Ohne einheimische Stahlproduktion keine Sicherheit – Europas Verteidigungsfähigkeit hängt am „Stahlseil“

Die geopolitischen Krisen der Gegenwart, allen voran der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine, führen uns vor Augen: Europa muss verteidigungsfähig werden – aus eigener Kraft. Das bedeutet nicht nur, Panzer, U-Boote und Drohen bereitzuhalten, sondern auch, die industrielle Grundlage dafür zu sichern. Im Mittelpunkt steht dabei ein oft übersehener Werkstoff: Stahl.

Stahl – Rückgrat der Wehrfähigkeit

Ob Panzer, Fregatten, U-Boote oder militärisch genutzte Infrastruktur wie Brücken und Pipelines – ohne in Europa produzierten Stahl ist keine Verteidigungsbereitschaft möglich. Stahl steht sinnbildlich für die militärische und wirtschaftliche Resilienz eines Landes. Er ist der unverzichtbare Grundstoff, für Sicherheit und Verteidigungskompetenz.

Dazu kommt: Militärische Fahrzeuge und Anlagen der Bundeswehr benötigen Stähle, deren Herstellung spezielle Anlagen wie Wärmebehandlungslinien, tiefes Know-how und strenge Zertifizierungen voraussetzt. Diese Schlüsselkompetenz darf nicht ins Ausland abwandern oder von Handelsbeziehungen abhängig gemacht werden. Denn, wer in der Sicherheitspolitik souverän sein will, muss Werkstoffe wie Stahl unabhängig produzieren und auf direktem Weg schnell und zuverlässig liefern können. Dies sogar nicht nur für die Rüstungsindustrie, sondern auch, um wirtschaftlich unabhängig zu bleiben. Denn Stahl ist der Anfang der allermeisten Wertschöpfungsketten und damit ein kritischer Punkt für industrielle Prozesse im Allgemeinen.

Mehr als Rüstung – Dual Use statt Einzweckdenken

Die Bedeutung von Stahl reicht über Waffensysteme hinaus. Auch die Infrastruktur muss im Ernstfall tragfähig sein – etwa beim Transport schwerer Panzer. Doch viele Straßen- und Eisenbahnbrücken in Deutschland sind für solche Lasten nicht ausgelegt. Deshalb wird der Ruf nach sogenannter „Dual-Use-Infrastruktur“ immer lauter. Dabei geht es um Brücken, Straßen und Schienenwege, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können – ein strategisches Umdenken auch in Bezug auf die Infrastruktur ist heute also mehr als geboten.

Industrie gefordert – Politik am Zug

Der Ruf aus der NATO-Spitze ist eindeutig. Generalsekretär Mark Rutte betonte kürzlich: „Deliver, deliver, deliver!“ – die Industrie soll liefern, und zwar schnell. Und die Stahlerzeuger sowie Rüstungskonzerne, allen voran die Salzgitter AG, wollen ihren Beitrag leisten und ihre industrielle Kompetenz beisteuern und damit Verantwortung übernehmen. Doch das „Schnell“ muss bei den derzeitigen Prüf- und Zertifizierungsverfahren noch verbessert werden.

Hinzu kommt der globale Wettbewerbsdruck: Die Energiepreise in Deutschland oder auch Dumpingstahl aus Asien drohen, die deutsche Stahlindustrie zu untergraben. Abhängigkeiten, wie sie bei Energie, Medikamenten und anderen Gütern bereits schmerzhaft erlebt wurden, dürfen sich bei der Verfügbarkeit von Stahl nicht wiederholen. Daher braucht es gezielte industriepolitische Maßnahmen wie einen funktionierenden Außenhandelsschutz, einen Industriestrompreis, Local Content-Kriterien und eine langfristige industriepolitische Strategie, die heimische Erzeuger stärkt und strategische Unabhängigkeit sichert.

Stahl ist systemrelevant – für die Wirtschaft und die Sicherheit

Die politische Erkenntnis ist da: Stahl ist sicherheitsrelevant und zentral für die Wehrhaftigkeit Europas. Doch diese Erkenntnis genügt nicht – es braucht nun klare Reformen, um bereitgestellte Mittel auch wirksam zu nutzen. Ein Weiter-so führt zu ineffizientem Mitteleinsatz und gefährlicher Abhängigkeit. Nur wenn Verteidigungspolitik, die Sicherung von Schlüsselindustrien und Infrastrukturplanung zusammengedacht werden, kann Europa militärisch und wirtschaftlich souverän bleiben.

Die Zeit drängt. Stahl ist nicht nur das Rückgrat unserer Verteidigungsfähigkeit, sondern auch Symbol für strategische Unabhängigkeit. Europas Sicherheit hängt – im wahrsten Sinne – am Stahlseil.

Thorsten Möllmann - verantwortlich für die Taskforce Defence und Leiter Kommunikation und Marke Salzgitter AG
Thorsten Möllmann verantwortlich für die Taskforce Defence und Leiter Kommunikation und Marke – Salzgitter AG