Gas zwischen Markt und Geopolitik – Brücke für die Transformation, Machtinstrument globaler Strategien

Artikel aus dem Handelsblatt Journal Energiewirtschaft vom 28.08.2025

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat sich die geopolitische Landkarte grundlegend verschoben – ebenso der globale Gasmarkt. Erdgas bleibt für Europa und für Deutschland als Brückentechnologie unerlässlich, ist heute aber mehr denn je geopolitisches Machtinstrument. Seine strategische Relevanz zeigt sich nicht nur in Europas neuen Lieferbeziehungen, sondern auch in der globalen Neuordnung von Handelsströmen, Einflusszonen und Markträumen. LNG spielt dabei gegenüber Pipelinegas eine zunehmend strategische Rolle.

Globale Schlüsselrolle von LNG: global, vernetzt, konzentriert

Schon vor dem Ukraine-Krieg war LNG zentrale Komponente der globalen Gasversorgung. Seitdem wird die durch den Ausfall russischer Pipelineimporte entstandene Lücke in Europa – neben Norwegen – maßgeblich durch LNG gedeckt. Europa ist nach Asien zum wichtigsten LNG-Nachfragemarkt geworden und steht in strukturellem Wettbewerb mit Asiens Industrie- und Entwicklungsländern um Volumen und Preise. Die wachsende Korrelation regionaler Preisbildungsmechanismen und der Anstieg von Gas-zu-Gas-Formeln, auch in langfristigen Verträgen, befeuern diesen Wettbewerb. Dieser wird sich zumindest mittelfristig verschärfen, da die EU plant, russisches Gas bis 2027 zu verbieten.

Ein nunmehr global verflochtener Markt, in dem große Nachfragezentren konkurrieren, trifft kurz- bis mittelfristig auf knappe Angebotskapazitäten und zunehmende Marktkonzentration. Angebotsseitig hat der Krieg die Machtverhältnisse massiv verschoben. Russland verliert an Einfluss – vor allem in Europa – und bedient verstärkt asiatische Märkte. Zwar sind russische Restlieferungen via Pipeline und LNG noch Teil der europäischen Versorgung, eine dominierende Position auf dem LNG-Markt ist jedoch nicht absehbar. Dagegen haben die USA und Katar ihre Stellung erheblich gestärkt. Beide Länder können ihre Kapazitäten mittelfristig deutlich ausweiten. Sie verfügen über günstige Produktionsbedingungen, geografische Vorteile oder flexible Vertragsmodelle. Damit bedienen sie sowohl Europa als auch Asien und profitieren von Preisschwankungen und Nachfrageverschiebungen. Die Interaktion zwischen Produzenten und Verbrauchern wird dadurch dynamischer – und zugleich konzentrierter.

Gaspolitik ist keine reine Marktfrage mehr, sondern Teil globaler Geopolitik.

Dr. Andreas ReichelDr. Jacopo Maria Pepe, Stiftung Wissenschaft und Politik

Marktdominanz, Vertragspräferenzen und Geopolitik: neue Machtkonstellationen

Diese neuen Marktstrukturen treffen auf geopolitische Spannungen und militärische Risiken – etwa im Nahen Osten, Osteuropa oder im Südchinesischen Meer. Vertragspräferenzen spiegeln wiederum diese Realität: Spotgeschäfte bieten Flexibilität, sind aber preissensibel. Langfristverträge bedeuten Stabilität, aber auch geopolitische Bindung. Europa strebt flexible Langfristverträge ohne Abnahmegarantien und mit Wiederverkaufsoptionen an – ein Modell, das derzeit nur die USA bieten.

Die USA sind tatsächlich binnen weniger Jahre zum größten LNG-Exporteur und Europas Hauptlieferant aufgestiegen (2023 gingen rund 60 Prozent der US-Exporte nach Europa). Diese Bindung birgt aber Risiken für Europa. Zwar wird die US-LNG-Industrie von privaten Firmen dominiert, doch Exportlizenzen unterliegen politischen Entscheidungen. Die Trump-Regierung könnte Lieferungen weiter ausweiten wollen, ebenso wie einschränken – etwa zur Preisstabilisierung im Inland oder als geopolitisches Druckmittel. Durch die Vertragsflexibilität behalten US-Produzenten die Möglichkeit, bei Preisspitzen Lieferungen nach Asien umzuleiten – was nicht nur ihren Einfluss stärkt, sondern auch der Administration geopolitischen Hebel verleiht.

Katar – weltweit drittgrößter Exporteur mit ehrgeizigen Ausbauplänen – bevorzugt starre, ölindizierte Langfristverträge. Es bedient primär Asien, bietet sich Europa jedoch als Partner an, um zwischen beiden Märkten zu balancieren, geopolitischen Spielraum zu wahren und globalen Einfluss auszubauen.

China – mittlerweile größter LNG-Importeur – verfügt dank diversifizierter Pipeline- und LNG-Quellen über mehr Flexibilität als Europa. Die Hinwendung Russlands nach Asien spielt China in die Hände. Zwar stiegen die Lieferungen über „Power of Siberia“ 2023 auf über 22 Mrd. m³, doch das reicht nicht aus, um die nach Europa ausgefallenen Mengen zu ersetzen. Projekte wie „Power of Siberia 2“ stagnieren. China bleibt zurückhaltend, nutzt seine Position gegenüber Zentralasien geschickt aus und dominiert dort als preissetzender Abnehmer. Gleichzeitig kann es auf LNG aus Australien, Indonesien und Katar zurückgreifen.

Dank multipler Versorgungsoptionen nutzte China bereits vor dem Handelskrieg US-LNG flexibel, spekulierte auf Preissignale und verkaufte es weiter – auch als geopolitisches Instrument. Die jüngste Kündigung von US-Verträgen durch Peking blieb für die Versorgung folgenlos, unterstreicht jedoch Chinas strategische Haltung. Dazu zählt auch der Versuch währungspolitischer Einflussnahme: Der erste LNG-Deal in Yuan 2023 markiert den Versuch, den Petrodollar herauszufordern und den Yuan als Rohstoffwährung zu etablieren.

Der Umgang mit Gas wird auch über die Transformationspfade entscheiden.

Dr. Jacopo Maria PepeStiftung Wissenschaft und Politik

Neue maritime Arenen: Arktis und globaler Süden

Die neue Gasgeopolitik ordnet nicht nur Machtverhältnisse neu, sondern auch Räume. Pipelinegas aus Eurasien verliert für Europa an Bedeutung, bleibt jedoch zentral für die Achse China–Russland–Zentralasien sowie Akteure wie die Türkei. Zugleich rücken maritime Räume ins Zentrum strategischer Gaspolitik: In der Arktis eröffnen schmelzende Eismassen neue Routen, und im Kontext zukünftiger Projekte wie LNG-Terminals auf der Jamal-Halbinsel oder der Northern Sea Route bauen Russland, China und die USA ihre Präsenz aus.

Gas als (noch) geopolitische Systemressource

Gas ist heute mehr denn je Systemressource: Der Umgang mit Gas wird auch über die Transformationspfade entscheiden. Gaspolitik ist gleichzeitig keine reine Marktfrage mehr, sondern Teil globaler Geopolitik. LNG bietet zwar weniger Infrastrukturbindung, und Produzenten sind formell diverser als beim Pipelinegas – doch seine maritim verflochtenen Lieferketten bleiben komplex, transportabhängig und sicherheitsanfällig, während Marktbeziehungen und Vertragspräferenzen auch von geopolitischen Agenden geprägt sind.

Für Europa heißt das: Die Energiewende wird immer mehr zum geopolitischen Imperativ – bleibt aber auf absehbare Zeit additiv, nicht substitutiv. Erdgas und LNG bleiben zentrale Pfeiler der Übergangsphase. Die europäische Versorgungslage ist derzeit relativ stabil, und neue Marktbedingungen bieten Chancen – doch in Kombination mit Volatilität und geopolitischen Spannungen entsteht eine potenziell destabilisierende Mischung. Weder Selbstzufriedenheit noch der Glaube an ein rasches Ende der Abhängigkeiten sind angebracht. Neben der beschleunigten Transformation des Energiesystems, inklusive Wasserstoff, muss Europa seine Gasdiplomatie neu denken, asymmetrische Abhängigkeiten durch pragmatische Diversifizierung abfedern, Interdependenzen strategisch managen – und an multilateralen Governance-Formaten wie einem LNG-Konzert oder langfristig einer Wasserstoffallianz vorausschauend mitwirken.

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