Ko-Kreation – Wenn das Ego schweigt, beginnt die Zukunft zu sprechen

Michael Bandt zeigt, warum echte Zukunftsgestaltung mehr braucht als gute Ideen: Vertrauen, temporär pausierte Hierarchien und die Fähigkeit, zunächst zu beschreiben statt vorschnell zu bewerten. Anhand eines Praxisbeispiels aus dem Unternehmenstheater macht der Beitrag deutlich, wie aus gemeinsamer Kreativität wirksame Veränderung entstehen kann.

Eine meiner wichtigsten Annahmen für ein gelingendes Zusammenleben lautet: „Alle sind an der Entwicklung aller interessiert.“ Und da ich Regisseur und Autor bin, interessiere ich mich naturgemäß sehr für Kreation, Erfindung und die Schaffung von etwas Neuem. Bringt man diese beiden Aspekte nun zusammen, landet man bei dem Begriff „Ko-Kreation“, also dem Erfinden von etwas Neuem, aber in der Gemeinschaft.

Da ich darüber hinaus künstlerischer Leiter eines Unternehmenstheaters bin, genauer gesagt des Scharlatan – Theater für Veränderung in Hamburg, treibt mich die Frage um: Wie schaffen wir Bedingungen für ko-kreative Momente im Unternehmenskontext?

Dazu möchte ich von einer Erfahrung berichten, die mich den Begriff Ko-Kreation noch einmal hat neu denken lassen. Ein Kunde trat mit dem Wunsch an uns heran, eine Strategietagung zu gestalten, allerdings nicht klassisch, wie man es kennt, sondern als Quiz-Format. Gemeinsam mit dem Kunden entstand: „Quizness as usual – Strategie einmal anders.“

Bis dahin dachte ich eigentlich, in puncto Ko-Kreation gehen wir in der Gestaltung unserer Theaterstücke schon sehr weit: Der Kunde schildert uns seine Situation und sein Anliegen. Daraufhin führen wir Interviews mit Mitarbeitenden, um auch deren Perspektiven zu integrieren. Anschließend schreiben wir den Theatertext unter Einbeziehung mehrerer Gewerke – Bühnenbild, Video- und Tontechnik, Kostüm und weitere. Danach erhält der Kunde den Text zur Prüfung: Unterstützt das Stück sein Anliegen? Erst dann beginnen wir mit dem Probenprozess.

Man versteht sofort: viele ko-kreative Momente. Doch bei „Quizness as usual – Strategie einmal anders“, waren wir im Entstehungsprozess noch enger mit unserem Kunden im Austausch. Jedes Spiel, jede Challenge des Quizzes, jeder inszenierte Aha-Moment wurde gemeinsam mit unserem Kunden entwickelt.

Und damit nicht genug: Auf der Bühne standen am Ende unsere Darsteller:innen gemeinsam mit den Vorständen des Kunden als Kandidat:innen. Auch die Performance selbst wurde live gemeinsam gestaltet.

Die Erfahrungen, die ich dabei gemacht habe, möchte ich im Folgenden in drei Erfolgsfaktoren für gelingende Ko-Kreation beschreiben.

1. Safe Spaces kreieren. Oder: Die magische Kraft des „Vertrauensvorschusses“

Vor jeder Stückentwicklung (nicht vergessen: immer gemeinsam mit unseren Kund:innen) treffen wir eine grundlegende Entscheidung: mit oder ohne Zuschauer:innenbeteiligung.

Beobachten die Zuschauer:innen das Geschehen passiv im Dunkeln sitzend oder greifen sie aktiv ein, um z. B. die Handlung des Stückes zu verändern oder das Verhalten der Akteur:innen auf der Bühne im Sinne der neuen Unternehmensstrategie mitzugestalten?

Im zweiten Fall wissen wir: Zuerst braucht es einen Safe Space. Nur so entsteht die Bereitschaft der Mitarbeitenden, sich wirklich einzubringen und an der Mitgestaltung des Stückes zu beteiligen. Deshalb investieren wir – gemessen an der Länge des Stücks – bewusst viel Zeit in den Aufbau von Vertrauen.

Das Thema Warm-up ist bei uns eine eigene Disziplin: Humor, Körperbewusstheit, Ironie, Selbstironie, Fehlertoleranz sind darin wesentliche Elemente. Hilfreich ist uns dabei die Annahme: Ko-Kreation beginnt dort, wo Kontrolle endet — und Vertrauen zum Vorschuss für gemeinsame Zukunft wird.

Es ist daher logisch, dass wir bei dem Quiz zu Beginn der Show, viel Energie darauf verwendet haben, genau diesen Safe Space zu schaffen.

2. Hierarchien pausieren. Oder: Die Notwendigkeit, das Gefühl von Über- oder Unterlegenheit aus dem Spiel zu nehmen.

Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen rechthaberischen, autoritären, ungeduldigen, kontrollierenden Vorgesetzten (ich hoffe, den haben Sie nicht). Würden Sie in so einem Umfeld halbherzige, unfertige Ideenskizzen aus ihrem Kreativhirn offen teilen?

Neue Ideen sind zarte Pflänzchen und Hierarchien sind echte Ideenkiller.

Da wir aber in Organisationen die formelle Hierarchie, die meistens in einem Organigramm sehr genau festgelegt ist, schwer außer Kraft setzen können, lohnt sich der Blick auf die informelle Hierarchie. Das heißt: Es gilt vor einem kokreativen Moment bewußt eine temporäre Pausierung formeller Hierarchien zu vereinbaren und die Wirkmechanismen der informellen Hierarchie offen zu legen.

Dazu gehören so elementare Dinge wie Atmung, Körperspannung, Blick, Stimmsitz, Verwendung von Satzzeichen und andere. (Nur nebenbei erwähnt: diese lassen sich mit Theatermethoden wunderbar erklären und sichtbar machen.) Wenn sie bewusst werden, entsteht die Möglichkeit, Gefühle von Über- oder Unterlegenheit zu reduzieren. Wir Theaterleute sprechen hier von „Arbeit am sozialen Status“, von „relationaler Beziehungsgestaltung“ oder von dem „Aushandlungsvorgang meiner gruppeninternen Positionierung“.

Diese Arbeit wird jedoch für den kokreativen Moment nur dann wirksamn, wenn Menschen bereit sind, von ihrem eigenen Ego Abstand zu nehmen und der entstehenden Idee den Chefstatus zu überlassen – zumindest temporär.

Um mit den Vorständen für das Quiz kokreativ zusammenzuarbeiten, haben wir zunächst dafür gesorgt, die Teilnehmer:innen unserer Arbeitsgruppen zu „entrollen“. Das fällt nicht jedem leicht, aber ohne wird es schwierig.

3. Beschreiben statt bewerten. Oder: Wie sieht der Raum neben Lob und Tadel aus?

Zu Beginn unserer Workshops für Mitarbeitende unserer Kunden machen wir häufig folgende Übung: Eine Person durchquert einen Raum und setzt sich auf einen Stuhl. Andere beobachten diesen Vorgang. Eine Person denkt: „Er ging rüber und setzte sich.“ Eine andere denkt: „Sie ging quer durch den Raum wie jemand, der beobachtet werden will.“ Eine dritte: „Sie schwebte förmlich durch den Raum und ließ sich elegant nieder.“

Wer von den dreien hat jetzt recht? Wir wissen es nicht. Hilfreich ist jedoch die Annahme: Was A über B sagt, sagt mehr aus über A als über B. Und genau mit dieser Haltung gilt es in kokreative Momente einzusteigen.

Mein Blick auf eine neue Idee ist höchst subjektiv und selten eine objektive Wahrheit. Also Vorsicht mit Urteilen! Denn neue, gerade entstehende Ideen brauchen vor allem eines nicht: vorschnelle Bewertungen. Aussagen wie „Das ist so…“ gilt es zunächst zu vermeiden. Stattdessen braucht es präzise, wertfreie Beschreibungen.

Ziel ist es, den Raum neben Lob und Tadel zu vergrößern. Erst wenn eine Idee ausreichend beschrieben ist, folgt eine bewusste, gemeinsam getroffene Entscheidung: Jetzt wird bewertet – und zwar mit Klarheit und Entscheidungsfreude.

Das Problem: Das menschliche kognitive System trennt Wahrnehmung, Interpretation und Bewertung nicht strikt sequenziell, sondern verarbeitet sie hochgradig integriert. Daher enthalten alltägliche Beschreibungen oft bereits implizite Deutungen und Wertungen. Das heißt nicht, dass Bewertungen falsch sind — sondern dass man sie als Bewertungen kenntlich machen kann – und für kokreative Momente auch kenntlich machen sollte.

Ko-Kreation ist weit mehr als eine Methode zur Ideenfindung – sie ist eine Haltung. Sie entsteht dort, wo Vertrauen größer wird als Kontrolle, wo Hierarchien für einen Moment ihre Bedeutung verlieren und wo Beobachtung der Bewertung vorausgeht.

Die Zukunft wird selten von Einzelnen erfunden; sie entsteht in den Zwischenräumen gelingender Zusammenarbeit. Wer ko-kreative Prozesse ermöglichen will, muss daher Räume schaffen, in denen Menschen ihr Ego zeitweise zurückstellen und sich gemeinsam in den Dienst einer Idee stellen. Denn die entscheidende Frage lautet nicht: Wer hatte die beste Idee? Sondern: Welche Idee konnte durch uns gemeinsam entstehen? Schaffen wir mehr solcher Räume – in Unternehmen, Teams und Organisationen –, dann wird aus Zusammenarbeit echte Zukunftsgestaltung.