Artikel aus dem Handelsblatt Journal Sicherheit und Verteidigung
Europa ringt um Klarheit. Die Weltordnung ist unübersichtlicher und lauter geworden. In Washington sitzt eine Regierung, die Sicherheitspolitik offen als Geschäft versteht, ihren Verbündeten klar sagt, was sie erwartet, und doch unberechenbar bleibt. Russland führt einen Angriffskrieg gegen die Ukraine, der täglich zeigt, was es heißt, wenn Grenzen gewaltsam verschoben werden. Unser wichtigster Verbündeter und unsere größte Bedrohung stehen sich aktuell gegenüber und sind dabei näher beieinander, als es Europa lieb sein kann.
Und dennoch bleiben die Vereinigten Staaten für unsere Sicherheit unverzichtbar. Ohne ihre Fähigkeiten bei Abschreckung, Aufklärung und strategischem Transport wird Europa auf absehbare Zeit nicht auskommen. Das anzuerkennen heißt nicht, die Bemühungen um mehr europäische Handlungsfähigkeit aufzugeben. Nicht alles, das uns aufschrecken lässt, ist ein Weckruf. Manches ist nur eine Ablenkung. Auch eine deutliche US-Sicherheitsstrategie sollte uns nicht aus dem Takt bringen.
Hier beginnen die Erwartungen an Berlin. Deutschland ist wirtschaftliches Schwergewicht und politischer Bezugspunkt, sicherheitspolitisch aber lange unter seinen Möglichkeiten geblieben. Wer von europäischer Verantwortung spricht, ohne die eigenen Blockaden bei Beschaffung, Planung und Entscheidungsfindung anzugehen, macht es sich zu leicht. Am Ende zählt, ob aus Investitionen einsatzbereite Fähigkeiten werden: Prozesse vereinfachen, Entscheidungen durchhalten und auf nationale Goldrandlösungen verzichten.
Gemeinsame Standards sind der Schlüssel
Europa hat in den vergangenen Jahren begonnen, seinen Kurs anzupassen. In der Verteidigung geht es nicht mehr nur um Koordination, sondern auch um Produktion. Die EU schafft Instrumente, mit denen gemeinsame Projekte finanziert, Serienfertigung ermöglicht und Versorgungssicherheit gestärkt werden. Solange aber jeder Mitgliedstaat eigene Varianten beschafft und eigene Prioritäten setzt, bleibt Europa teurer und langsamer, als es sein müsste. Gemeinsame Standards sind daher der Schlüssel für Interoperabilität und Effizienz. Diesen Weg müssen wir fortsetzen: gemeinsame Projekte fördern, Hürden abbauen und Rahmenbedingungen schaffen, damit die Mitgliedstaaten ihre Streitkräfte zügig und zielgerichtet ausrüsten können.
In Bezug auf die Ukraine müssen wir Europäer die Unterstützung mit den USA eng abstimmen und zugleich klar formulieren, welche Rolle Europa in einer späteren Sicherheitsordnung spielt. Wer mitentscheiden will, darf nicht warten, bis andere den Rahmen setzen, sondern muss eigene Ideen einbringen. Etwa, dass europäische Kräfte einen Waffenstillstand überwachen könnten, ohne dauerhaft in der Ukraine zu stehen. Sie könnten als Over-the-horizon-forces in den Nachbarstaaten stationiert und einsatzbereit sein.
Weniger Angriffsfläche bieten
Sicherheit 2026 entscheidet sich nicht nur am militärischen Gerät, sondern auch in unseren Netzen und Leitungen. Sabotage, Spionage und Angriffe auf Energieversorgung, Häfen, Kommunikationsknoten und Verwaltungen gehören längst zum Repertoire unserer Gegner. Europa reagiert darauf mit strengeren Anforderungen an kritische Infrastruktur, mit gemeinsamen Strukturen für Hilfe im Cyberraum und mit klareren Meldepflichten. Entscheidend ist, dass das im Alltag trägt.
Weniger sichtbar, aber genauso entscheidend für unsere Sicherheit sind kritische Rohstoffe und Lieferketten. Ob Luftabwehrsystem, Energiespeicher oder Glasfaser: Überall verstecken sich seltene Erden und Vorprodukte, die wir uns zu lange aus zu wenigen Quellen beschafft haben. Diese Abhängigkeiten sind ein potenzielles Druckmittel gegen Europa. Die EU reagiert mit Vorgaben für Diversifizierung, mit Förderung von Verarbeitung und Recycling in Europa und mit schnelleren Verfahren für strategische Projekte. Das ist mühsam, aber unvermeidlich.
Europa muss den Worten Taten folgen lassen
Die Politik muss jetzt liefern, um Handlungsfähigkeit zu sichern: vor allem Ehrlichkeit und Konsequenz. Ehrlichkeit darüber, dass Europa ohne die USA auf absehbare Zeit nicht auskommt, aber selbst deutlich mehr leisten kann. Konsequenz, wenn es darum geht, Prioritäten durchzusetzen, auch gegen Widerstände. Für Berlin heißt das, den Anspruch, führend zu sein, mit konkreten Entscheidungen zu unterlegen. Für Europa heißt es, weniger an Zuständigkeiten zu feilen und mehr an Ergebnissen zu arbeiten.
Sicherheitspolitik 2026 braucht keine großen Gesten. Sie braucht Partner, die leise, aber zuverlässig liefern. Wenn Europa sich darauf konzentriert, wird es in einer veränderten Weltordnung nicht zum Objekt fremder Entscheidungen, sondern bleibt handlungsfähiger Akteur. Genau daran sollten wir uns messen lassen.
Foto: © James Zabel