Europas Zukunft entscheidet sich in Deutschland

Artikel aus dem Handelsblatt Journal „Energiewirtschaft“

Die Schlagzeilen über den Niedergang der deutschen Industrie mehren sich. Gleichzeitig ist in Europa etwas alltäglich geworden, was noch vor Kurzem undenkbar schien: die reale Möglichkeit eines Kriegs auf unserem Kontinent. Keine hundert Jahre nach dem letzten verheerenden Konflikt diskutieren wir erneut über Aufrüstung. Was wie zwei getrennte Debatten wirkt, hat denselben Kern: Europas Verwundbarkeit. Und beides verlangt eine entschlossene Antwort.

Energie als Standortfrage – und als Chance

Europa kann Sicherheit nicht importieren. Milliarden für Verteidigung verpuffen, wenn Energie zur Erpressungswaffe wird. Kein Land besitzt echte Souveränität, wenn es andere braucht, um seine Fabriken zu betreiben, seine Häuser zu heizen oder seine Streitkräfte zu versorgen. Wer Europas Sicherheit stärken will, muss zuerst die Energieabhängigkeit beenden. Und Europas industrielle Stärke steht und fällt mit Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit – beide sind untrennbar.

Darum ist der Zustand der deutschen Wirtschaft eine europäische Frage. Energiepreise, Wettbewerbsprobleme, Vertrauensverlust: Die industrielle Basis steht unter erheblichem Druck. Vom Werk bis in die Vorstandsetagen wächst die Sorge, dass der Standort den Anschluss verliert. Bricht die deutsche Industrie ein, verliert Europa seinen wirtschaftlichen Halt – nur mit einem starken Deutschland kann Europa wirtschaftlich Kurs halten.

Vom Innovationsführer zum Zauderer

Doch genau hier liegt das strukturelle Problem, das Europa lösen muss. Es mangelt uns nicht an Innovationen, sondern an der Fähigkeit, sie in die Breite der Wirtschaft zu tragen – und so Wohlstand, Arbeitsplätze und industrielle Wettbewerbsfähigkeit zu schaffen. Europa erfindet, andere industrialisieren. Über 80 Prozent der Solarkomponenten und 60 Prozent der Windturbinen kommen inzwischen aus China – nicht, weil wir schlechter sind, sondern weil wir zu langsam, zu vorsichtig, zu risikoavers agieren.

Eine Kurskorrektur ist möglich – aber nur, wenn Europa bereit ist, alte Tabus zu brechen und nationale Silos hinter sich zu lassen. Wir müssen regulatorische Vorsicht durch Entschlossenheit ersetzen und die fragmentierten nationalen Strategien überwinden, die uns Geschwindigkeit und Wettbewerbsfähigkeit gekostet haben. Der globale Wettbewerb wartet nicht – und Europas Zeitreserven sind längst aufgebraucht.

 

Fusion ist keine ferne Vision, sondern ein strategischer Baustein des künftigen europäischen Energiemixes.

Milena RovedaCEO, Gauss Fusion und Vorsitzende der European Fusion Association

 

Energie ist das Nadelöhr

Solange Europa energiepolitisch abhängig bleibt, bleiben auch seine sicherheitspolitischen Ambitionen begrenzt. Alle Schlüsseltechnologien, auf die Deutschland und Europa ihre Zukunftsagenda ausrichten – insbesondere Künstliche Intelligenz und Quantentechnologien –, basieren auf einem stetig wachsenden Bedarf an verlässlicher Energie. Ohne eine sichere und skalierbare Energieversorgung bleiben diese Technologien strategisch verwundbar und industriell nicht durchsetzbar. Hier kommt die Fusionsenergie ins Spiel. Fusion ist keine ferne Vision, sondern ein strategischer Baustein des künftigen europäischen Energiemixes. Europa muss jetzt mit dem Aufbau dieser neuen Schlüsseltechnologie beginnen – wenn es seinen industriellen Anspruch für die kommenden Jahrzehnte sichern will.

Zögern kostet Vorsprung – Fusion kann ihn zurückbringen

Die Wirtschaftlichkeit der Fusion beginnt nicht erst, wenn der erste Reaktor ans Netz geht – sie beginnt mit den Lieferketten, die wir heute aufbauen müssen. Das heißt: mit der Entwicklung spezialisierter Komponenten und Materialien sowie dem Aufbau qualifizierter Fachkräfte – flankiert von regulatorischen Rahmenbedingungen, die industrielle Umsetzung ermöglichen. Die europäische Industrie muss jetzt handeln: Wer heute die Fusions-Lieferketten aufbaut, dem gehört morgen der Markt. Wenn Deutschland seine strategische Position sichern will, muss es diese industrielle Führungsrolle übernehmen – nicht in zwanzig Jahren, nicht morgen, sondern heute. Und wenn Deutschland führt, kann Europa seinen industriellen Anker wiederfinden.

Europa braucht keinen weiteren Arbeitskreis, sondern eine echte industrielle Allianz – einen Eurofighter für die Fusion. Entscheidend sind gebündelte Kräfte, klare Prioritäten und hohes Tempo. Symbolpolitik genügt nicht mehr. Europas Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit hängen von seiner technologischen Schlagkraft ab.

Deutschland trägt hier Verantwortung. Seine industrielle Führungsrolle hat Europas wirtschaftliche Stärke über Jahrzehnte geprägt. Die USA streben mit Tempo nach globaler Energiedominanz, China skaliert industrielle Produktion in einem Ausmaß, das Europa nie erreicht hat. Zögern ist keine Option mehr. Europa kann es sich nicht leisten, zu Hause zu forschen, während andere unsere Technologien industriell verwerten und wirtschaftlich nutzen.

Deutschlands Entscheidung ist Europas Zukunft: Rückzug oder Führung. Stillstand oder industrielle Erneuerung. Statt eines „verwalteten Abstiegs“ braucht es den Mut, in jene Technologien zu investieren, die Europas Souveränität definieren werden. Das erfordert einen Blick über Legislaturperioden hinaus, über nationale Grenzen hinweg und jenseits jener vorsichtigen Mentalität, die Europa zu lange gebremst hat.

Mut hat Deutschland einst stark gemacht. Mut kann Deutschland – und damit Europa – wieder souverän machen.

Das aktuelle Handelsblatt Journal
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