Führungskräfte müssen lernen, gemischte Teams zu führen – menschliche Kollegen und KI-Mitarbeiter.

Dr. Andreas Kohne ist KI-Experte, Autor und Hochschuldozent. Er begleitet Unternehmen beim strukturierten Einsatz von Künstlicher Intelligenz – mit dem Anspruch, dass KI messbare Ergebnisse liefert, keine leeren Versprechen. Im Interview spricht er über den Wandel in der Führungsarbeit, über Teams, in denen Menschen und KI-Mitarbeiter gemeinsam arbeiten und darüber, warum die meisten Unternehmen den entscheidenden Schritt noch nicht getan haben.

Herr Dr. Kohne, KI ist gerade in aller Munde. Trotzdem haben viele Unternehmen noch nichts Konkretes umgesetzt. Woran liegt das?

Die meisten Unternehmen denken bei KI an Technologie. An Software, an Plattformen, an IT-Projekte. Und dann passiert immer das Gleiche: Man führt etwas ein, es funktioniert auch – aber nach sechs Monaten kann niemand sagen, was es konkret gebracht hat. Weil sich keiner zuständig fühlt. Weil es kein Reporting gibt. Weil Technologieprojekte oft so sind; sie versanden. Das eigentliche Problem ist kein technisches. Es ist ein Führungsproblem.

Ein Führungsproblem, das ist eine steile These. Was meinen Sie damit?

Ein Mitarbeiter hat eine Stellenbezeichnung, eine Aufgabe, einen messbaren Output. Für einen Mitarbeiter fühlt sich jemand zuständig. Genau das fehlt bei KI-Projekten. Ich erlebe in Organisationen regelmäßig, dass niemand sagen kann, was die KI-Automation im in ihrem Bereich eigentlich leistet. Ob sie noch läuft, ob sie Fehler macht, was sie kostet. Das würde bei einem menschlichen Mitarbeiter niemand durchgehen lassen. Also lautet meine These: Wer KI wie Software führt, wird scheitern. Wer KI wie Personal führt, wird gewinnen.

KI wie Personal führen: Was bedeutet das in der Praxis?

Es bedeutet, dass jede Automation, jeder Assistent, jeder Agent eine Stellenbezeichnung bekommt. Eine definierte Aufgabe. Dokumentierte Arbeitszeiten. Messbare Ergebnisse. Und jemanden, der dafür verantwortlich ist. Wir nennen das KI-Mitarbeiter. Das klingt zunächst ungewohnt, aber es löst ein echtes Problem: Der Beirat versteht es. Die Fachabteilung versteht es. Die Führungskraft weiß, was sie führt. Das Konzept des Mitarbeiters ist für Menschen intuitiv. Technologie nicht.

Das klingt fast so, als ob Führungskräfte bald gemischte Teams aus Menschen und KI leiten müssten. Ist das realistisch?

Das ist keine Zukunftsvision. Das passiert gerade. In vielen Unternehmen arbeiten bereits KI-Systeme, die Aufgaben übernehmen, für die früher ein Mensch zuständig war. Die Frage ist nur, ob das bewusst gemanagt wird oder im Verborgenen läuft. Ich sage: Führungskräfte müssen in den nächsten Jahren lernen, gemischte Teams zu führen. Menschliche Kollegen und KI-Mitarbeiter. Mit klaren Stellenprofilen auf beiden Seiten. Mit Verantwortlichkeiten. Mit Feedback-Schleifen. Das ist eine neue Führungsaufgabe und die wenigsten sind darauf vorbereitet.

Was verändert sich konkret in der Führungsarbeit?

Drei Dinge. Erstens: Personalplanung wird komplexer. Die Frage lautet nicht mehr nur „Wen stellen wir ein?“, sondern „Welche Stellen besetzen wir mit Menschen und welche mit KI-Mitarbeitern?“ Das ist eine strategische Entscheidung, die Führung treffen muss. Zweitens: Verantwortung bleibt beim Menschen. Ein KI-Mitarbeiter liefert Ergebnisse. Aber wer prüft, ob sie stimmen? Wer justiert, wenn etwas schiefgeht? Das ist menschliche Führungsarbeit. Drittens: Change-Management wird wichtiger. Teams müssen lernen, mit KI-Kollegen produktiv zu werden. Das passiert nicht von allein.

Gibt es eine These, die Sie auf Ihrer Bühne besonders vertreten werden?

Mehrere. Die erste: Jedes Unternehmen hat heute zehn offene Stellen, die kein Mensch besetzen sollte. Routineaufgaben, die Kapazität binden, aber kein menschliches Urteil brauchen. Die zweite: Ihr bester Mitarbeiter kündigt nicht, weil die KI kommt, sondern weil er sich weiter in Aufgaben verliert, die unter seinem Können liegen. KI-Mitarbeiter schaffen Raum für das, was Menschen wirklich können. Und die dritte: Wer heute nicht führen lernt, wie man KI-Mitarbeiter einstellt und steuert, überlässt die Entscheidung dem Markt. Der ist da weniger geduldig.

Was nehmen die Zuhörerinnen und Zuhörer aus Ihrem Vortrag mit?

Keine Folien voller KI-Hype. Sondern ein konkretes Bild davon, was sich in ihrer Führungsarbeit bereits verändert und was sie tun können, um diese Veränderung aktiv zu gestalten, statt nur zu reagieren. Und vielleicht die Erkenntnis, dass KI keine Bedrohung für gute Führung ist. Sondern eine Chance, Führung endlich wieder auf das zu konzentrieren, was sie ausmacht: Menschen entwickeln, Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen.

Dr. Andreas Kohne spricht auf der „Work in Progress 2026“ zum Thema „Warum KI bereits heute Entscheidungen, Verantwortung und Zusammenarbeit prägt“.