Jetzt braucht das Energiesystem Flexibilität und Tempo – keinen Neustart

Artikel aus dem Handelsblatt Journal „Energiewirtschaft“

Die Energiewende ist längst kein Experiment mehr. Sie ist der Aufbau eines neuen Betriebssystems für die deutsche Volkswirtschaft. In einer Zeit, in der geopolitische und wirtschaftliche Unsicherheiten zunehmen, entscheidet die Geschwindigkeit, mit der wir unser Energiesystem umbauen, über die künftige Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz unseres Landes und Europas. Wer jetzt bremst, bremst Innovation – und verschiebt Lösungen in die Zukunft. Wer hingegen Ausbau und Integration gemeinsam beschleunigt, macht das System widerstandsfähig, hält die Preise tragfähig und bringt die Klimaziele in Reichweite.

Das Energiesystem steht unter Spannung – nicht, weil wir zu viele erneuerbare Energien hätten, sondern weil deren Ausbau schneller voranschreitet als die Systemintegration. Die richtige Antwort darauf ist kein Abbremsen, sondern entschlossenes Handeln bei Netzen, Speichern und flexiblen Lasten. Ein stärker strombasiertes Energiesystem braucht ergänzende Infrastruktur und passende Marktmechanismen, damit die stetig wachsende Menge an erneuerbarer Energie sicher, bezahlbar und stabil im System ankommt.

Der gesetzliche Ausbaupfad bleibt zentral: Bis 2030 sollen mindestens 215 Gigawatt Photovoltaik, 115 Gigawatt Wind an Land und 30 Gigawatt Offshore-Wind installiert sein. Die aktuellen Zahlen zeigen, dass die Strecke bis zu diesen Zielen noch lang ist. Der Windzubau nimmt zwar sichtbar Fahrt auf, aber wir müssen die Dynamik über Jahre halten, um die Lücke zu schließen. Dass der Hochlauf bei Wärmepumpen oder E-Mobilität – und damit auch der Strombedarf – bisher hinter den Erwartungen zurückbleibt, darf nicht als Argument für ein Abbremsen dienen. Vielmehr müssen wir die Märkte und Verbraucher durch faktenbasierte Kommunikation und entschlossenes Handeln stärken.

Flexibilität als zweites Standbein der Transformation

Mit dem starken Ausbau erneuerbarer Energien verschiebt sich die Herausforderung: Es geht nicht mehr nur um die Frage „Wie viele Megawatt bauen wir?“, sondern um „Wie nutzen wir sie systemisch optimal?“. Ohne Flexibilitätsoptionen führen Überschüsse zu Abregelung und sinkender Investitionsrendite; Knappheitssituationen treiben Preise und Reserveeinsatz. Ein flexibles Portfolio aus Batteriespeichern, Pumpspeichern, steuerbaren Ladeprozessen, industrieller Lastverschiebung und Elektrolyse als dynamischer Last kann diese Schere schließen. Zugleich rückt der Wärmesektor als bislang „schlafender Riese“ der Energiewende zunehmend in den Fokus: Wärmepumpen, thermische Speicher, Fernwärmenetze und Power-to-Heat-Anlagen bieten enorme, bisher ungenutzte Flexibilitätspotenziale, die sowohl lokal Netze entlasten als auch systemweit erneuerbare Erzeugung effizient integrieren können. Flexibilität wirkt aber nur dann systemdienlich, wenn Preissignale, Netzzustandsinformationen und klare Flexibilitätsziele ihren Einsatz steuern. Sie ist kein „Add-on“, sondern das operative Pendant zum Ausbau der Erneuerbaren.

 

Der Netzausbau ist die physikalische Voraussetzung für ein klimaneutrales Energiesystem.

Stefan DohlerVorstandsvorsitzender, EWE AG

 

Netzausbau und Speicher: Die physikalische und ökonomische Basis

Der Netzausbau ist die physikalische Voraussetzung für ein klimaneutrales Energiesystem. Jeder Aufschub verschiebt Kosten in den Betrieb: Engpassmanagement und Redispatch steigen, regionale Preisspreizungen nehmen zu, und Erzeugung wird abgeregelt, statt genutzt. Das schadet der Wirtschaftlichkeit von EE-Anlagen und der politischen Akzeptanz, weil die Menschen am Ende nicht die verzögerte Leitung sehen, sondern die Systemkosten auf der Rechnung.

Speicherinfrastruktur wird zum Stabilitäts- und Preisanker. Kurzfristspeicher glätten Intraday-Schwankungen, mittelfristige Speicher stabilisieren Wochenprofile, Langzeitspeicher sichern saisonale Resilienz. Trotzdem behandeln wir Speicher regulatorisch vielerorts noch wie einen Sonderfall und belasten sie teils doppelt über Netzentgelte und Abgaben. Wenn wir Flexibilität ernst meinen, müssen Speicher als systemrelevante Infrastruktur verstanden werden: diskriminierungsfrei integrierbar, investierbar und eindeutig als Nutzenstifter im Netzbetrieb verankert.

Wasserstoff: Brücke zwischen den Sektoren

Für ein klimaneutrales Industrieland ist Wasserstoff ein Schlüsselelement. Er ist Langzeitspeicher, Molekülersatz und Systemübersetzer zwischen Strom, Industrie, Wärme und Mobilität. Damit er seine Flexibilitätsfunktion real entfalten kann, braucht es praxistaugliche Strombezugskriterien für grüne Elektrolyse und verlässliche Nachfragepfade aus Industrie und Verkehr. Nur dann können Elektrolyseure Dekarbonisierung voranbringen und zugleich als flexible Last Netze entlasten. Ohne erneuerbare Expansion kein grüner Wasserstoff; ohne Wasserstoff-Flexibilität keine robuste Systemintegration der Industrie. Bei EWE bauen wir daher weiter an der Clean Hydrogen Coastline – mit Elektrolyse im industriellen Maßstab, Wasserstoff-Kavernenspeichern und Teilen des Kernnetzes.

Kosten, Innovation und gesellschaftliche Akzeptanz

Die Bezahlbarkeit von Energie ist zu Recht im Fokus der Debatte – doch kurzfristige Entlastungen dürfen langfristig nicht teurer werden, weder ökonomisch noch ökologisch. Damit die Kosten nachhaltig sinken können, müssen Innovation und Klimaschutz gemeinsam gedacht werden. Mitten in der Transformation fossile Geschäftsmodelle immer wieder zu stützen, mindert den Veränderungsdruck und entwertet Investitionen agilerer Marktteilnehmer. Die Energiewende ist kein Projekt einer einzelnen Partei oder gar Selbstzweck, sondern Basis für künftige Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit.

Mehr Mut zum Tempo!

Jede Verzögerung verlängert die Phase paralleler fossiler und erneuerbarer Systeme – mit doppelten Fixkosten. Sie erhöht Importabhängigkeiten, verstärkt Preisvolatilität und verlangsamt die Industrialisierung klimaneutraler Technologien. Deshalb müssen wir simultan beschleunigen: den Ausbau erneuerbarer Energien entlang der 2030-Pfade, den Netzausbau nach Netzentwicklungsplan, den Speicherhochlauf gemäß Bundesstrategie und ein Marktdesign, das Flexibilität zeit- und ortsscharf vergütet. Nur wenn alle Elemente gemeinsam skaliert werden, wird aus zusätzlichen Gigawatt ein stabiles, bezahlbares und klimaneutrales Energiesystem.

Als Entscheider in Branche und Politik sollten wir gemeinsam Tempo machen! Wer Ausbau gegen Integration ausspielt, bremst beides. Wer beides gemeinsam beschleunigt, macht das System resilient, die Preise tragfähig und die Klimaziele erreichbar.

Foto: © MOHSSEN ASSANIMOGHADDAM (Portrait)

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