Medizin: Fundamentaler Umbau der Pharmabranche. Foto: Moment/Getty Images
Dieser Satz von der Handelsblatt-Pharmakonferenz hallt nach: „Ein KI-Agent wird künftig die gesamte Forschung und Entwicklung eines Pharmakonzerns ersetzen können“, sagte Thomas Clozel, Gründer und Chef des französischen Techbiounternehmens Owkin mit nüchterner Selbstverständlichkeit.
Zu seinen Kunden zählen etwa Roche, Astra Zeneca, Sanofi und Bristol Myers Squibb. Die letzteren beiden sind sogar an Owkin beteiligt. Genau jene Pharmakonzerne also, deren Forschungsabteilungen Clozel infrage stellt. Er ist überzeugt: Algorithmen der Techbio-Unternehmen würden frühe Forschung von Pharma übernehmen, was zwangsläufig zu einem Stellenabbau führe.
Im Publikum regte sich Widerspruch. Neue Geschäftsmodelle würden davon leben, bestehende Strukturen infrage zu stellen, hieß es. Mehrere Pharmamanager, darunter Roche-Deutschlandchef Daniel Steiners, betonten, dass niemand Jobs abbauen wolle.
Sind die radikalen Umbau-Prognosen der jungen Techbio-Unternehmen nun also realistisch – oder reines Eigeninteresse?
Owkin ist nicht das einzige Techbio, das die Pharmabranche revolutionieren will. Auch Start-ups wie Insilico Medicine, Iktos, Insitro oder Recursion versprechen, mithilfe Künstlicher Intelligenz die frühe Wirkstoffforschung radikal zu beschleunigen. Die Entwicklung eines Medikaments kostet im Schnitt mehr als zwei Milliarden Dollar, die Mehrzahl der Projekte scheitert. KI soll die Trefferquote erhöhen und Fehlentwicklungen früher stoppen.
Alex Zhavoronkov, Gründer von Insilico Medicine, sagt, dass KI große Teile der frühen Wertschöpfung aus den Pharmakonzernen ersetzen könne. Er brachte sein Unternehmen im Dezember in Hongkong an die Börse und schloss jüngst eine Partnerschaft mit dem Abnehmmittelhersteller Eli Lilly.
Es befindet sich bereits eine erste Welle von Medikamenten, die mithilfe von KI entwickelt wurden, in klinischen Studien. Auch Insilico Medicine reklamiert, einen KI-generierten Wirkstoff in weniger als zwei Jahren von der Idee in klinische Tests gebracht zu haben. Üblicherweise dauert dieser Prozess deutlich länger.
Gründer Zhavoronkov beschreibt eine neue Arbeitsteilung: KI-Biotechs sollten die frühe Wirkstoffsuche übernehmen, Pharma die kostenintensiven, späten Studien und die Vermarktung. Dass Konzerne noch jede Stufe selbst kontrollieren wollten, sei ineffizient, sagte er.
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