Privates Kapital statt Subventionen: Die Energiewende muss sich rechnen

Artikel aus dem Handelsblatt Journal „Energiewirtschaft“

In Deutschland gibt es mehr Golfplätze als Solarparks. Eine Anekdote, über die man schmunzeln kann, die aber auch eine Schieflage offenbart: Während wir über unbestritten wichtige Themen wie Bürokratie, Netzausbau und Subventionen diskutieren, übersehen wir an anderer Stelle eine große Chance – wirtschaftlich, klimapolitisch und gesellschaftlich. Denn bei der Energiewende handelt es sich nicht um eine rein technologische oder politische Herausforderung, sondern auch um eine Investitionsfrage. Und: um eine Beteiligungsfrage.

9 Billionen Euro Potenzial

Privathaushalte in Deutschland halten rund 9 Billionen Euro auf Konten, in Lebensversicherungen oder niedrig verzinsten Sparprodukten. Dieses Kapital entwertet sich real – könnte aber bestens für die Transformation der Energieinfrastruktur eingesetzt werden. Die Bundesregierung schätzt den Investitionsbedarf für die Energiewende bis 2030 auf etwa 800 Milliarden Euro, nur ein Teil davon ist schon in Umsetzung.

Warum also fließt das Kapital nicht dorthin, wo es Rendite mit Wirkung verbinden kann: in Erneuerbare-Infrastruktur? In Solarparks, Batteriespeicher oder Ladeinfrastruktur? Weil es bisher kaum passende Strukturen für diese Art von Kapital gibt. Große Infrastrukturfonds richten sich an institutionelle Anlegerinnen und Anleger, mit Mindestbeträgen in Millionenhöhe. Bürgerinnen und Bürger wiederum werden auf den Kauf der PV-Anlage auf dem Hausdach verwiesen – sofern sie überhaupt ein Haus besitzen.

Wir brauchen neue Zwischentöne

Was fehlt, ist ein Angebot dazwischen: Strukturen, die Energieinfrastruktur zugänglich machen – für mittelständische Investorinnen und Investoren, für Unternehmerinnen und Unternehmer, für Menschen, die zur Energiewende etwas beitragen wollen.

Das wiederum bedeutet: transparente, direkt investierbare Projekte, mit greifbaren Sachwerten und stabilen Cashflows. Und vor allem: mit Wirkung.

Ein Quadratmeter Solarpanel ist nämlich mehr als ein Stromlieferant. Er erzeugt grünen Strom, schöpft lokale Werte, senkt CO₂-Emissionen, stärkt die Versorgungssicherheit und verankert die Energiewende in der Mitte der Gesellschaft. Genau da gehört sie hin.

Denn wer selbst investiert, wer Teil eines Solarparks wird und sieht, wie sein Geld dort Erträge erwirtschaftet, liest von der Transformation nicht nur im Gesetzblatt oder der Regionalzeitung, sondern spürt sie auf dem eigenen Bankkonto.

 

Bei der Energiewende handelt es sich nicht um eine rein technologische oder politische Herausforderung, sondern auch um eine Investitionsfrage.

Fabio GriemensGründer und Geschäftsführer, Helio

 

Energiewende braucht Eigentum

Viel zu oft wird die Energiewende als technisches oder regulatorisches Projekt verstanden; dabei ist sie vor allem ein Kapitalprojekt. Für mehr Tempo braucht es keine neuen Förderanträge, sondern eine neue Investitionslogik.

Dazu gehört auch, bestehende steuerliche Hebel klug zu nutzen: Zum Beispiel den Investitionsabzugsbetrag (IAB), mit den Unternehmerinnen und Unternehmer bis zu 50 Prozent der geplanten Investitionssumme schon im Vorjahr von der Steuer absetzen können. Oder die Kombination aus Sonderabschreibungen und degressiver Absetzung für Abnutzung (AfA) für Energieinfrastruktur-Investitionen. Ein wirkungsvoller Anreiz, der noch viel zu selten diskutiert wird.

Warum ist das so wichtig? Weil Eigentum Wirkung schafft. Menschen, die sich an einem Solarpark beteiligen, erleben nicht nur den Klimanutzen, sondern auch den wirtschaftlichen. Sie sehen den Stromertrag in kWh – und die Rendite auf dem Konto. Diese Verbindung aus Sinn und Zahlen ist der Schlüssel, um die Transformation gesellschaftlich zu tragen.

Die Beteiligung an der Energiewende muss also so selbstverständlich werden wie ein Immobilienkauf. Nicht nur ideell, sondern auch finanziell.

Was jetzt zu tun ist

Um diesen Paradigmenwechsel für die Energiewende möglich zu machen, braucht es allerdings noch ein paar Bausteine:

  • Zugang vereinfachen: Wir brauchen standardisierte, transparente Modelle für Energieinvestments, auch abseits großer Fondsstrukturen.
  • Regulatorik modernisieren: Steuerliche Anreize wie der IAB oder die AfA müssen stärker an den realen Investitionszyklen ausgerichtet werden.
  • Narrativ verändern: Die Energiewende ist kein Projekt der Politik allein. Und auch nicht nur eine Bürde. Ganz im Gegenteil: Richtig umgesetzt entwickelt sie sich zur Investitionschance für alle – mit Rendite, Verantwortung und echtem Einfluss.

Was bislang oft fehlt, ist das Bild vom Investor als Mitgestalter. Beteiligung schafft Akzeptanz. Wer mit eigenem Kapital Teil eines Projekts wird, hat ein eigenes Interesse am Erfolg. So wird aus dem politischen „Projekt Energiewende“ eine gesamtgesellschaftliche Bewegung. Die gute Nachricht: Wir müssen keine neuen Systeme erfinden. Wir müssen nur die bestehenden Strukturen öffnen – und endlich nutzen.

Foto: Helio (Portrait)

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