Spitzenforschung in der Medizin kann Leben retten, aber wie ist es um die Voraussetzungen dafür in Deutschland bestellt? Fest steht: Wenn medizinische Spitzenforschung schnell den Weg in die Versorgung findet, ist das nicht nur für die Patient:innen von Vorteil, es kann auch ein wichtiger Standortfaktor für die Pharma-Forschung sein.1
Deutschland war lange Vorreiter beim schnellen Zugang zu innovativen Arzneimitteln. Doch dieses Bild ändert sich gerade. Die Wartezeit auf neue Therapien ist um 50 % gestiegen, während die Verfügbarkeit in den letzten zwei Jahren um fast 20 Prozentpunkte gefallen ist.2
Dabei zeigt sich gerade in der Krebsforschung, wie schnell neue Therapien entwickelt werden können, die das Leben der Patient:innen verlängern und ihre Lebensqualität erheblich verbessern. Ein gutes Beispiel dafür ist die chronisch lymphatische Leukämie (CLL).
Blutkrebs muss heute kein Todesurteil mehr sein
Die CLL ist die häufigste Leukämieform bei Erwachsenen in Deutschland und macht etwa 36 % aller Blutkrebserkrankungen aus. Jedes Jahr erhalten circa 5.500 Menschen diese Diagnose. Eine von 90 Frauen und einer von 64 Männern erkranken im Laufe des Lebens an einer Leukämie.3 Ursache für die CLL ist eine unkontrollierte Vermehrung von B-Lymphozyten (weiße Blutkörperchen), die das Immunsystem schwächen und zu schweren Erkrankungen führen können. Bei einer chronischen Leukämieerkrankung ist eine Heilung nur selten zu erzielen.4
Die Therapie-Landschaft der chronischen lymphatischen Leukämie hat sich in den letzten Jahren stark verändert: Neben Chemotherapien stehen heute zielgerichtete Therapien, wie BTK- und BCL-2-Inhibitoren sowie innovative Kombinationstherapien zur Verfügung. So zeigen zielgerichtete Therapien, beispielsweise mit BTK-Inhibitoren, gute Ansprechraten, selbst bei Hochrisikopatient:innen.5 Und sie sind meist deutlich verträglicher als traditionelle Chemotherapien.6
Damit zahlen diese Innovationen auf die zentralen Ziele der Krebsforschung ein: Die Krankheit wirkungsvoll bekämpfen und Nebenwirkungen reduzieren.
Medizinische Innovationen sind auch ein Wirtschaftsfaktor
Spitzenforschung ist der Schlüssel, um die Therapie von Krankheiten wie der chronischen lymphatischen Leukämie nachhaltig zu verbessern. Um das Potenzial dieser Spitzenforschung voll auszuschöpfen, brauchen wir bessere Rahmenbedingungen – sowohl auf europäischer als auch auf nationaler Ebene.
Neue Therapieansätze, wie zum Beispiel BTK-Degrader in der onkologischen Forschung, müssen schnell zu den Patient:innen gelangen. Das gelingt nur, wenn Hersteller, Leistungserbringer und Politik zusammenarbeiten.
Spitzenforschung ist hierzulade zudem ein Wirtschaftsfaktor: Eine Studie des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) prognostizierte bereits vor einigen Jahren, dass mit medizinischen Innovationen bis 2037 im deutschen Gesundheitssektor bis zu 1.400 Milliarden Euro eingespart werden können.7
Wie aus Innovationen lebensrettende Therapien werden
Der Weg lebensrettender Medikamente von der Forschung in die Versorgung ist oft länger als nötig. Dem trägt das neue Medizinforschungsgesetz Rechnung:
- Es verbessert die Zusammenarbeit mit Arzneimittelzulassungsbehörden mit Hilfe von digitalisierten Zulassungsverfahren. Zudem setzt es auf gemeinsame Plattformen, die den Informationsaustausch beschleunigen.8
- Die Anerkennung von Drittlandinspektionen erleichtert globale Studien und die Zusammenarbeit mit internationalen Partnern. Das ermöglicht eine schnellere Zulassung neuer Medikamente und niedrigere Administrationskosten.
- Pharmaunternehmen sind von gewissen preisregulierenden Leitplanken, die im Rahmen des 2022 eingeführten GKV-Finanzstabilisierungsgesetz festgelegt wurden, befreit, wenn 5 % der Patient:innen in ihren klinischen Studien aus Deutschland stammen. Dies stärkt den Pharmastandort Deutschland. Allerdings fehlen oft noch rechtliche Voraussetzungen, und die Hürden für deutsche Patient:innen, an internationalen Studien teilzunehmen, sind hoch.9
Ein echtes Spitzenforschungsgesetz sollte deutlich weitergehen: Es sollte nicht nur Prozesse beschleunigen, sondern auch den Marktzugang für wirklich patientenrelevante Therapiefortschritte und Innovationen erleichtern. Beispielsweise mit Fast-Track-Zulassung für bahnbrechende Therapien oder der Einführung eines Innovationsbonus, der frühzeitigen Zugang neuer Therapien in das Gesundheitssystem erleichtert.
Welche Bedingungen für medizinische Spitzenforschung entscheidend sind, möchte ich mit Ihnen diskutieren: Am 13. Mai im Rahmen unseres virtuellen Expertengesprächs mit dem Handelsblatt zum Thema „Wie kommt medizinische Spitzenforschung in der Onkologie schnell und wirksam in die Versorgung?“
1 Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (2007): ‚Innovationssystem Gesundheit: Ziele und Nutzen von Innovationen im Gesundheitswesen‘, Karlsruhe.
2 Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa). (2024). Zukunft AMNOG: Neue Impulse für die Patientenversorgung. Verfügbar unter: https://www.vfa.de/de/wirtschaft-politik/amnog/zukunft-amnog-neue-impulse-fuer-die-patientenversorgung [Zugriff am 23. Februar 2025]
3 Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ) (o. J.). Chronisch lymphatische Leukämie (CLL). Verfügbar unter: https://www.krebsdaten.de/Krebs/DE/Content/Krebsarten/Leukaemien/leukaemien_inhalt.html [Zugriff am: 27. Februar 2025].
4 Krebsinformationsdienst (2023). Chronisch lymphatische Leukämie (CLL). Verfügbar unter: https://www.krebsinformationsdienst.de/chronische-lymphatische-leukaemie [Zugriff am: 27. Februar 2025].
5 Onkopedia (September 2024). Chronische lymphatische Leukämie (CLL). Verfügbar unter: https://www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/chronische-lymphatische-leukaemie-cll [Zugriff am: 28. Februar 2025].
6 Krebsinformationsdienst (05.02.2025). CLL: Ohne Chemotherapie – geht’s auch? Verfügbar unter: https://www.krebsinformationsdienst.de/fachkreise/nachrichten/detail/cll-ohne-chemotherapie-gehts-auch [Zugriff am: 27. Februar 2025].
7 VFA (2007) Medizinische Innovationen bringen Einsparungen in Milliardenhöhe, [online] verfügbar unter: https://www.vfa.de/de/presse/pressemitteilungen/pm-042-2007-medizinische-innovationen-bringen-einsparungen-in-milliardenhoehe.html (Zugriff: 28. Februar 2025).
8 Bundesministerium für Gesundheit (2024): ‚Medizinforschungsgesetz (MFG)‘, Gesetz vom 29. Oktober 2024. Verfügbar unter: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/gesetze-und-verordnungen/detail/medizinforschungsgesetz.html (Zugriff am 17. März 2025).
9 Bundesministerium für Gesundheit (2024): ‚Medizinforschungsgesetz: Entwicklung und Produktion von Arzneimitteln in Deutschland wird attraktiver‘, Pressemitteilung vom 4. Juli 2024. Verfügbar unter: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/presse/pressemitteilungen/medizinforschungsgesetz-bundestagsbeschluss.html (Zugriff am 17. März 2025).