Banken und Finanzierer sind bereits seit 2025 verpflichtet, ESG-Risiken systematisch in ihre Bewertungen einzubeziehen. Hintergrund ist, dass die Europäische Zentralbank plant, Refinanzierungen Ende 2026 stärker an Nachhaltigkeitskriterien mittels eines sog. Climate factors zu knüpfen.
„Die ESG-Risikoprüfung erfolgt unabhängig davon, ob Unternehmen selbst berichtspflichtig sind.“ stellt Nachhaltigkeitsberaterin Simone Lönnendunk klar. Für Unternehmen ergibt sich daraus eine direkte Konsequenz: Wer die eigene Nachhaltigkeitsstrategie vernachlässigt, muss in Zukunft wohl mit höheren Finanzierungskonditionen rechnen. Je solider die eigene Nachhaltigkeitsbilanz ist, desto günstiger können Finanzinstitute refinanzieren und diesen Vorteil an ihre Kundinnen und Kunden weitergeben.
Was Finanzierer und Investoren unter die Lupe nehmen
„ESG-Risiken sind heute schon Teil jeder Risikoprüfung und werden künftig noch stärker gewichtet“, erklärt Alexander Dürr, Teamleiter Kreditrisikomanagement. Im Fokus stehen dabei Standort- und Branchenrisiken, CO₂-Emissionen, Energieeffizienz sowie soziale Aspekte wie bspw. die Mitarbeiterbindung.
Bei kleinvolumigen Vorhaben mit geringerem Risikogehalt reicht in der Regel eine Branchenanalyse, kombiniert mit der Bewertung physischer Standortfaktoren. Bei größeren oder komplexeren Finanzierungen wird hingegen tiefergehend geprüft. Die jeweiligen Prüfschwellen sind dabei keine gesetzlichen Vorgaben, sondern hauseigene Richtlinien, die sich perspektivisch weiterentwickeln können.
Wie der Mittelstand den ESG-Herausforderungen am besten begegnet
Für viele mittelständische Unternehmen ist das Thema ESG nach wie vor mit Hürden verbunden. Es mangelt häufig an personellen Kapazitäten, eindeutigen Zuständigkeiten oder verlässlichen Kennzahlen zu Energieverbrauch, Emissionen und sozialen Faktoren. Gleichzeitig wächst der Erwartungsdruck von Kapitalgebern, Kund:innen und der Politik. „Wir werden künftig mehr Fragen stellen“, kündigt Dürr an. Unternehmen auch ohne formelle Berichtspflicht sollten darauf vorbereitet sein. Die Deutsche Leasing setzt dabei auf ein Modell von Drittanbietern, das ökologische, soziale und Governance-Kriterien systematisch abbildet und bereits existierende Maßnahmen positiv bewertet. Das reicht von LED-Beleuchtung für bessere Energieeffizienz, Dienstradangebote für Mitarbeiter:innen oder der Einsatz modernerer Maschinen.
Lönnendunk empfiehlt ein pragmatisches Vorgehen: In vielen Betrieben sind ESG-relevante Maßnahmen bereits gelebte Praxis und müssten lediglich strukturiert erfasst werden. Hierfür bietet der von der EU entwickelte freiwillige VSME-Standard eine Alternative zur bisherigen CSRD. Unternehmen, die nach dem Omnibus Verfahren nicht mehr unter die Berichtspflicht fallen, können über diesen Standardanfragen Dritter strukturierter und effizienter beantworten.
Praxisbeispiel: ESG-Transformation in einer Bäckereikette
Ein anschauliches Beispiel dafür, wie Nachhaltigkeitstransformation gelingt, liefert eine Bäckereikette: Das Unternehmen installierte PV-Anlagen, modernisierte seine Backöfen und nutzte die anfallende Abwärme zur Beheizung der Filialen. Gleichzeitig wurden Lieferrouten optimiert, der Kraftstoffverbrauch gesenkt und Beschäftigte im nachhaltigen Arbeiten geschult. Ergänzend flossen soziale Maßnahmen wie bspw. Lebensmittelspenden positiv in die Bewertung ein. „Das Beispiel veranschaulicht, wie ökologische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Maßnahmen sich wechselseitig verstärken können“, sagt Lönnendunk. Große Investitionen seien dafür keine Voraussetzung – viele kleine Schritte zählen ebenso.
Fazit: Nachhaltigkeit wird zum Wettbewerbsfaktor
Verbindliche Vorgaben, wie stark ESG-Scores die Zinshöhe beeinflussen, gibt es bislang noch nicht. Die Tendenz ist jedoch eindeutig: Schlechte Nachhaltigkeitswerte können zu erhöhten Risikoaufschlägen, strengeren Kreditauflagen oder der Anforderung zusätzlicher Sicherheiten führen. Umgekehrt eröffnen gute ESG-Bewertungen bessere Chancen auf attraktive Konditionen. Unternehmen, die das Thema Nachhaltigkeit vernachlässigen, gefährden damit nicht nur ihre Finanzierungsmöglichkeiten, sondern auch ihre langfristige Wettbewerbsposition.