Perspektiven für die Strukturen im Gesundheitswesen: Die Welle reiten, statt sich überrollen lassen

Fast zwei Drittel der deutschen Krankenhäuser schreiben rote Zahlen, immer mehr Kliniken gehen in Insolvenz. Patienten müssen monatelang auf einen Facharzttermin warten, Kinderkliniken sind überfüllt, die Lebenserwartung der Deutschen liegt deutlich unterm OECD-Durchschnitt.

Ein Krankenhausarzt sitzt drei Stunden pro Schicht über Formularen statt am Patientenbett. Stationen sind wegen Personalmangels gesperrt, niedergelassene Ärzte verzweifeln an dysfunktionaler IT. Die gesetzliche Krankenversicherung watet milliardentief im Dispo. Steht das deutsche Gesundheitswesen also kurz vor dem Zusammenbruch? Sicherlich nicht. Kann alles so weiterlaufen wie bisher, nur mit mehr Geld? Das  kann niemand ernsthaft denken. Müssen wir das Gesundheitssystem neu erfinden? Auch das nicht. Nie  zuvor haben mehr Menschen im Gesundheitswesen gearbeitet als heute. Die Ausbildung zur examinierten Pflegekraft ist eine der beliebtesten und bestbezahlten Berufsausbildungen in Deutschland. Jedes Jahr  fließt eine halbe Billion Euro in das deutsche Gesundheitswesen. Wir haben also ausreichend Geld und  (noch) genug Menschen im System.

Wir haben ausreichend Geld und (noch) genug Menschen im System. Was wir nicht haben, ist Zeit.

Dr. Johannes DanckertVorsitzender der Geschäftsführung, Vivantes Netzwerk für Gesundheit GmbH

Digitalisierung, Ambulantisierung und Zentralisierung als Megatrends

Was wir nicht haben, ist Zeit. Die Megatrends Digitalisierung, Ambulantisierung, Zentralisierung werden  sich nicht durch Kompetenzgerangel zwischen Bund und Ländern oder Lobbyismus für mehr Geld  aufhalten lassen. Wir sollten uns lieber auf den Weg machen, solange wir die Entwicklung noch selbst  gestalten und diese Trends als Rückenwind nutzen können.

Wir müssen uns ehrlich machen, auch wenn es weh tut. Wir werden nicht alle Krankenhäuser und nicht  alle Betten halten können. Der rasante medizinische Fortschritt in den operativen Fächern lässt ambulante Operationen in vielen Fachbereichen zum Standard werden. Aber auch in der Psychiatrie ist zum Beispiel  die stationsäquivalente Behandlung, bei der Ärzte und Pflegekräfte die Patienten in ihrem häuslichen  Setting behandeln, eine echte Alternative zum stationären Aufenthalt.

Ambulantisierung spart Personal und verbessert Arbeitsbedingungen

Die Ambulantisierung stationärer Leistungen verbessert die Arbeitsbedingungen der Ärzte und  Pflegekräfte, weil viele Nacht- und Wochenenddienste entfallen. Es dient der Ergebnisqualität und der  Patientensicherheit, wenn diese Eingriffe in einer apparativ und personell gut ausgestatteten Klinik  stattfinden. Etwa ein Viertel unserer bisher stationär erbrachten Behandlungen können wir auch „to go“  anbieten – adäquate Vergütung vorausgesetzt. Dazu müssen die Fallpauschalen so gestaltet werden, dass  sie dies ermöglichen.

Zentralisierung gefährdet nicht zwingend die Versorgung in der Fläche

Die fortschreitende Spezialisierung erzwingt auch eine Zentralisierung der Kliniken. Krankenhäuser mit  unklarem Profil werden nicht nur auf dem dünnbesiedelten Land, sondern auch in Metropolen  zunehmend in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Krankenhäuser, die ein klares Profil haben, auf  Ergebnisqualität achten und bereit sind, im Sinne der Trends Kooperationen einzugehen, werden von den  kommenden Umbrüchen profitieren – unabhängig von ihrer Trägerschaft.

Vivantes mit ihren neun in Berlin konzentrierten Klinika ist in der Lage, alle Leistungsgruppen der  kommenden Reform durch konzerninterne Kooperationen abzubilden, sieht man von der Herzchirurgie  ab, in der wir bereits mit der Charité-Universitätsmedizin Berlin zusammenarbeiten. Wir sind offen für  weitere, trägerübergreifende Kooperationen in Berlin. Auch ein privates, gewinnorientiertes Unternehmen  wie die Helios Kliniken GmbH denkt und plant in regionalen Verbünden und ein christlicher  Gesundheitskonzern wie Agaplesion sucht ebenfalls die Kooperation mit kommunalen Krankenhäusern,  wo dies opportun erscheint.

Dass Zentralisierung die Qualität verbessert, ist unbestritten. Wo mehr Eingriffe und Behandlungen  derselben Art vorgenommen werden, sind Mortalität und Komplikationsraten geringer. Die Konzentration  von Leistungen muss dabei die Versorgung in der Fläche nicht unbedingt verschlechtern, wenn  Planungsbehörden – in diesem Fall die Bundesländer – und die Krankenhausträger in  Versorgungsregionen denken, die bei Bedarf auch Ländergrenzen überschreiten. Für planbare Eingriffe  nehmen Patienten heute schon weitere Wege für bessere Qualität gerne in Kauf. Aber es muss auch  darauf geachtet werden, dass bei der hochqualifizierten Notfallversorgung von z. B. Schlaganfällen,  Herzinfarkten oder auch in der Geburtshilfe keine weißen Flecken auf der Landkarte entstehen.

Gesundheitsregionen müssen integriert und länderübergreifend geplant werden

Ein Praxisbeispiel aus der Hauptstadtregion: Schon heute haben wir in Berlin und angrenzenden  Brandenburger Landkreisen sehr unterschiedliche Strukturen in der stationären Versorgung. Es gibt große  und teilweise hoch spezialisierte Häuser der Maximalversorgung in der Metropole, aber auch in  Brandenburg finden sich hoch spezialisierte Klinika, zum Beispiel in der Endoprothetik. Während die  Schlaganfallversorgung in Berlin durch Stroke Units im Stadtgebiet gut abgedeckt ist, klaffen in  Brandenburg große Versorgungslücken, die durch Berliner Klinika teilweise mit abgedeckt werden. Eine engere Kooperation von Krankenhäusern in beiden Bundesländern ist sinnvoll und kann durch digitale  Vernetzung und Telemedizin realisiert werden.

Den Rahmen hierfür muss die Landespolitik durch eine wirklich integrierte und nötigenfalls  grenzübergreifende Krankenhausplanung setzen. Diese Planung braucht als Basis eine gute Analyse der  vorhandenen Versorgungsstrukturen und Mut zur digitalen Innovation. Wenn die Leitplanken in die  richtige Richtung weisen, können die Akteure stationär wie ambulant die gemeinsame Gesundheitsregion  gestalten. Es wird interessant zu beobachten, wie die Länder ihre lautstark reklamierte Planungshoheit  ausüben werden, wenn die Klinikreform Gesetz geworden ist.

Konzentration verschlechtert die Flächenversorgung nicht, wenn Planungsbehörden und Krankenhausträger in Versorgungsregionen denken.

Dr. Johannes DanckertVorsitzender der Geschäftsführung, Vivantes Netzwerk für Gesundheit GmbH

Ambulant und stationär wachsen zusammen

Die Gegensätze und Interessenkonflikte zwischen ambulantem und stationärem Sektor werden dabei  durch den zunehmenden Ärztemangel nivelliert werden. Schon heute wird Vivantes gefragt, ob wir nicht  ein Medizinisches Versorgungszentrum in einem fachärztlich unterversorgten Stadtbezirk eröffnen wollen. Das städtische Krankenhaus Spremberg konnte sich aus der Planinsolvenz mit einem Konzept retten, das  auf enge Kooperation mit niedergelassenen Ärzten setzt. In Bad Gandersheim hat die Universitätsklinik  Göttingen ein Regionales Versorgungszentrum eröffnet, das stationäre und ambulante Versorgung aus  einer Hand bietet. Das sind einige Beispiele dafür, wie auch heute schon die strikte Trennung der Sektoren durchbrochen werden kann. Hier wünsche ich mir mehr Freiräume für Krankenkassen und Gesetzgeber.

Digitalisierung als Treiber und Ermöglicher

Beide Megatrends, die Zentralisierung wie die Ambulantisierung, werden durch den dritten Trend, die  Digitalisierung, angetrieben und ermöglicht. So werden heute schon radiologische Bilder aus  brandenburgischen Kliniken per Datenfernübertragung rund um die Uhr im Unfallkrankenhaus Berlin  befundet. Diese telemedizinische Versorgung kann man ausbauen und so medizinische Expertise aus  hochspezialisierten Berliner Kliniken in die dünnbesiedelte Fläche tragen.

Dazu müssen sich die Krankenhäuser untereinander vernetzen. In Berlin und Brandenburg entsteht bereits eine Infrastruktur dafür: Vivantes hat gemeinsam mit der Charité eine interoperable, KIS-unabhängige  Datenaustauschplattform entwickelt, an die sich so viele Berliner Krankenhäuser anschließen wollen, dass  damit 90% der Berliner Klinikbetten laut Krankenhausplan abgedeckt wären. Inzwischen wollen sich hier  auch Brandenburger Häuser beteiligen. Ein weiteres Projekt: Mit dem Rettungsdienst, den in Berlin die  Feuerwehr betreibt, haben wir ein System etabliert, wie digitale Patientendaten noch während des  Einsatzes aus dem Rettungswagen in die aufnehmende Klinik gesendet werden. Nun schließen wir Schritt  für Schritt auch Brandenburger Rettungsdienste und die Rettungshubschrauber an.

Es gib keinen Grund für Alarmismus oder Pessimismus. Wir haben ein leistungsfähiges, sehr gut  finanziertes Gesundheitssystem. Wir müssen es allerdings dringend readjustieren und effizienter machen.  Die größte Herausforderung sind nicht die skizzierten Megatrends Ambulantisierung, Zentralisierung und  Digitalisierung. Sie werden uns eher helfen, die aktuellen Unwuchten und Ineffizienzen zu beseitigen und  uns fit zu machen für die eigentliche Aufgabe: die Bewältigung des demografischen Wandels. Wir sollten  also die Welle reiten, bevor sie uns überrollt.

Artikel aus dem Handelsblatt Journal How to future Health vom 05.11.2024

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