2025 hat Mehrweg die Nische endgültig verlassen. Nicht, weil plötzlich revolutionäre neue Behälter erfunden wurden. Sondern weil Politik, Wirtschaft und Gesellschaft begonnen haben, das Problem an der Wurzel zu packen: Wie machen wir Ressourcenschonung zur wirtschaftlich rationalen Option – statt zur moralischen Kür?
Wer Mehrweg weiterhin als bloße Alternative zum Einwegprodukt sieht, unterschätzt die Aufgabe. Mehrweg ist kein Produkt. Mehrweg ist ein System. Und erst dieses System – bestehend aus Rückgabe-Logik, Datenfluss, Infrastruktur, Servicequalität und wirtschaftlichen Anreizen – entscheidet darüber, ob Kreislaufwirtschaft in der Praxis funktioniert oder scheitert.
Warum wir jetzt ein „Momentum für Mehrweg“ erleben
Der aktuelle Schub entsteht nicht aus einem einzelnen Treiber, sondern aus einer seltenen Gleichzeitigkeit von vier Faktoren:
Erstens: Regulierung wird konkret (PPWR).
Die europäische Verpackungsverordnung rückt Mehrweg weg vom „Nice-to-have“ und hinein in operative Realität. Mehrweg wird zur Management-Aufgabe: Tracking-Plattform, Prozesse, Flächen, Partner, Logistik – und Verantwortung.
Zweitens: Marktdruck trifft auf Umsetzungsdruck.
Unternehmen suchen nach Lösungen, die CO₂ senken, Kosten stabilisieren, Reputationsrisiken reduzieren – und dabei skalierbar sind. Und sie merken: „Mehrweg anbieten“ ist leicht. Mehrweg betreiben ist anspruchsvoll.
Drittens: Praxisreife ersetzt Theorie.
Mehrweg-Ökosysteme haben über Jahre bewiesen, dass Hygiene, Rücklaufquoten und operative Skalierung auch in komplexen Umfeldern funktionieren können: Events, Stadien, Take-away, Corporate & Campus sowie zunehmend auch im Handel.
Viertens: Kommunen setzen mit Einwegverpackungssteuern wirtschaftliche Anreize für Verbraucherinnen und Verbraucher.
Immer mehr Städte führen kommunale Einwegverpackungssteuern ein oder bereiten sie vor. Damit beginnt ein Mechanismus zu wirken, den Kreislaufwirtschaft lange vermisst hat: ein verursachergerechter Preismechanismus.
Dieser Mix markiert den Übergang von „Mehrweg ist möglich“ zu „Mehrweg ist rational“.
Ohne Preiswahrheit bleibt die PPWR unter ihren Möglichkeiten
Es gibt einen zentralen Irrtum in der Debatte: die Annahme, Mehrweg setze sich automatisch durch, sobald es angeboten werden muss. Die Realität der letzten Jahre in Deutschland zeigt das Gegenteil. Ohne wirtschaftliche Anreize entsteht schnell ein Minimal-Compliance-Szenario: Mehrweg steht zwar irgendwo auf dem Plakat – wird aber im Alltag aus Gewohnheit und Bequemlichkeit ignoriert.
Deshalb brauchen wir neben der PPWR zwingend eine zweite Säule: Einwegverpackungssteuern als wirtschaftlicher Anreiz zur Mehrwegnutzung.
Die Logik ist klassische Marktwirtschaft:
- Einweg verursacht externe Kosten (Abfall, Reinigung, Entsorgung, Umweltfolgen).
- Diese Kosten trägt heute die Allgemeinheit über kommunale Haushalte.
- Eine Steuer internalisiert diese Kosten beim Verursacher.
Das Ergebnis ist Preiswahrheit: Einweg wird teurer, Mehrweg wird wettbewerbsfähig – ohne Mehrweg „subventionieren“ zu müssen.
Und vor allem: Eine Steuer wirkt dort, wo reine Appelle scheitern: am Point of Sale. Sie bricht die Macht der Gewohnheit durch einen klaren ökonomischen Impuls.
Kreislaufwirtschaft ist Verhaltensökonomie – nicht Moralökonomie
Viele Konzepte scheitern nicht an Technologie, sondern am Faktor Mensch. Wer unter Zeitdruck steht, wählt selten „das Richtige“, sondern „das Einfache“.
Genau hier liegt der Grund, warum eine reine Mehrwegangebotspflicht nicht genügt: Sie ist ein Prompt – aber häufig ohne ausreichende Motivation oder Fähigkeit im Alltag.
Die Lehre aus vielen realen Anwendungen ist unbequem, aber eindeutig: Mehrweg funktioniert nicht über Moral, sondern über Systemdesign.
Und Systemdesign heißt: Convenience + klare Regeln + ökonomische Konsequenz.
Ein zentrales Element sind dabei nachhaltige finanzielle Anreize zur Rückgabe, weil die Ökobilanz von Mehrweg an einer simplen operativen Wahrheit hängt: Ein Behälter ist nur dann ökologisch überlegen, wenn er wirklich häufig genutzt wird – und wenn Rückgabequoten stabil hoch bleiben.

Abbildung 1: Anzahl durchschnittlicher Benutzungen in eines Mehrwegbehälters Abhängigkeit von Systemgestaltung und typischer Rücklaufquote
Der Attitude–Behaviour Gap: Warum gute Absichten nicht reichen
In Umfragen bekennen sich viele Menschen zu Mehrweg. In der Realität liegt der Substitutionseffekt häufig deutlich darunter. Das ist kein Zeichen von Heuchelei – sondern ein Hinweis darauf, wie stark Alltagsentscheidungen durch Convenience und Preis geprägt sind.

Abbildung 2: Anspruch vs Realität – warum Anreize notwendig sind
Genau deshalb ist die Einwegverpackungssteuer so wichtig: Sie übersetzt „wäre schön“ in „macht Sinn“.
Warum Mehrweg eine skalierbare Software- und Daten-Infrastruktur braucht
Je stärker Mehrweg skaliert, desto weniger ist es ein „Behälter-Thema“. Dann dominieren Fragen wie:
- Wo sind Behälter im Umlauf?
- Wo verlieren Systeme Bestände (Schwund) – und warum?
- Wo entstehen Logistik- und Spülengpässe?
- Welche Incentives funktionieren bei welcher Zielgruppe?
- Welche Standorte sind systemisch „ready“ – welche noch nicht?
Das sind Datenfragen. Und sie lassen sich nicht isoliert beantworten. Denn die zirkuläre Wertschöpfungskette ist verteilt: Handel, Gastronomie, Veranstalter, Logistik, Spülpartner, Kommunen – und am Ende die Endnutzende.
Mehrweg skaliert nur, wenn Daten über Akteursgrenzen hinweg verfügbar gemacht und aufbereitet werden: gemeinsame Standards, gemeinsame KPIs, gemeinsame Steuerbarkeit. Genau hier entsteht der Bedarf nach einem Orchestrator.
Vytal ist in dieser Logik nicht „Mehrweganbieter“, sondern software- und datengetriebene Infrastruktur: Eine Plattform, die Rückgabe, Tracking, Incentivierung, Clearing und Partnerintegration so digitalisiert, dass Mehrweg für große Organisationen nicht nur möglich – sondern rollout-fähig wird und echte Mehrwerte liefert.
Dass diese daten-getriebene Orchestrierungsfähigkeit international gefragt ist, zeigt u.a. die Nachfrage nach der Vytal Technologieplattform aus Märkten wie USA und UK.
Europa im Standortwettbewerb: Vorreiter – oder Verlierer?
Europa war lange rhetorischer Vorreiter der Kreislaufwirtschaft. Doch ein Vorsprung in Regulierung ist kein Vorsprung in Wertschöpfung. Im Gegenteil: Ambitionierte Regeln ohne ökonomische Anreize erzeugen ein gefährliches Risiko:
- Unternehmen tragen hohe Umstellungskosten,
- Mehrweg bleibt aufgrund von Unsicherheit in Pilotphasen stecken,
- andere Weltregionen industrialisieren skalierbare Lösungen schneller,
- Europa importiert am Ende, was es selbst konzipiert hat.
Wenn Europa seinen Standortvorteil nicht verlieren will, braucht es beides:
- Mutige Investitionen der Unternehmen in skalierfähige Mehrweglösungen (nicht nur CSR-Piloten).
- einen Staat, der ein „Unlevel Playing Field“ zugunsten von Mehrweg schafft – indem Einweg die tatsächlichen Kosten trägt und Mehrweg gefördert wird.
Die Einwegverpackungssteuer ist deshalb nicht „nice to have“, sondern entscheidende Systempolitik.
Fazit: Die Frage ist nicht mehr „Funktioniert Mehrweg?“ – sondern: „Sind wir systemreif?“
Mehrweg wird 2026 nicht mehr wie eine Option diskutiert, sondern wie Infrastruktur geplant. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr: „Funktioniert die Technologie?“
Sondern: Sind wir bereit für das System?
Systemreife bedeutet:
- Politisch: PPWR und Einwegverpackungssteuern zusammendenken.
- Operativ: Mehrweg nicht nur anbieten, sondern konsequent betreiben.
- Technologisch: Daten teilen, Prozesse standardisieren, Akteure vernetzen.
Kreislaufwirtschaft wird dann erfolgreich, wenn sie aufhört, nur „nachhaltig“ sein zu wollen – und stattdessen einfach das bessere, effizientere System wird.