Europäische Verteidigungsbereitschaft: Eine Schlüsselrolle für die EDA

Wenn es ein Akronym gibt, das in der aktuellen sicherheits- und verteidigungspolitischen Diskussion der Europäischen Union herausragende Aufmerksamkeit erhält, dann ist es „EDA – European Defence Agency“ oder deutsch: die Europäische Verteidigungsagentur.

Artikel aus dem Handelsblatt Journal Sicherheit und Verteidigung

Seit mehr als zwei Jahrzehnten prägt sie die militärische Fähigkeitsentwicklung im Bereich der EU: Sie organisiert gemeinsame Ausbildung, koordiniert gemeinsame Forschung und Innovation, harmonisiert Verfahren und Prozesse, stimmt Fähigkeitsplanungen aufeinander ab, bereitet gemeinsame Beschaffungsprojekte vor und unterstützt die Mitgliedstaaten auf dem Weg zu interoperabler militärischer Ausrüstung.

Die Agentur wurde vor 21 Jahren gegründet und erhielt ihr Mandat im EU-Vertrag von 2003. Der dort definierte Auftrag bildet bis heute den Handlungsrahmen der EDA: Die Unterstützung der 27 Verteidigungsministerien der EU als „intergouvernementale” Agentur, als Kooperationsplattform und als „Anwalt der 27 in Brüssel”. Die 27 EU-Mitgliedstaaten sind dabei Eigentümer der Agentur, finanzieren ihre Arbeit und kommen zweimal jährlich auf Verteidigungsministerebene im Lenkungsausschuss zusammen, um die strategische Ausrichtung festzulegen. Darüber hinaus treffen sich regelmäßig jeweils die nationalen Rüstungs-, Fähigkeits- sowie Forschungs- und Innovationsdirektoren unter dem Dach der Agentur. Sie bestimmen in den jeweiligen Handlungsschwerpunkten Richtung und Aufgaben der Organisation.

Worum geht es? Im Wesentlichen dient die Agentur als vertrauenswürdige Plattform für Zusammenarbeit. Sie unterstützt die EU-Mitgliedstaaten – von denen 23 zugleich NATO-Alliierte sind – bei der Erreichung ihrer NATO- und nationalen Fähigkeitsziele. Partnerstaaten wie Norwegen, die Schweiz, die USA und die Ukrainesind durch spezielle Vereinbarungen assoziiert und tragen so zur Erweiterung der europäischen Verteidigungskooperation bei.

Fünf Kernaufgaben, fünf neue Schwerpunkte

Erst im vergangenen Jahr haben sich die Mitgliedstaaten auf fünf zentrale Aufgaben verständigt, die den Arbeitsauftrag der Agentur klar definieren.

  • Erstens helfen wir dabei, Prioritäten zu setzen: Wir identifizieren, welche militärischen Fähigkeiten Europa benötigt und wo Schwerpunkte zu setzen sind.
  • Zweitens fördern wir Zusammenarbeit in Forschung, Technologie und Innovation – ein Bereich, der sich schneller entwickelt als je zuvor.
  • Drittens unterstützen wir die gemeinsame Fähigkeitsentwicklung, damit aus Konzepten reale militärische Fähigkeiten werden.
  • Viertens identifizieren wir Anforderungen und bündeln Bedarfe, um den Weg für gemeinsame Beschaffungen zu ebnen.
  • Und schließlich sind wir Sprachrohr der Verteidigungsministerien beim Einbringen militärischer Positionen bei überwiegend zivil geprägten EU-Programmen, wie beispielsweise die Durchsetzung militärischer Bedürfnisse bei der digitalen Transformation des europäischen Luftraums oder Zollbestimmungen der EU für militärische Transporte.

Zusammenarbeit ist für uns kein Schlagwort, sondern ganz praktische, konkrete Arbeit. Ein Beispiel sind die neun prioritären Fähigkeitsbereiche, die aus dem Weißbuch zur europäischen Verteidigungsbereitschaft 2030 abgeleitet wurden. Diese reichen von der integrierten Luft- und Raketenabwehr bis hin zu Artilleriesystemen. Für jeden dieser Bereiche gibt es verantwortliche Führungsnationen, die von der EDA organisatorisch, fachlich und durch die Anbindung an bestehende Programme unterstützt werden.

Unsere Government-to-Government-Plattform etwa hat sich als zentrales Instrument zur Identifizierung gemeinsamer Beschaffungsvorhaben etabliert.

Generalleutnant André DenkChief Executive, European Defence Agency – EDA

Ein weiteres Beispiel ist unsere im Juni 2025 implementierte „Government-to-Government-Plattform“. Sie bietet allen EU-Mitgliedstaaten einen umfassenden Überblick über mehr als 400 bestehende Beschaffungsprojekte und -verträge, die von einzelnen Staaten ausgehandelt wurden und nun anderen Partnern zur Verfügung gestellt werden – eine Zahl, die wöchentlich wächst. Die Plattform hat sich als zentrales Instrument zur Identifizierung gemeinsamer Beschaffungsvorhaben etabliert und wird in Kürze auch Projekte aus den Bereichen Forschung und Entwicklung einbeziehen.

Innovation ist ein weiterer wesentlicher Bestandteil zur Erfüllung unseres Auftrags. Der „Hub for European Defence Innovation” (HEDI) hat sich zum zentralen Motor für neue Ideen im Bereich Verteidigung entwickelt – das Aktivitätenspektrum reicht von Innovationspreisen und Hackathons bis hin zu Großveranstaltungen wie den diesjährigen „European Defence Innovation Days” in Krakau mit über 1.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern.

Im Rahmen gemeinsamer Erprobungskampagnen mit realistischen Szenarios – etwa zu luft- und bodengebundenen unbemannten Systemen für Logistik und Aufklärung – unterstützt die EDA, wie im Juli 2025 in Rom, die Transformation vielversprechender Konzepte in konkrete einsatzreife militärische Fähigkeiten. Auch die „Brave-Tech-Initiative“ der EU ist hierfür beispielhaft: Ein Programm mit einem Gesamtvolumen von 100 Millionen Euro, je zur Hälfte finanziert von der EU und der Ukraine, das darauf abzielt, ukrainische operative Bedarfe mit europäischen Innovationslösungen zusammenzuführen. Hier bieten wir europäische Lösungen für ukrainische Herausforderungen.

Auch die Fähigkeitsentwicklung profitiert von enger Kooperation. Ein aktuelles Beispiel ist die gemeinsame Initiative zu „Loitering Munitions”, bei der 18 EU-Mitgliedstaaten einen sogenannten „Letter of Intent”, d. h. eine politische Absichtserklärung zur stärkeren Zusammenarbeit, unterzeichnet haben. Seither unterstützten wir dabei, diese Fähigkeit zu definieren, unterschiedliche nationale Fähigkeitsforderungen zu harmonisieren, Bedarfe zu aggregieren, die europäische Industrie zu sichten und einen soliden „Business Case” für eine potenzielle gemeinsame Beschaffungen zu erarbeiten. Joint Action! – erneut ein Beleg dafür, was möglich ist, wenn Staaten ihre Anstrengungen bündeln.

Mit Blick nach vorn haben Europas Staats- und Regierungschefs beim Treffen des Europäischen Rats im Oktober 2025 die Stärkung der Agentur beschlossen. Eine Agentur, fit for purpose! Die inzwischen von uns vorgelegten Vorschläge konzentrieren sich auf fünf Bereiche: Stärkung unserer Rolle in Forschung und Innovation; Ausbau unserer Unterstützung bei der gemeinsamen Fähigkeitsentwicklung; Verbesserung der gemeinsamen Beschaffung; Überprüfung unserer internen Strukturen und Ressourcen; sowie Vertiefung der Zusammenarbeit mit Partnern, einschließlich neuer Partner wie Kanada.

Während wir diese nächsten Schritte gehen, bleibt unser Kernauftrag unverändert: Wir unterstützen unsere Mitgliedstaaten dabei, effizienter und effektiver zusammenzuarbeiten und somit die kollektive Sicherheit der Europäischen Union signifikant zu stärken. Nach mehr als zwei Jahrzehnten ist dieser Gründungsgedanke der EDA weiterhin handlungsleitend – und angesichts der aktuellen Herausforderungen relevanter denn je.

Das aktuelle Handelsblatt Journal
Dieser Artikel ist im aktuellen Handelsblatt Journal „Sicherheit und Verteidigung“ erschienen. Das vollständige Journal können Sie sich hier kostenlos herunterladen:
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