyklaten durch sie steigen wird. Denn: ohne diese Quoten kommt der Markt für nachhaltige Kunststoffe nicht in den Gang, da hochwertiges Recycling den Kunststoff teurer macht als Neuware – mit dem erwartbaren Marktresultat, dass fast alle Unternehmen lieber auf billiges Neuplastik setzen, als sich um den Wiedereinsatz des Kunststoffes zu kümmern.

Die Quoten sind die Antwort auf dieses Marktversagen, da für die alternative Maßnahme – eine umfassende Besteuerung von Neukunststoffen – politische Kraft und Wille fehlt; zumal in einem Land wie Deutschland, wo die Chemieindustrie trotz rückläufiger Weltmarktanteile immer noch der drittgrößte Arbeitgeber im Land ist. Recycling aber liegt nicht in der Natur des Geschäftsmodells der Chemieindustrie, die darauf ausgelegt ist, mit ihren Raffineriekapazitäten die Welt mit möglichst viel und günstigen Kunststoffen zu versorgen. So werden bis heute globale Supply Chains abgesichert.

Recyclingbranche in der Krise trotz Quoten
Jedoch steht die Branche vor einem Widerspruch: Während der Bedarf an Rezyklaten mittelfristig steigen wird, sehen sich viele Recyclingunternehmen aktuell mit großen Absatzschwierigkeiten konfrontiert und müssen teilweise Kapazitäten abbauen oder ganz schließen. Die insgesamt schwache Nachfrage und weiterhin günstige Neuwarenpreise führen zu der paradoxen Situation, dass die Kreislaufwirtschaft in Europa rückläufig ist – die Nachhaltigkeit ist hier wie auch in anderen Branchen in den letzten zwei Jahren massiv in die Defensive geraten.

Zusätzlich zu dem Preisunterschied zu Neuware belasten hohe Energie- und Rohstoffkosten sowie bürokratische Hürden die Unternehmen. Dabei hat eine aktuelle Studie des Bundesumweltamtes massiv den fortschrittlichen mechanischen Recyclingverfahren den Rücken gestärkt – diese sind ökologisch und ökonomisch die beste Wahl, wenn es um die Kreislaufführung von Kohlenstoffen geht. Ob daneben noch die Verfahren der fortschrittlichen Verbrennung oder des chemischen Recyclings in den Fokus der öffentlichen Förderung kommen, muss letztlich in einem technologieoffenen Wettbewerb zwischen diesen nachrangigen Technologien entschieden werden. Der Staat sollte aber vor allem den Fokus auf die Rahmenbedingungen für das mechanische Recycling legen.

Insgesamt steht die Kunststoffbranche vor der Herausforderung, den Spagat zwischen mittelfristig steigender Nachfrage nach Rezyklaten und dem kurzfristigen Rückgang der Recyclingkapazitäten zu meistern. Ein Umdenken in der Branche ist notwendig, um den Übergang zu einer nachhaltigeren Kreislaufwirtschaft erfolgreich zu gestalten. Die Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie gibt hier zumindest schon einmal die richtige Vision vor: die lineare Kunststoffindustrie muss sich künftig umdefinieren als Zirkularitätsdienstleister von Kohlenstoffen.

Umgestaltung der Kunststoff-Wertschöpfungskette
Angefangen bei Reduzierung des Kunststoffverbrauchs insgesamt über moderne Formen der Mehrwegnutzung bis hin zu fortschrittlichen Formen des Kunststoffrecyclings. Zentrales Element all dieser Überlegungen ist, dass das Design aller Produkte komplett neu entwickelt werden muss. In der Vergangenheit lag der Fokus hier stets auf der Nutzungsphase: höher, leichter, schneller. In Zukunft muss die Nachnutzungsphase eine ebenso große Rolle spielen wie die Performance des Materials während der Nutzung. Eine Mammutaufgabe, die eine ganze Generation von Produktdesignern prägen wird.

Nicht zuletzt muss die Digitalisierung der Wertschöpfungskette deutlich vorangetrieben werden. Ein wichtiges Beispiel hierfür ist die Einführung eines digitalen Produktpasses, wie er in der von Cirplus entwickelten Europäischen Norm EN 18065 für Kunststoffrezyklate beschrieben wird, ermöglicht eine lückenlose Qualitätsüberwachung von Rezyklaten und fördert damit Transparenz und Vertrauen in Rezyklate. Mit dem digitalen Produktpass können relevante Informationen über Herkunft, Zusammensetzung und Eigenschaften der Materialien erfasst und allen Akteuren entlang der Wertschöpfungskette zugänglich gemacht werden. Dies ist besonders wichtig, da häufig Informationen über die Qualität von Sekundärkunststoffen fehlen und so die Weiterverarbeitung erschweren. Wenn dadurch die Datengrundlage für globale Supply Chains in Sekundärrohstoffen geschaffen wird, werden perspektivisch auch die digitalen Technologien in dieser Branche Einzug halten, die bereits anderweitig für Furore sorgen und das Wirtschaften auf den Kopf stellen: Künstliche Intelligenz, Machine Learning, Blockchain – hinter diesen Begriffen verstecken sich heute schon hehre Versprechungen für die Kreislaufwirtschaft – gelingt uns die umfassende Digitalisierung der Stoffströme so wird aus dieser Vision Wirklichkeit.

All dies zeigt: Wir stehen vor entscheidenden Jahren beim Umbau der Kunststoff-Wertschöpfungskette. Hierin liegen große Risiken, aber auch große Chancen für die europäischen Unternehmen. An uns liegt es, diese Chancen mutig beim Schopf zu packen und uns nicht im Klein-Klein der Abwehrkämpfe der linearen Technologien und Branchen zu verlieren, auch wenn diese über Jahrzehnte einen großen Beitrag zur Wertschöpfung unseres Landes geleistet haben. Es steht außer Frage: die Zukunft gehört denjenigen Volkswirtschaften, die die Circular Economy am besten meistern.