Neue Förderung, neue Machtverhältnisse

Was Riester 2.0 für Banken und Versicherer bedeutet

Die Reform der staatlich geförderten privaten Altersvorsorge markiert einen tiefgreifenden Einschnitt für den deutschen Vorsorgemarkt. Mit dem geplanten Altersvorsorgedepot, gelockerten Garantievorgaben und neuen Auszahlungsoptionen reagiert die Politik auf jahrelange Kritik an Kosten, Komplexität und niedrigen Renditen der Riester-Rente. Gleichzeitig stellt die Reform die Rollen von Banken und Versicherern neu auf – mit offenem Ausgang.

Kapitalmarktlogik trifft auf Absicherungsbedarf

Künftig sollen neben klassischen Garantieprodukten auch Modelle mit abgesenkten Garantien oder ganz ohne Kapitalerhalt staatlich gefördert werden. Ziel ist es, höhere Renditechancen zu ermöglichen und insbesondere jüngere Sparende stärker an den Kapitalmarkt heranzuführen. Ergänzend zur lebenslangen Rente sind Auszahlungspläne bis mindestens zum 85. Lebensjahr vorgesehen.

Genau hier setzt die Kritik vieler Expert:innen an: Die zeitliche Begrenzung der Auszahlungspläne auf das 85. Lebensjahr ignoriert in fataler Weise die Realität der heutigen Lebenserwartung und trägt in keiner Weise zu einer finanziellen Absicherung des Langlebigkeitsrisikos bei. Bereits heute werden rund 47 Prozent der 65-jährigen Frauen und 32 Prozent der 65-jährigen Männer das 90. Lebensjahr erreichen. Auch die deutsche Finanzaufsicht weist auf diesen Konstruktionsfehler hin, so in der Rede der BaFin-Chefin Julia Wiens vom 17. März 2026 beim Kongress „Zukunftsmarkt Altersvorsorge“. Aus Sicht der Aufsicht droht die öffentliche Debatte, sich zudem zu stark auf Aktienrenditen zu fokussieren und die Risiken von Kapitalmarktschwankungen zu unterschätzen. Lebenslange Renten und kollektiver Risikoausgleich – klassische Stärken der Lebensversicherung – verlieren im Reformdiskurs an Sichtbarkeit, obwohl sie angesichts steigender Lebenserwartung weiterhin eine wichtige Funktion erfüllen.

Versicherer unter Wettbewerbsdruck – aber mit Gestaltungsspielraum

Die Reform erhöht den Wettbewerbsdruck spürbar. Eine aktuelle Studie von Valytics und Nordlight Research zeigt, dass viele Riester-Sparende einen Wechsel in das neue Fördersystem zumindest in Erwägung ziehen. Gleichzeitig bevorzugt eine Mehrheit der Verbraucher:innen Banken und Sparkassen als primären Zugangspunkt für neue Vorsorgeprodukte. Die Kundenschnittstelle verlagert sich damit weiter in Richtung Kreditwirtschaft. Allerdings zeigt die Studie auch, dass die Mehrheit der befragten Verbraucher:innen Produkte mit hohen Garantien klar favorisieren.

Im Ergebnis bedeutet das für Lebensversicherer, dass sich ihre Rolle verschieben könnte: weg vom alleinigen Anbieter, hin zum spezialisierten Risikoträger und Produktpartner – insbesondere im Rahmen von Bancassurance-Modellen. Ihre Kompetenz bei Garantien, Rentenfaktoren und der Absicherung des Langlebigkeitsrisikos bleibt ein struktureller Vorteil gegenüber reinen Depotlösungen. Lebensversicherer werden somit als wichtiger Kooperationspartner das Produkt-Portfolio der Banken und Sparkassen sinnvoll ergänzen, um allen Kund:innen mit unterschiedlichen Risikoprofilen, Altersklassen und Sicherheitsanforderungen ein passendes gefördertes Vorsorgemodell anbieten zu können.

Kostendeckel und Profitabilität als Balanceakt

Ein weiterer heiß diskutierter Punkt der Reform ist der geplante Kostendeckel von 1,5 Prozent für Standardprodukte. Aus Verbrauchersicht verspricht er günstigere Angebote. Allerdings muss sichergestellt sein, dass die Produktanbieter hinreichend profitabel arbeiten können, um finanziell stabil zu bleiben. Auch dies wurde von der BaFin jüngst angemahnt.

Beratung und Produktqualität als Stabilitätsfaktor

Wettbewerbsfähige Produkte, transparente Kostenstrukturen und eine aktive Kundeninformation gelten als entscheidende Faktoren, um Vertrauen zu sichern, Bestände zu stabilisieren und auszubauen. In einem Markt, der stärker vergleichbar und digitaler wird, rückt die Qualität der Produktgestaltung stärker in den Fokus als die Vertriebslogik. Auch wenn der Gesetzgeber das Förderregime vereinfacht und Zulagen-Prozesse entschlackt hat, bleibt das System weiterhin komplex. So wird für viele Verbraucher:innen auch weiterhin eine qualifizierte Beratung nötig sein, um bedarfsgerechte und auf einzelne Personen abgestimmte Versorgungskonzepte zu entwickeln.

Fazit: Reform mit offenem Ausgang

Die angestrebte Reform der privaten Altersvorsorge ist weniger ein Neuanfang als eine Neujustierung der Altersvorsorge. Banken dürften ihre Rolle als Zugangspunkt zu Kund:innen weiter ausbauen. Versicherer hingegen stehen vor der Aufgabe, ihre Stärken sichtbarer zu machen und wichtige Alleinstellungsmerkmale bei der Produktgestaltung herauszustellen. Ob die Reform zu mehr Vorsorgebereitschaft führt, wird sich nicht allein an Renditen entscheiden, sondern aus dem Zusammenspiel verständlicher, effizienter Produkte, Stabilität der Rahmenbedingungen und qualifizierter Kommunikation.


Quellen: