Warum wir differenzierter über nachhaltiges Investieren sprechen müssen
Saskia Bruysten von Carbon Equity über die Unterschiede zwischen ESG und Climate Tech, Kapital als Hebel und warum Wirkung mehr als gute Absicht ist.
Frau Bruysten, fast jeder Fonds ist heute „ESG“. Warum ist das nicht automatisch gut für’s Klima?
ESG (=Environment, Social, Governance) ist ein Instrument zur Bewertung von Risiken – nicht von Wirkung.
Eines der wohl bekanntesten Beispiele: 2022 wurde Tesla aus dem S&P 500 ESG Index gestrichen¹ – während Ölkonzerne wie Exxon verblieben. Der Grund waren nicht Umweltaspekte, sondern soziale und Governance-Bedenken. Gleichzeitig schnitten Ölunternehmen wie Shell in ESG-Rankings teils besser ab als Tesla – obwohl deren Geschäftsmodell stark auf fossilen Energien basiert. Das spricht weder für Tesla noch für Exxon – sondern verdeutlicht: ESG bewertet interne Prozesse, nicht zwingend den Beitrag zur Lösung der Klimakrise.
Wer Klimawirkung erzielen will, muss daher weiter fragen: Was bewirkt mein Investment wirklich? Und wie viel CO₂ wird dadurch tatsächlich eingespart?
Und was ist dann Climate-Tech-Investing?
“Climate-Tech-Investing”, also Investitionen in Klimatechnologie meint: Wir investieren gezielt in Technologien, die Treibhausgasemissionen reduzieren oder ganz vermeiden – sei es durch grüne Energie, CO₂-Speicherung, neue Materialien oder die Dekarbonisierung energieintensiver Industrien. Das Ziel ist nicht nur Risikominimierung, sondern echte Wirkung.
Konkret heißt das zum Beispiel: Zement, der ohne fossile Brennstoffe hergestellt wird. Stahlproduktion, die mit grünem Wasserstoff statt mit Kohle funktioniert. Künstliche Intelligenz, die Stromnetze effizienter steuert. Oder Technologien, die CO₂ direkt aus der Luft holen und dauerhaft binden. Climate-Tech-Investing fragt: Wie groß ist der Beitrag zur Klimatransformation – und wie skalierbar ist er?
Warum werden ESG und Climate Tech Investing trotzdem so oft in einen Topf geworfen?
Weil beides das Label „nachhaltig“ trägt – und die Begrifflichkeiten oft unscharf verwendet werden. ESG ist heute Standard in vielen Public-Market-Portfolios. Aber ESG-Fonds investieren in börsennotierte Unternehmen – das bedeutet: Die Aktie wechselt lediglich den Besitzer, es fließt kein neues Kapital in die Firma. Der Klimanutzen ist damit begrenzt.
Climate-Tech-Investing dagegen findet zu über 90 Prozent im privaten Markt statt – also dort, wo neues Kapital tatsächlich Innovationen ermöglicht: für Startups, Scale-ups oder industrielle Klimalösungen, die auf Wachstum angewiesen sind. Wenn wir echten Impact erzielen wollen, reicht ESG nicht aus. Wir brauchen zusätzlich Investitionen, die gezielt auf Klimalösungen setzen und echten Kapitalzufluss schaffen. Wer beide Ansätze in einen Topf wirft, verpasst das eigentliche Potenzial von Climate-Tech-Investing.
Sie sagen: ESG ist notwendig, aber nicht hinreichend. Gilt das auch für die Regulierung? Wie sehen Sie Instrumente wie die EU-Taxonomie oder die CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive)?
Am Anfang war ich ehrlich gesagt begeistert. Als ESG Teil des europäischen Green Deal wurde, dachte ich: großartig – endlich bekommen diese Themen einen offiziellen Platz in den Vorstandsetagen. Ich bin fest davon ausgegangen, dass mehr Transparenz auch zu echtem Umsteuern führen würde.
Aber wie so oft, hat sich in der Praxis alles etwas anderes gezeigt. Die Intention war richtig – aber die Umsetzung ist vielerorts über das Ziel hinausgeschossen.
die CSR-Richtlinien sind extrem komplex geworden, es wurden unzählige KPIs eingefordert, die teilweise nicht wirkungsrelevant sind. In vielen Unternehmen haben sich die Nachhaltigkeitsabteilungen irgendwann nur noch mit Reporting beschäftigt – aber nicht mehr mit der Frage: Wie senken wir konkret unsere Emissionen?
Ein Beispiel: In manchen Firmen muss jeder Mitarbeitende erfassen, mit welchem Verkehrsmittel er wann wohin gefahren ist – um den CO₂-Fußabdruck zu berechnen. Das ist gut gemeint, aber es bindet Ressourcen, ohne automatisch zur Veränderung zu führen.
Ich finde es deshalb grundsätzlich sinnvoll, dass der sogenannte Omnibus – ein aktueller EU-Vorschlag zur Vereinfachung der Nachhaltigkeitsberichterstattung – jetzt eine Reduktion der Berichtspflichten vorsieht. Wenn wir es schaffen, dass 80 % der CO₂-Emissionen über eine reduzierte Zahl berichtspflichtiger Unternehmen abgedeckt werden, ohne kleine Akteure zu überfordern, wäre das ein Fortschritt. Aber wir sollten auch aus dieser ersten Phase lernen: Reporting allein reicht nicht. Wirkung entsteht durch Handeln – nicht durch Häkchen in Excel-Tabellen.
Wenn ESG nicht reicht – was ist dann Ihr Plädoyer an Investor:innen, die wirklich zur Lösung der Klimakrise beitragen wollen?
Mein Plädoyer ist: Schauen Sie hinter das Label. ESG ist ein guter Anfang – aber wenn Sie echten Klimanutzen erzielen wollen, reicht es nicht, bestehende Risiken zu verwalten. Gehen Sie einen Schritt weiter und fragen Sie: Wo entsteht zusätzliche Wirkung? Welche Technologien brauchen Kapital, um den Wandel voranzutreiben? Und wie kann mein Investment konkret zur Emissionsreduktion beitragen?
Wir haben heute alle Werkzeuge, um Wirkung messbar und investierbar zu machen – gerade im Bereich Climate Tech. Was wir brauchen, ist mehr Fokus, mehr Klarheit und manchmal auch mehr Mut. Denn Kapital, das Wirkung ermöglicht, ist nicht weniger rational – es ist einfach besser eingesetzt.
Frau Bruysten, vielen Dank für das Gespräch.